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Vorurteile – Pöbeleien – Schläge

Im Mai 2015 attackierte ein 20-Jähriger in Berlin-Kreuzberg einen Mann in einer U-Bahn-Station mit einem unbekannten Gegenstand. Grund: Er ist schwul. Der Mann erlitt schwere Kopfverletzungen. Weil es immer wieder Beschimpfungen und Gewalt gegen Schwule und Lesben gibt, hat die Polizei Berlin extra zwei Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.

Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle

Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle sind auch heute noch Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt 

© ramonespelt, fotolia

 

Im Mai 2015 attackierte ein 20-Jähriger in Berlin-Kreuzberg einen Mann in einer U-Bahn-Station mit einem unbekannten Gegenstand. Grund: Er ist schwul. Der Mann erlitt schwere Kopfverletzungen. Weil es immer wieder Beschimpfungen und Gewalt gegen Schwule und Lesben gibt, hat die Polizei Berlin extra zwei Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.

Ansprechpartner bei der Polizei Berlin

1992 wurde bei der Berliner Polizei eigens die Stelle „gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ eingerichtet. Hier im Fokus: Vorurteilsmotivierte Delikte gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuellen (kurz: LSBT). Zwei hauptamtliche Ansprechpartner gibt es: die Kriminaloberkommissare Harald Kröger und Maria Tischbier. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern einmalig in Deutschland. Sie leisten Präventions- und Aufklärungsarbeit bei der schwul-lesbischen Community, beraten aber auch Kollegen. Schließlich sollen die Polizisten einschätzen können, wann es sich um vorurteilsmotivierte Kriminalität gegen Homosexuelle handelt. „Wir geben Fortbildungen, werten Straftaten aus und sind für die Menschen da, denen etwas passiert ist“, sagt Maria Tischbier. In anderen Bundesländern gibt es zwar auch Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Polizei, allerdings keine hauptamtlichen.

Kriminaloberkommissarin Maria Tischbier, Ansprechpartnerin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Polizei Berlin

© Polizei Berlin

Freunde und Helfer

Kriminaloberkommissarin Maria Tischbier und ihr Kollege machen auch Präventionseinsätze in schwul-lesbischen Bars und Kneipen oder informieren auf Events an Ständen über Delikte. Die Frage ist: Können sich potenzielle Opfer überhaupt vor homophober Gewalt schützen? „Hier gelten die allgemeinen Anti-Gewalt Regeln“, sagt Tischbier. Die Polizei bietet dazu Seminare an. Für den Fall einer bedrohlichen Situationen gibt die Kriminaloberkommissarin einen Rat: „Auf das eigene Bauchgefühl hören und sich im Zweifel entziehen: Die Straßenseite wechseln, einen Platz suchen, an dem viele Menschen sind, und mit dem Handy jemanden anrufen.“

Warum eine Anzeige immer etwas bringt

Obwohl sich die Gesetze, die Gesellschaft und die Polizei verändert haben, gibt es immer noch große Skepsis: Die Dunkelziffer, also die nicht bei der Polizei angezeigten Vorfälle, im Bereich Hasskriminalität gegen LSBT ist laut soziologischen Studien hoch. „Das könnte damit zu tun haben, dass man der Polizei nicht zutraut, adäquat mit dem Thema umzugehen“, vermutet Maria Tischbier. Angst davor, ausgelacht zu werden oder der Gedanke, dass eine Anzeige sowieso nichts bewirke, mögen weitere Faktoren sein.
Dabei bringt eine Anzeige viel, selbst wenn erst mal kein Täter gefunden wird: Die Polizei sammelt Informationen, die Summe der verschiedenen Anzeigen hilft, Täter zu ermitteln. Zudem könnten sich die Daten bei einer Verhandlung auf das Strafmaß auswirken: „Es ist ein Unterschied, ob jemand einmal gesagt hat ,Schwule Sau!` oder ob herauskommt, dass er regelmäßig mit seinem Auto durch den Kiez fährt und Leute beschimpft, vielleicht sogar handgreiflich wurde“, erklärt Tischbier.

