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Kinderpornografie im Netz

Es gibt nur wenig belastbare Zahlen zum Thema Kinderpornografie. Das Dunkelfeld ist groß: Wie viel und welche Art Material wirklich in Umlauf ist, ist nur schwer zu erfassen. Die Studie „Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie über das Internet“ der Leibniz Universität Hannover versucht, etwas Licht in dieses Dunkel bringen.

„An geschlossene Foren kommt man schwer ran“

Der Konsum von Kinderpornografie fördert den Missbrauch von Kindern

© Yvonne Bogdanski, fotolia

 

Es gibt nur wenig belastbare Zahlen zum Thema Kinderpornografie. Das Dunkelfeld ist groß: Wie viel und welche Art Material wirklich in Umlauf ist, ist nur schwer zu erfassen. Die Studie „Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie über das Internet“ der Leibniz Universität Hannover versucht, etwas Licht in dieses Dunkel bringen. 

Arnd Hüneke, Jurist und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Leibniz Universität Hannover, erklärt: „Für die Erhebungen haben wir sowohl Akten aus dem Jahr 2008 eingesehen als auch die Landeskriminalämter befragt. Natürlich ist diese Studie nur ein Ausschnitt aus der Realität. Unsere Arbeit basiert unter anderem auf der Analyse von 1.712 kinderpornografischen Bildern oder Screenshots aus Filmen.“ Vier Monate lang wurde das Bildmaterial von Arnd Hüneke und einer Kollegin zunächst gesichtet und kategorisiert. „Es waren nur zwei Personen an der Sichtung beteiligt, weil wir diese nervenaufreibende Aufgabe einerseits nicht unnötig vielen Menschen zumuten wollten. Andererseits war es uns wichtig, die abgebildeten Kinder nicht noch weiter zu Opfern zu machen, indem die Bilder weiteren Personen zugänglich gemacht werden.“ Alle kinderpornografischen Abbildungen aus den einzelnen Akten wurden anhand der so genannten „Copine-Skala“ zunächst kategorisiert, um einen Überblick der Schwere des Missbrauchs zu erhalten. Copine steht für Combating Paedophile Information Networks in Europe. Es handelt sich dabei um eine in Irland entwickelte Berwertungsskala, die von eins bis zehn reicht, wobei den Stufen eins bis drei Bilder zuzuordnen sind, die nicht strafrechtlich relevant sind. Darauf sind etwa spielende Kinder am Strand oder auf Spielplätzen zu sehen. Zu den Stufen vier bis sechs gehört so genanntes „Posing-Material“, das heißt, Bilder von (erotisch) posierenden Kindern. Bildmaterial, das in den Skalenbereich sieben bis zehn fällt, wird als „echte“ Kinderpornografie eingestuft. Diese umfasst beispielsweise sexuelle Handlungen von Kindern untereinander, sexuelle Übergriffe von Erwachsenen an Kindern (etwa Geschlechtsverkehr) bis hin zu sadistischen Gewalthandlungen gegen Kinder. Bei dem analysierten Material handelte es sich bei knapp 35 Prozent um Bilder der Stufe neun („Schwerer Übergriff“), bei etwa 26 Prozent um Bilder der Stufe sechs („Detailliertes Erotisches Posing“) und bei knapp zwölf Prozent um Material der Stufe sieben („Sexuelle Handlungen eines Kindes“). Arnd Hüneke erklärt: „Man muss dabei berücksichtigen, dass der Inhalt einer Akte immer nur eine Auswahl der beim Tatverdächtigen gefundenen Bilder enthält – und zwar in der Regel die, die am aussagekräftigsten sind. Das ist ein Grund, warum die Bilder, auf denen schwerwiegende Handlungen zu sehen sind, in der Überzahl sind.“

Arnd Hüneke

Leibniz Universität Hannover, © privat

Aus den Gesprächen mit Ermittlungsbeamten ergab sich, dass das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen beim Thema Kinderpornografie etwa 50:50 ist. Das Alter der abgebildeten Kinder zu schätzen, sei besonders schwierig gewesen, erklärt Arnd Hüneke. Insgesamt konnten 1.276 Mädchen und Jungen hinsichtlich ihres Alters eingeschätzt werden. Den größten Anteil nahm dabei die Altersgruppe der neun- bis 13-Jährigen ein (77 Prozent), gefolgt von der Altersgruppe der Vier- bis Achtjährigen (20,5 Prozent). Zwei Prozent der abgebildeten Kinder waren im Alter von wenigen Monaten bis drei Jahren. „Auch hier wurde uns in Gesprächen mitgeteilt, dass es nach den eigenen Erfahrungen eher einen Trend zu jüngeren Opfern gebe. Besonders der Missbrauch von Babys und Kleinkindern hätte in den vergangenen Jahren zugenommen“, erklärt Hüneke. 

