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„Wir dürfen nicht nachlassen!“

In Deutschland lebt etwa jedes fünfte Kind in einer suchtbelasteten Familie. Kinder suchtkranker Eltern sind besonders anfällig dafür, irgendwann in ihrem Leben selbst eine Sucht zu entwickeln. Deswegen stehen Kinder aus suchtkranken Familien beim diesjährigen Drogen- und Suchtbericht besonders im Fokus. Im Interview mit PolizeiDeinPartner spricht Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, über die aktuellen Ergebnisse des Drogen- und Suchtberichts, die Gefahren des globalisierten Drogenmarktes und die neuen Herausforderungen für die Drogenprävention.

Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler im Gespräch

Kokain liegt in einer Welt des „Schneller, Höher, Weiter“ im Trend

© Gina Sanders, Fotolia

 

In Deutschland lebt etwa jedes fünfte Kind in einer suchtbelasteten Familie. Kinder suchtkranker Eltern sind besonders anfällig dafür, irgendwann in ihrem Leben selbst eine Sucht zu entwickeln. Deswegen stehen Kinder aus suchtkranken Familien beim diesjährigen Drogen- und Suchtbericht besonders im Fokus. Im Interview mit PolizeiDeinPartner spricht Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, über die aktuellen Ergebnisse des Drogen- und Suchtberichts, die Gefahren des globalisierten Drogenmarktes und die neuen Herausforderungen für die Drogenprävention.

Frau Mortler, was sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse des Drogen- und Suchtberichts 2017?

Dass wir in den letzten Jahren unglaublich viel in der Drogen- und Suchtpolitik getan haben, damit aber angesichts der erkennbaren Herausforderungen auf keinen Fall nachlassen dürfen! In diesem Jahr legen wir im Drogen- und Suchtbericht einen Schwerpunkt bei den Kindern aus suchtbelasteten Familien, einer Gruppe, die bislang viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: Wie geht es Kindern, deren Eltern alkoholkrank sind, Heroin nehmen oder das Familieneinkommen verspielen? Was muss geschehen, um ihre Situation zu verbessern? Wenn mich seit Beginn meiner Zeit als Drogenbeauftragte ein Thema ganz besonders berührt hat, dann sind es die Erzählungen von Kindern suchtkranker Eltern, die nicht wissen, wie es sein wird, wenn der Vater abends nach Hause kommt, ob die Mutter morgens aufsteht und ob es wieder ein Tag wird, an dem man sich am liebsten nur unter dem Kopfkissen verstecken möchte. Am Schlimmsten ist es dann, wenn sich die Kinder auch noch die Schuld für die Zustände geben, in denen sie leben. Kinder aus suchtbelasteten Familien sind keine Randgruppe – es geht um jedes fünfte oder sechste Kind in Deutschland. Wir gehen von etwa drei Millionen Kindern aus. Suchtpolitik darf nicht bei den Suchtkranken selbst enden: Ich will, dass endlich jedes Kind die Unterstützung bekommt, die es benötigt.

Welche globalen Drogentrends stellen Deutschland vor neue Herausforderungen?

Der Drogenmarkt ist heute fast vollständig globalisiert. Deswegen wirken sich die zentralen Trends auch bei uns aus. Im Moment werden so viel Koka und Schlafmohn angebaut wie nie zuvor. Diesem Angebot müssen wir in Deutschland mit allen verfügbaren Mitteln der Strafverfolgung entgegenwirken, aber auch in unserem Engagement zur Unterstützung der Anbau- und Transitländer aktiver werden. Anders als früher ist heute zudem weltweit ein unglaubliches Spektrum psychoaktiver Substanzen auf dem Markt, vor allem durch die vielen neuen synthetischen Drogen. Darauf mussten wir reagieren und haben deshalb mit unserem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz ganze Stoffgruppen verboten, um dem Wettlauf von Chemielaboren und Gesetzgeber Einhalt zu gebieten. Mit dem breiten Spektrum der verfügbaren Stoffe geht aber auch die Tendenz zum Mischkonsum einher. Es werden immer mehr verschiedene Stoffe durcheinander eingenommen – mit allen Gefahren für die Gesundheit. Wir müssen mehr über die gefährlichsten Kombinationen wissen, um mit unserer Prävention darauf reagieren zu können. Und noch eine Entwicklung sehe ich: Gerade Stimulanzien wie Kokain liegen im Trend. Diese Drogen haben es in einer Welt des „Schneller, Höher, Weiter“ einfach leicht. Diesem Trend müssen wir uns stellen und ab dem frühen Schulalter für ein Leben ohne vermeintliche Leistungssteigerer werben.

Marlene Mortler

Drogenbeauftragte der Bundesregierung, © Elaine Schmitt

Welche Zielgruppe liegt Ihnen bei der Drogen- und Suchtprävention besonders am Herzen?

Ich habe immer gerade Kinder und Jugendliche im Blick. Sie sind einfach am verwundbarsten. Da haben wir in den letzten Jahren extrem viel angeschoben, aber das ist auch nötig. Denken Sie nur daran, wie schwierig es für viele Jugendliche ist, einen gesunden Medienkonsum zu erlernen. Internetabhängigkeit ist heute leider ein Breitenphänomen geworden. Eine Studie der Deutschen Allgemeinen Krankenkasse (DAK) von 2016 zeigt etwa, dass jeder zwölfte junge Mann zwischen 12 und 25 Jahren auf eine krankhafte Weise nicht mehr von Computerspielen loskommt. Viele sehen die Antwort allein beim Erlernen von Medienkompetenz. Das ist fast richtig. Was wir aber auch brauchen, ist die Bereitschaft der Spielewirtschaft, weniger suchtgefährdende Spiele herzustellen. Außerdem müssen die Alterseinstufungen für Spiele endlich auch das Thema Sucht berücksichtigen. Woran sollen sich Eltern sonst orientieren?

Marlene Mortler wurde am 16. Oktober 1955 im fränkischen Lauf an der Pegnitz geboren. Die Politikerin ist seit 2002 Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Seit dem 15. Januar 2014 ist sie als Drogenbeauftragte der Bundesregierung im Amt. Sie koordiniert die Arbeit der Bundesressorts und vertritt sie gegenüber der Öffentlichkeit. Gleichzeitig setzt sie sich mit Initiativen für die Weiterentwicklung der Suchtprävention und des Hilfesystems ein.

Auf welche erfreulichen Entwicklungen blicken Sie hinsichtlich des Drogen- und Suchtberichts zurück?

Da gibt es eine Menge. Hier nur ein paar Beispiele: Wir haben in den letzten Jahren beim Alkohol- und Tabakkonsum junger Leute ganz klar eine Trendwende geschafft. Die Zahl der jugendlichen Raucher ist in den letzten 20 Jahren sogar um zwei Drittel zurückgegangen. Das ist wichtig, denn unter dem Strich sterben in Deutschland ja mehr als hundert Mal so viele Menschen an diesen Drogen als an allen anderen zusammen. Erfreulich finde ich auch, dass es uns in den letzten Jahren gelungen ist, bei der Prävention und Behandlung von Chrystal Meth-Abhängigkeiten einen Riesenschritt voranzukommen. Damit ist die Gefahr nicht gebannt, wir stehen ihr aber auch nicht mehr hilflos gegenüber.

FL (29.09.2017)

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