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Mit dem Liegerad durch die Stadt

Sie sind schnell, bequem und ein echter Hingucker: Liegeräder. Statt auf einem Sattel nimmt der Radler halbaufrecht liegend in einem Schalensitz Platz. Leicht zurückgelehnt kann er so seinen Blick immer nach vorne ins Verkehrsgeschehen richten und hat auch bei einem Sturz keine große Fallhöhe.

Niedrige Fahrräder erfordern mehr Rücksichtnahme

Angebrachte Wimpel oder Fahnen verbessern die Sichtbarkeit von Liegerädern

© TRAUMVELO

 

Sie sind schnell, bequem und ein echter Hingucker: Liegeräder. Statt auf einem Sattel nimmt der Radler halbaufrecht liegend in einem Schalensitz Platz. Leicht zurückgelehnt kann er so seinen Blick immer nach vorne ins Verkehrsgeschehen richten und hat auch bei einem Sturz keine große Fallhöhe. Im Straßenverkehr werden Liegeräder durch ihre geringere Bauhöhe jedoch öfter von anderen Verkehrsteilnehmern verdeckt und in manchen Fällen schlechter wahrgenommen. Was sind die Hauptursachen für Radunfälle und wie hoch ist die Dunkelziffer? Wie viele Liegeräder waren im vergangenen Jahr in Unfälle verwickelt und wie können sich Liegeradfahrer im Straßenverkehr zusätzlich schützen?

Darauf achten, gesehen zu werden

Liegefahrräder sind neben Lastenfahrrädern und elektrobetriebenen Fahrrädern (E-Bikes) inzwischen keine Neuheit mehr im Straßenverkehr. Es gibt sie als zwei- und dreirädrige Variante. Dass Fahrer von Liegerädern durch die niedrige Konstruktion leichter übersehen werden als andere Radfahrer, schätzt André Weiß, stellvertretender Leiter der Direktion Verkehr Münster, als relativ unwahrscheinlich ein. „Weil so viele verschiedene Fahrradtypen im Straßenverkehr unterwegs sind, hat sich die Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer erhöht. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Liegeradfahrer sehr professionell und erfahren sind“, erklärt er. Sie müssten aufgrund der Fahrradkonstruktion besonders darauf achten, dass sie von Autofahrern gesehen werden. Seiner Erfahrung nach spiegelt sich das auch in ihrer zurückhaltenden und vorsichtigen Fahrweise wider.

Unfallbeteiligung und Dunkelziffer

In Münster ist das Fahrrad das mit Abstand meistgenutzte Verkehrsmittel: Über 500.000 Fahrräder sind dort täglich in Gebrauch, was erfreulich und gut für die Stadt, die Gesundheit und die Umwelt ist. Im Verkehrsraum bringt das jedoch auch erhöhte Gefahren mit sich. Im Jahr 2016 gab es in Münster 766 Verkehrsunfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren. 693 Menschen wurden verletzt, zwei davon tödlich. Wenn man das mit 455 verletzten PKW-Fahrern bei 2944 PKW-Unfällen vergleicht, erkennt man einen deutlichen Unterschied. Erfreulich ist, dass der Polizei in Münster im Jahr 2016 kein einziger Unfall mit einem Liegefahrrad gemeldet wurde. Trotzdem geht die Polizei von einer hohen Dunkelziffer bei Unfällen mit Radfahrern aus. Deswegen hat sie von 2008 bis 2014 in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Münster (UKM) eine interdisziplinäre Unfallstudie durchgeführt. Dabei verglichen sie die Zahl der polizeilich registrierten Unfälle mit Radfahrern mit der Zahl der verunfallten Radfahrer, die in die sechs Kliniken der Erstversorgung in der Stadt Münster eingeliefert wurden. Die Studie kam zu dem Ergebnis: Der Anteil der verletzt eingelieferten Radfahrer war mehr als doppelt so hoch wie der Anteil der polizeilich registrierten verunfallten Radfahrer. Das UKM strebt für das kommende Jahr eine Wiedereinführung dieser statistischen Erfassung an.

André Weiß

Stellvertretender Leiter der Direktion Verkehr der Polizei Münster, © PP Münster

Hauptursachen von Radunfällen

Die Polizei Münster benennt als Hauptursachen bei Fahrradunfällen das Einfahren von Radfahrern in den fließenden Verkehr, einen zu hohen Alkoholkonsum und häufig auch ungenügenden Abstand zu den anderen Radfahrern. „Die eigene Geschwindigkeit wird häufig unterschätzt“, warnt André Weiß. Auch das Fahren entgegen der Fahrtrichtung und rasante oder unüberlegte Überholvorgänge führen immer wieder zu Unfällen. Die Polizei weist ausdrücklich darauf hin, dass Unfälle nicht ausschließlich zwischen Radfahrern und Pkw passieren. „Bei uns in Münster sind rund ein Drittel der Unfälle mit Radfahrern ohne Pkw-Beteiligung. Das heißt, diese Unfälle entstehen zwischen Radfahrern oder mit Radfahrern und Fußgängern. Radfahrer müssen sich den Verkehrsraum nicht nur mit Autofahrern, sondern auch untereinander teilen. Deshalb sind wir auch strikt gegen die Freigabe der Benutzung eines Radwegs in Gegenrichtung, wenn es keine bauliche Trennung gibt“, betont Weiß.

Wimpel-Fahnen gibt es für Kinder- und für spezielle Erwachsenenräder

© TRAUMVELO

Präventives Fahren mit dem Liegerad

Weil Liegeräder von Autofahrern leichter übersehen werden können, sollten sie bei einer hohen Verkehrsdichte innerorts grundsätzlich mit niedriger Geschwindigkeit fahren. Eine weitere Gefahrenquelle beim Liegeradfahren entsteht, wenn es in der Stadt zu Begegnungen mit anderen Radfahrern kommt. Dabei ist es gerade mit einem zweirädrigen Liegerad schwer, in einer Gefahrensituation rechtzeitig auszuweichen. Während man mit einem normalen Fahrrad schnell noch einen Schlenker machen kann, ist das mit einem zweirädrigen Liegerad eher schwierig. Dreirädrige Liegeräder bieten hingegen ein sichereres Fahrerlebnis, weil sie durch die drei Räder eigenstabil stehen, wodurch ein schnelles Ausweichen und sicheres Abbremsen auch in Gefahrensituationen möglich ist. Um nicht so leicht übersehen zu werden, kann es für Liegeradfahrer in dichteren Verkehrssituationen sinnvoll sein, einen Wimpel an ihrem Rad zu montieren. Bei der Verwendung üblicher Kinderwimpel sollte man bedenken, dass man von anderen Verkehrsteilnehmern auch als Kind identifiziert werden könnte und damit in der Geschwindigkeit falsch eingeschätzt werden kann. Der Markt bietet daher inzwischen auch Wimpel und Fahnen speziell für Erwachsene an, die speziell auf die Anforderungen bei der Verwendung an Liegerädern zugeschnitten sind. „Wenn ein Liegeradfahrer hinter einer parkenden Pkw-Kolonne an einer Straße entlang fährt und ein Autofahrer biegt ab, dann nimmt er den Radfahrer erst einmal gar nicht wahr, weil er von den parkenden Autos verdeckt wird. Mit einem Wimpel würde man zumindest diesen schon über den Autos erkennen“, merkt Weiß abschließend an.

FL (27.10.2017)

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