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Tödlicher Fusel

Methanol ist Gift für den menschlichen Körper und kann zum Tode führen. Trotzdem gibt es kriminelle Energien, die Spirituosen mit Methanol strecken, sie mit Originaletiketten versehen und so in den Handel bringen. Schülern wurden diese Machenschaften auf einer Klassenfahrt in die Türkei zum Verhängnis.

Der Genuss von schwarz gebranntem Alkohol kann lebensgefährlich sein

Eine Methanol-Vergiftung führt unbehandelt zum Tode

© Barbara Reddoch, fotolia

 

Methanol ist Gift für den menschlichen Körper und kann zum Tode führen. Trotzdem gibt es kriminelle Energien, die Spirituosen mit Methanol strecken, sie mit Originaletiketten versehen und so in den Handel bringen. Schülern wurden diese Machenschaften auf einer Klassenfahrt in die Türkei zum Verhängnis.

Drei Jugendliche sterben an Vergiftung

Es hätte alles so schön sein können: Für eine Reisegruppe Lübecker Real- und Berufsschüler sollte die Klassenfahrt ins südtürkische Kemer im März 2009 der Höhepunkt des Schuljahres werden. Auf dem Programm standen Sonne, Strand, Partys und jede Menge guter Laune. Doch anstatt des stimmungsvollen Ferientrips erlebten die Jugendlichen einen Alptraum. Das Drama beginnt als sich sieben Schüler an der Bar ihres Hotels „Anatolia Beach“ mit Schnaps eindecken wollen. Sie erwerben mehrere Wodka-Flaschen mit Originaletiketten, die sie anschließend bei einer gemeinsamen Feier leeren. Am nächsten Morgen ist einer der Jungen tot, zwei andere liegen im Koma. Jean-Pierre F. (17) und Jan L. (20) werden noch nach Deutschland ausgeflogen, sterben jedoch nach zwölf Tagen an schwersten Hirnverletzungen in der Uni-Klinik Lübeck. Die anschließenden Obduktionen ergaben schwerste Vergiftungen der Schüler mit dem Industriealkohol Methanol. Die nachgewiesene Konzentration lag mit festgestellten zwei Promille bei etwa dem Zehnfachen der normalerweise für einen Menschen tödlichen Menge. 

Methanol gehört nicht in Lebensmittel

Methanol eignet sich für unterschiedliche Anwendungen: Er dient als Kraftstoff und kann darüber hinaus als Frostschutzmittel verwendet werden. Auch in der chemischen Industrie kommt Methanol zum Einsatz. Taucht er in Getränken auf, gibt es dafür eigentlich nur zwei mögliche Gründe: Entweder liegt ein Fehler im Destillationsverfahren vor und statt dem gewünschten Speisealkohol Ethanol wird fälschlicherweise Methanol produziert. Das ist unter professionellen Bedingungen und seriösen Kontrollstandards praktisch unmöglich und kommt wenn überhaupt nur bei selbst gebrannten Schnäpsen vor. Oder es handelt sich um kriminelle Machenschaften und das Getränk wird aus Kostengründen mit Methanol gestreckt. Letzteres ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den Lübecker Schülern widerfahren, denn bereits seit längerem ist bekannt, dass in der bei Urlaubern beliebten Gegend um Kemer immer wieder gefährlicher Fusel auftaucht.  

 

Eine gepanschte Flasche Alkohol ist für den Laien nicht vom Original zu unterscheiden

© Okea, fotolia

Nachfrage ruft Kriminelle auf den Plan

Das türkische Landwirtschaftsministerium in Antalya hat erst kürzlich auf besorgniserregende Zahlen hingewiesen. Sie belegen einen schwungvollen Handel mit gepanschten Spirituosen in den Tourismuszentren der Region. Demnach gab es in ansässigen Hotels seit dem Jahr 2005 mehr als 2300 Kontrollen. Dabei stellten die türkischen Ermittler rund 270.000 Flaschen mit illegalem Alkohol sicher. Zwar ist längst nicht jeder schwarz gebrannte Schnaps in der Türkei automatisch mit giftigen Inhaltsstoffen versetzt oder in anderer Weise gesundheitsgefährdend. Doch insbesondere bei auf dem Schwarzmarkt angebotenen Produkten gehen die Käufer ein hohes Risiko ein. Mehr als 30 Millionen Touristen besuchen jährlich die Türkei. Gerade die jungen Besucher sind in Partystimmung und an Alkohol interessiert. Die große Nachfrage ruft Kriminelle auf den Plan, die gute Geschäfte wittern. In vielen Fällen lässt sich die gestreckte Ware zu Originalpreisen verkaufen und beschert der Alkohol-Mafia prächtige Gewinne. Damit könnte es jedoch bald vorbei sein, denn das Schicksal von Jan L. und seinen Freunden hat auch international großes Aufsehen erregt. Vor allem die Hoteliers sehen ihren guten Ruf gefährdet und stehen unter hohem Druck. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus hat ein hartes Vorgehen gegen Hotels angekündigt, bei denen gepanschter Alkohol sichergestellt wird. Ihnen droht die sofortige Schließung. 

Hohe Steuern begünstigen Schwarzmarkt-Handel

Den Grund für die weite Verbreitung von gestreckten und verunreinigten Spirituosen in der Türkei sehen die meisten Experten in den hohen Sondersteuern. Die zusätzlichen Abgaben machen Schwarzmarkt-Produkte nicht nur für Urlauber, sondern auch für Einheimische mit weniger Geld attraktiv. Mit Preisen von derzeit 12 bis 20 Euro ist eine 0,7-Liter-Flasche des Nationalgetränks Raki, einem 45 prozentigem Anisschnaps, für viele Türken unerschwinglich. Viele Türken greifen stattdessen zu günstigen, unter der Hand angebotenen Produkten. Dass es sich dabei oft um illegale Erzeugnisse handelt, ist nicht immer offensichtlich. 2005 wurden aus einer Raki-Destillerie in Izmir 500.000 Hologramme gestohlen, die den Kunden der Marke die Echtheit des Schnapses garantieren sollen. Mit Hilfe der Hologramme gelang es einer Panscher-Bande in Istanbul, vermeintlichen Marken-Raki günstig in Parkhäusern zu verkaufen. Bis März 2005 starben 21 Menschen an dem mit giftigem Methanol versetzten Fusel, andere wurden blind oder leiden seit dem Verzehr an Lähmungen.

Methanol ist ein tückisches Gift

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Methanol ist ein tückisches Gift

Die ersten Symptome einer Vergiftung ähneln dem gewöhnlichen Alkohol-Rausch: Die Betroffenen klagen über Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwindelgefühle. Für Außenstehende ist es deshalb praktisch unmöglich festzustellen, ob jemand betrunken oder vergiftet ist. Wirkliche Klarheit bringt bei einem Verdacht nur die Untersuchung der Blutwerte im Krankenhaus. Die bei der Verarbeitung von Methanol im Körper entstehenden Stoffe können für das Opfer ernste Konsequenzen haben. Im „Stern“ sagte der Mainzer Giftexperte Oliver Sauer dazu: „Es drohen neurologische Schäden. Die Sehnerven können geschädigt werden, so dass der Betroffene erblindet.“ Ebenfalls angegriffen werden innere Organe wie Nieren und Leber und das zentrale Nervensystem. Ist die Vergiftung sehr stark, kann es zum Aussetzen der Atmung kommen. Unbehandelt endet die Vergiftung daher meist tödlich – so wie bei den drei Lübecker Schülern.

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