 

Statistik:
Homophobie beziehungsweise Transphobie ist ein Vorurteil gegenüber Menschen, die homo- oder transsexuell sind. Im Jahr 2010 wurden in Berlin 111 Fälle homo- oder transphob-motivierter Kriminalität angezeigt. 2011 waren es 92 Taten, die Aufklärungsquote betrug 33 Prozent. Dier Täter sind überwiegend junge Männer.

Gewalt und Diebstahl

Delikte aufgrund von Vorurteilen gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle werden in einer speziellen Statistik vom Bundeskriminalamt erfasst, beim Kriminalpolizeilichen Meldedienst. Im KPMD wird diese „politisch motivierte Kriminalität“ gespeichert und ausgewertet. Vor allem homosexuelle Männer sind neben Beleidung und Gewalt auch von Eigentums- und Raubdelikten betroffen. Das geht aus dem Bericht „Straftaten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LSBT) 2012“ der Berliner Polizei hervor. Die Tatorte liegen dabei häufig im Bereich von Szenetreffpunkten oder im Wohnumfeld des Opfers. Art und Weise der Ausführung von Diebstahl und Raub lassen nicht selten darauf schließen, dass günstige Tatgelegenheiten bewusst in schwulen Szenebereichen gesucht wurden. Von gängigen Klischees ausgehend, vermuten die Täter, dass Schwule stets viel Geld dabei haben und keine Anzeige bei der Polizei erstatten.

Paragraph 175 StGB

Das Vertrauen von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen in die Polizei ist historisch vorbelastet. Maria Tischbier erklärt: „Mit der Einführung des Strafgesetzbuches im Jahr 1871 gab es den Paragraphen 175 StGB, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte, bis zum Jahr 1969. Danach gab es noch ein unterschiedliches Schutzalter, 1994 wurde der Paragraph endgültig abgeschafft.“ Schwule und Lesben erlebten die Polizei und Staatsanwaltschaft also in erster Linie als Verfolgungsbehörde. Tischbier formuliert es zugespitzter: „Homosexuelle wurden 123 Jahre lang verfolgt.“
Besonders interessant findet Tischbier die Zeit zwischen 1949 und 1969. „Die Nazis hatten den Paragraphen 175 extrem verschärft. Es reichten schon Blicke und Berührungen, um verurteilt zu werden.“ Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Bundesrepublik den Paragraphen beibehalten. Der verschärfte Paragraph des Nazi-Regimes galt nicht nur bis 1969, sondern wurde nach Kriegsende auch 20 Jahre lang angewendet: „Es gab insgesamt rund 100.000 Verfahren in den zwei Jahrzehnten.“ Das hat das Verhältnis Polizei und schwul-lesbische Community geprägt.

Maria Tischbier und ihr Kollege Harald Kröger sind unter der Telefonnummer 030/4664-979444 erreichbar. Weitere Informationen für Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen gibt es auf der Webseite des LKA Berlin.

Seit 1992 eine Schnittstelle

Um das Verhältnis zwischen der Polizei und der LSBT-Community zu verbessern, wurde vor 20 Jahren die Stelle des Ansprechpartners der Berliner Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingerichtet. Ein Resümee zu ziehen, ist nicht leicht. „Die Wirkung von Präventionsarbeit ist leider nicht messbar“, sagt Maria Tischbier und holt aus: „In Berlin gab es in den 1990er Jahren eine Raubserie in einem Cruising-Gebiet – das sind Parks oder Parkplätze, wo Schwule sich zum unentgeltlichen und anonymen Sex treffen. Es wurden Täter festgenommen, die gestanden, über 100 Taten dort begangen zu haben. Allerdings gab es keine einzige Anzeige von Geschädigten.“ Das würde heute in Berlin nicht mehr passieren, ist sich Tischbier sicher. Dafür sei der Kontakt zur Polizei zu eng, ein gewisses Vertrauen schon vorhanden.
Für die Zukunft wünscht sie sich: „Ein bisschen mehr Verantwortung von der LSBT-Szene.“ Denn es gibt immer noch Vorurteile gegenüber Polizisten. „Man muss irgendwann mal den Schritt machen: Herkommen, eine Tat anzeigen, und gute Erfahrungen machen“, sagt die Kriminaloberkommissarin. Sollte sich jemand bei der Polizei nicht gut behandelt fühlen: Auch bei Beschwerdeverfahren helfen Maria Tischbier und ihr Kollege Harald Kröger weiter.
(ks)

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