< Die Arbeit der Frauenberatungsstellen

Institutionen müssen sexuellem Missbrauch vorbeugen

Thomas Schlingmann ist Experte der Beratungsstelle Tauwetter e. V. in Berlin. Er betreut Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Im Interview spricht er über den Missbrauch in Institutionen und was sich ändern muss, damit man diesen verhindern kann.

Tabus brechen, offene Atmosphäre schaffen

 

Sexueller Missbrauch ist häufig immer noch ein Tabuthema

© Piotr Kozikowski, fotolia

 

Thomas Schlingmann ist Experte der Beratungsstelle Tauwetter e. V. in Berlin. Er betreut Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Im Interview spricht er über den Missbrauch in Institutionen und was sich ändern muss, damit man diesen verhindern kann.

Herr Schlingmann, wie ist der Gedanke entstanden, eine Beratungsstelle speziell für missbrauchte Männer zu gründen?

Der Tauwetter e. V. ist 1995 aus einer Selbsthilfegruppe für Männer entstanden, die als Kinder sexuell missbraucht wurden. An diese Gruppe kamen immer wieder Anfragen von anderen Männern, die mitmachen wollten, weil sie sich mit ihren Problemen nirgendwo anders gut aufgehoben fühlten. Das hat uns gezeigt: Hier ist Bedarf! Wir haben dann sehr klein angefangen und das, was wir selber an Erfahrungen in der Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe gemacht und gelernt haben, an andere weitergegeben. Im Laufe der letzen 15 Jahre sind wir gewachsen, allerdings sind wir bis heute leider die einzige Stelle, die in dieser Form auf die Peer-Beratung von Männern spezialisiert ist.

Wie schwer fällt es insbesondere Männern, sich gegenüber anderen als Missbrauchsopfer zu erkennen zu geben?

Das fällt ihnen schon sehr schwer. Die Betroffenen fürchten eine gesellschaftliche Stigmatisierung und haben massive Zweifel an ihrer Geschlechtsidentität. Es ist auch heute noch so, dass ein Mann erfolgreich und durchsetzungsfähig sein muss. Ein missbrauchter Mann passt da nicht ins Bild. Was bin ich denn für ein Mann, wenn mir so etwas passiert ist? Das ist es, was insbesondere viele junge Männer erstmal dazu bringt, zu schweigen. Mal ganz abgesehen von materieller Abhängigkeit, Angst und Scham – lauter Dinge, die auch von missbrauchten Mädchen erlebt werden. Den Schritt aus dieser Notlage heraus zu machen und über das Erlebte zu sprechen, kostet Kraft und dauert seine Zeit. 

Was sind denn Ihre konkreten Forderungen an die Politik?

Als erstes brauchen wir ein flächendeckendes Unterstützungsnetz mit mehr und stärker spezialisierten Beratungsstellen. Einfach deshalb, weil momentan sehr viel über Prävention geredet wird, was gut und richtig ist, aber das hilft den derzeit Betroffenen überhaupt nicht. Institutionelle Prävention, die verhindert, dass es zu Missbrauch kommt, ist aber der zweite wichtige Punkt. Die Erwachsenen müssen hier in die Pflicht genommen werden. Es müssen Räume geschaffen werden, die Kindern die Möglichkeit geben, zu sagen: „Hier ist irgendetwas komisch“. Als drittes kommt man dann in den Bereich des Opferschutzes. Dieser muss verbessert werden. Es darf beispielsweise nicht sein, dass missbrauchte Kinder fünfmal in einem Verfahren aussagen müssen und so fast schon zwangsläufig re-traumatisiert werden. Ein weiterer wichtiger Punkt sind angemessene Entschädigungen. Hier geht es um die unterschiedlichen Haftungs- und Schadensersatzansprüche, und zwar knallhart nach dem Bürgerlichen Recht – und nicht um eine symbolische Anerkennung, wie sich das die Kircheninstitutionen nach den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen vorstellen. 

 

Thomas Schlingmann

Tauwetter e. V., © Tauwetter e. V.

