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Autoposer: Hauptsache laut und auffällig

Den Motor aufheulen lassen, mit möglichst laut quietschenden Reifen anfahren oder immer wieder kurze Vollgas-Sprints einlegen: So genannte Autoposer drehen ihre Runden in Innenstädten, entlang der Cafés, Bars und Restaurants mit Außenbewirtschaftung. Sie verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel: Aufmerksamkeit erregen. In Mannheim, wo das Problem besonders groß war, wurde 2016 eine Ermittlungsgruppe „Poser“ gegründet – mit hörbarem Erfolg.

Mannheimer Ermittlungsgruppe sagt Motorenlärm den Kampf an

Autoposing: nicht nur gefährlich, sondern häufig auch strafbar

© Peter Atkins/stock.adobe.com

Den Motor aufheulen lassen, mit möglichst laut quietschenden Reifen anfahren oder immer wieder kurze Vollgas-Sprints einlegen: So genannte Autoposer drehen ihre Runden in Innenstädten, entlang der Cafés, Bars und Restaurants mit Außenbewirtschaftung. Sie verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel: Aufmerksamkeit erregen. In Mannheim, wo das Problem besonders groß war, wurde 2016 eine Ermittlungsgruppe „Poser“ gegründet – mit hörbarem Erfolg.

Hauptsache auffallen

Mittwoch bis Samstag zwischen vier Uhr nachmittags und zwei Uhr nachts: In den Sommermonaten sind das die Arbeitszeiten von Polizeihauptkommissar Michael Schwenk und fünf seiner Kolleginnen und Kollegen der Verkehrspolizeidirektion Mannheim. Seit 2016 leitet Schwenk die Ermittlungsgruppe „Poser“. Diese wurde ins Leben gerufen, da es in der Mannheimer Innenstadt vermehrt Beschwerden von Anwohnern über Fahrzeugfu?hrer mit „Poserverhalten“ gab. „Meist handelt es sich dabei um junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren mit südländischem Migrationshintergrund. Es geht ihnen nicht darum, möglichst schnell zu sein, sondern das Ziel ist nur, mit ihren aufgemotzten und hochgetunten Autos Lärm zu machen und aufzufallen“, erklärt der Polizeihauptkommissar. Dafür werden häufig ältere Gebrauchtwagen teurer Automarken gekauft. „Die Fahrzeuge haben meistens schon tausende Kilometer runter und die Sitze sind ausgeleiert“, ergänzt der Ermittlungsgruppenleiter. Damit der Wagen optisch wieder hochwertiger aussieht, werden neue Räder und Felgen aufgezogen, das Auto tiefergelegt oder die Scheiben getönt. Zudem wird an der Lautstärke geschraubt, zum Beispiel durch die Manipulation der Auspuffanlage. Das hat zur Folge, dass die Fahrzeuge nicht mehr für den Straßenverkehr zugelassen sind. „Die meisten Poser handeln wahrscheinlich nicht mal vorsätzlich. Sie wollen nur cool sein“, weiß Schwenk.

Polizeihauptkommissar Michael Schwenk

Ermittlungsgruppe „Poser“, © privat

Schönwetter-Phänomen

Dass das Problem in Mannheim besonders groß ist, liegt an dem quadratischen Straßengrundriss der Innenstadt. „Die Rundstrecke zwischen Kunststraße und Fressgasse, wo es besonders viele Lokale mit Außengastronomie gibt, hat sich zur regelrechten Poser-Meile entwickelt“, sagt der Polizeihauptkommissar. „Hinzu kommt, dass wir dort relativ hohe Häuserschluchten haben. Das kann man sich ein bisschen vorstellen wie in New York auf der Wallstreet. Dadurch ist der Geräuschpegel besonders hoch.“ Sobald die Lokale entlang dieser Route ihre Außenbestuhlung abbauen, wird es in der Stadt langsam ruhiger. „Meist dauert das dann noch eine Stunde, dann haben die Poser kein Publikum mehr und daher auch keinen Grund mehr, laut durch die Stadt zu fahren.“ Bis dahin gibt es für Schwenk und sein Team allerdings viel zu tun – je besser das Wetter, desto mehr.

Erst hören, dann testen

Das polizeiliche Vorgehen bei den Kontrollen ist grundsätzlich immer dasselbe. Ein Team aus vier Polizeibeamtinnen und -beamten ist gemeinsam unterwegs. Während zwei im zivilen Funkstreifenwagen sitzen, sind die anderen beiden mit einem Krad unterwegs, eine Art Motorrad. „Zunächst parken wir in der Nähe der Poser-Meile und hören einfach mal, was passiert“, erzählt Michael Schwenk. Sobald die Einsatzkräfte einen Verdacht auf Posing haben, wird der Wagen durch die Kolleginnen und Kollegen auf den Krads, die als die so genannten Greifer agieren, gestoppt und der Funkstreifenwagen kommt hinzu. Anschließend erfolgt die „Quick-Kontrolle“, bei der Führerschein und Fahrzeugpapiere geprüft werden und das Team eine Vergleichsmessung mit einem Lautstärke-Messgerät macht. Bestätigt sich der Verdacht, dass am Fahrzeug geschraubt wurde, wird es sichergestellt. Der Fahrer des Wagens muss die Beamten dann zum Gelände der Verkehrsu?berwachung begleiten, wo eine weitere Vergleichsmessung mit dem diensteigenen Gera?uschpegelmessgera?t zur Verifizierung des Anfangsverdachts durchgeführt wird. „Bei Bestätigung erstellen wir abschließend ein Gutachten für den Gerichtsprozess. Gleichzeitig leiten wir das Verfahren zum Entzug der Betriebserlaubnis und das Bußgeldverfahren ein“, so der Polizeioberkommissar.

Maßnahme zeigt Erfolg

Allein im Zeitraum von Ende März 2017 bis Mitte Oktober 2017 wurden an 101 Kontrolltagen 1.284 Fahrzeuge und 1.794 Personen überprüft. Dabei stellte die Ermittlungsgruppe 20 Straftaten fest, davon zehn wegen Trunkenheit im Straßenverkehr oder Fahren unter Drogeneinfluss. Zudem wurde 294 Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten gestellt, der Großteil aufgrund technischer Veränderungen beziehungsweise Manipulationen. Hinzu kamen 262 Verwarnungen, davon 79 wegen unnötig verursachtem Lärm. Besonders hartna?ckigen Fahrzeugfu?hrern wurden Platzverweise erteilt (32 Fälle). Das konsequente Vorgehen der Ermittlungsgruppe zeigt große Wirkung. „Sie können im Sommer wieder problemlos in die Mannheimer Innenstadt gehen und sich im Café normal unterhalten, ohne dass andauernd jemand mit knallendem Auspuff oder quietschenden Reifen vorbeifährt“, freut sich Schwenk. „Außerdem bekommen wir viele E-Mails von Anwohnern, die sehr dankbar darüber sind, dass sie wieder ruhig schlafen können.“ Mittlerweile gibt Michael Schwenk deutschlandweit Seminare in anderen Polizeidienststellen, um die Kolleginnen und Kollegen über das Mannheimer Konzept der Poser-Kontrolle aufzuklären. „Man muss ja das Rad nicht neu erfinden. Bei uns funktioniert das Ganze sehr gut. Da gebe ich meinen Erfahrungsbericht gerne an andere weiter – schließlich besteht das Problem nicht nur in Mannheim, sondern auch den meisten anderen großen Städten.“

MW (28.09.2018)

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