Die Verbreitung von Kinderpornografie

Ein Großteil der kinderpornografischen Schriften wird über so genannte „Peer-to-Peer“-Netzwerke oder Tauschbörsen verbreitet. Wird in einer Tauschbörse etwas heruntergeladen, wird es gleichzeitig vom betreffenden Nutzer zum weiteren Download angeboten – was dazu führt, dass sich Material rasend schnell verbreitet. Michael Schillig, Chef der Zentralen Ansprechstelle Kinderpornografie beim Landeskriminalamt Niedersachen, erklärt: „Seit einigen Jahren führen wir auch bei uns im LKA unabhängige Recherchen durch. Dabei sind Beamte quasi im Netz „auf Streife“ unterwegs – sie durchsuchen Webseiten, Tauschbörsen, Blogs und Foren anlassunabhängig nach Kinderpornografie. Dies geschieht nicht nur manuell, sondern auch mithilfe von technischen Hilfsmitteln, wie speziell geschriebenen Programme. Besonders in Tauschbörsen werden wir oft fündig.“

Michael Schillig

LKA Niedersachsen, © privat

 Das Problem bei der Suche nach Kinderpornografie: Das Material ist nicht immer frei zugänglich – etwa, wenn es in geschlossenen Foren angeboten und ausgetauscht wird. Um zu solch einem Forum Zugang zu erhalten, muss man in der Regel bei den Teilnehmern persönlich bekannt sein. Oder es ist notwendig, ein Bild eines aktuellen Missbrauchs als „Eintrittskarte“ vorzuweisen. Hier können die ermittelnden Beamten an ihre Grenzen stoßen: „Auch Polizisten dürfen bei ihren Recherchen nicht gegen geltende Gesetze verstoßen. Und es ist nun einmal verboten, Kinderpornografie in Umlauf zu bringen. In den USA ist so ein Vorgehen der Polizei aber zum Beispiel erlaubt.“ Auch Arnd Hüneke geht davon aus, dass das aktuellste und auch härteste kinderpornografische Material zuerst ausschließlich in den geschlossenen Foren kursiert und erst nach und nach in die offenen Tauschbörsen gelangt. „Die Bilder, die wir gesichtet haben, waren zum Großteil zwischen zehn und dreißig Jahre alt. Daran sieht man, wie lange das Material in Umlauf bleibt. Ganz neue Fotos waren eher selten dabei.“  Ein weiteres Problem bei der Ermittlung ist auch das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung: In Deutschland müssen IP-Adressen nicht mehr gespeichert werden. „Wendet sich beispielsweise ein Provider an uns, weil er festgestellt hat, dass über seinen Server Kinderpornografie ausgetauscht wird, liefert er uns in der Regel die IP-Adresse des Nutzers. Häufig findet man dann auf dem Rechner des Tatverdächtigen Hinweise auf weitere Nutzer. Auf diese hat man dann zum Teil aber keinen Zugriff mehr, da die zugehörige IP-Adresse bereits gelöscht wurde“, erklärt Michael Schillig.  

Keine Eigenrecherchen im Netz

Stößt man zufällig im Netz auf Kinderpornografie, sollte man umgehend die Polizei informieren. Nicht ratsam ist es jedoch, auf eigene Faust im Netz zu recherchieren. Michael Schillig weiß: „Auch wenn man reinen Gewissens ist und nur behilflich sein will – wir raten grundsätzlich davon ab, selbst gezielt im Internet nach kinderpornografischen Schriften zu suchen. Denn es kann schnell passieren, dass man dabei selbst in den Fokus der Ermittler gerät.“ Bei einem Fund wird umgehend der Provider informiert, dass auf seinem Server Kinderpornografie bereitgestellt wird. „Liegen die Server in Deutschland oder Europa, sind die entsprechenden Seiten in der Regel binnen weniger Stunden gelöscht“, so Arnd Hüneke, „relativ unproblematisch sind auch die USA. Etwas anders sieht es aber zum Beispiel in Osteuropa aus – hier kann es schon einmal etwas länger dauern, bis die Inhalte gelöscht sind.“

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