Gibt es neben der vermehrten Berichterstattung in den Medien weitere Indikatoren dafür, dass das Thema sexueller Kindesmissbrauch in Institutionen enttabuisiert wird?

Ein wichtiger Anhaltspunkt bezüglich der Aussprechbarkeit von sexueller Gewalt wäre meiner Meinung nach, wenn Pfarrer und Priester zum Beispiel in ihren Gemeinden selber öffentlich machen könnten und würden, wenn sie früher Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Es sagt viel darüber aus, welche Atmosphäre in einer Organisation herrscht, wenn Betroffene dort offen sagen können: Dies und jenes ist mir passiert. Solange die Einrichtungen, sei es eine Pfarrgemeinde oder ein psychosoziales Krisenzentrum, eine Atmosphäre pflegen, wo gesagt wird, „So etwas passiert da draußen, aber nicht bei uns“, solange ist das Thema nicht in den Köpfen angekommen und dann bestehen die Tabus nach wie vor.

Also gibt es ein Handeln nach dem Motto „Augen zu und durch“?

Missbrauch ist ein Thema, beim dem es vielen Menschen eiskalt den Rücken herunterläuft. Wenn ich diese Taten auf ein paar perverse Täter abschieben kann, ist das sehr bequem. Das ist wie ein schneller Reflex. Die wenigsten trauen sich ganz nah an das Thema heranzugehen und genau hinzusehen. Die Frage, „Warum macht jemand das?“, ist kein schönes Thema. Das will man auch gar nicht wirklich wissen. Weil es Übergänge gibt. Zwar fällt jeder Täter und jede Täterin bewusst die Entscheidung, ein Kind zu missbrauchen, insofern gibt es natürlich Unterschiede zwischen Tätern und Nicht-Tätern. Aber Macht missbrauchen oder Macht ausnutzen? Das kennen wir doch alle. Das haben wir alle schon gemacht. Da ist das Thema Missbrauch plötzlich auf sehr unangenehme Art und Weise ganz dicht bei uns selbst.

Ihre Kollegin Ursula Enders von der Organisation „zartbitter“ wünscht sich präventive Strukturen in den Institutionen. Ist das ein gangbarer Weg?

Ich denke, es müsste mit der Einstellung des Personals anfangen. Bewerber sollten ihren vorherigen Arbeitgeber von der Schweigepflicht entbinden können, damit der neue Arbeitgeber erfahren kann, ob es am alten Arbeitsplatz zu Übergriffen kam. Wenn man das als Standard abfragen kann, könnte man schon vor der Einstellung verhindern, dass jemand, der beispielsweise in einem Sportverein als Trainer wegen Missbrauchs rausgeflogen ist, einfach in den nächsten Verein wechselt. Es muss außerdem im Arbeitsvertrag klare Regelungen geben, die potentiellen Tätern und natürlich auch Täterinnen signalisieren: „Hier wird aufgepasst!“. Dazu müssen in jeder Institution individuelle Verhaltensregeln entwickelt werden. Und zwar partizipativ. Das heißt, die Kinder müssen mit einbezogen werden. Denn nur die wissen, wo die Schlupflöcher für Täter sind.

Wie kann das funktionieren?

Zum Beispiel über eine gemeinsame Gefährdungsanalyse. Dabei sammeln die Kinder selbst Ideen, wo ihnen etwas passieren könnte und was man dagegen tun kann. Dann setzt sich das Personal – die Erzieher, Lehrer oder Trainer – zusammen und macht dasselbe. Außerdem die Einrichtungsleitung und vielleicht die Eltern. Aus allen drei Programmen lässt sich dann ein Verhaltenskodex entwickeln, den alle kennen und hinter dem auch alle stehen. Die Regeln müssen natürlich auf jede Einrichtung angepasst sein. In einer Einrichtung für Behinderte haben andere Regeln zu gelten als im Sportverein. Das kann man mit den Kindern gemeinsam entwickeln. Dann ist zum Beispiel klar: Beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte sitzt niemand auf einem Bett und grabbelt mit der Hand unter der Bettdecke, sondern sitzt im Raum auf einem Stuhl. 

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