< Menschenhandel in Europa – moderne Sklaverei

Bundeslagebild Menschenhandel 2015

Das aktuelle Bundeslagebild Menschenhandel zeigt: Die Zahl der in Deutschland festgestellten Fälle von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung ist in den letzten Jahren gesunken und hat im Jahr 2015 den niedrigsten Stand seit 2012 erreicht. Hingegen haben die Menschenhandelsdelikte mit dem Ziel einer Ausbeutung der Arbeitskraft der Opfer leicht zugenommen. Die Dunkelziffer nicht registrierter Taten bleibt weiterhin hoch.

Situation nur scheinbar entspannt


Professionelle Schleuserbanden locken junge Frauen aus Osteuropa mit falschen Versprechungen nach Deutschland

© Predrag Popovski

 

Das aktuelle Bundeslagebild Menschenhandel zeigt: Die Zahl der in Deutschland festgestellten Fälle von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung ist in den letzten Jahren gesunken und hat im Jahr 2015 den niedrigsten Stand seit 2012 erreicht. Hingegen haben die Menschenhandelsdelikte mit dem Ziel einer Ausbeutung der Arbeitskraft der Opfer leicht zugenommen. Die Dunkelziffer nicht registrierter Taten bleibt weiterhin hoch.

Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung

Im Jahr 2015 wurden 364 Ermittlungsverfahren im Bereich des Menschenhandels zum Zweck einer sexuellen Ausbeutung abgeschlossen. Damit gab es weniger Verfahren als im Vorjahr (2014: 392 Verfahren). Dieser Rückgang bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich die Gesamtlage entspannt hat. Grundsätzlich ist von einem hohen Dunkelfeld auszugehen. Zahlreiche bei anderen Behörden und Nichtregierungsorganisationen vorliegende Informationen deuten darauf hin, dass die tatsächliche Opferzahl weitaus höher liegt. Grund dafür ist vor allem, dass die Anzeige- und Aussagebereitschaft der Betroffenen gering ist. Oft werden strafbare Handlungen erst durch Kontrollen der Polizei- und Ordnungsbehörden sowie Gespräche mit Opfern bekannt. Komplexe Tatstrukturen und die Abhängigkeiten der Opfer von den Tätern erschweren die Ermittlungen. Ohne konkrete und detaillierte Opferaussagen ist Menschenhandel kaum nachzuweisen. Daher sind polizeiliche Kontrollen nach wie vor von großer Bedeutung für die Identifizierung von Opfern und die Aufhellung des Dunkelfelds.

Täter-Opfer-Beziehung

Im Rahmen der Ermittlungen wurden 573 Tatverdächtige registriert – 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Deutsche Staatsangehörige bleiben die größte Gruppe unter den Tatverdächtigen (25 Prozent), gefolgt von rumänischen (21 Prozent) und bulgarischen (13 Prozent) Staatsangehörigen. Fast drei Viertel der Tatverdächtigen waren Männer. Der Anteil der Verfahren mit ausschließlich deutschen Opfern lag bei 24 Prozent. In weitaus mehr Fällen wurden ausländische Opfer ermittelt, beispielsweise aus Rumänien oder Bulgarien. Von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung sind insbesondere Frauen betroffen. Ähnlich wie im Vorjahr lag der Anteil weiblicher Opfer bei 96 Prozent. In vielen Fällen bestand eine Bekanntschaft zwischen Tätern und Opfern (45 Prozent) oder sogar ein Verwandtschaftsverhältnis (3 Prozent). Bei rund 52 Prozent konnte hingegen keine Beziehung zwischen Täter und Opfer festgestellt werden oder es wurden keine Angaben dazu gemacht.

Zahl der Begleitdelikte

Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung geht häufig mit anderen Delikten einher. Die Zahl solcher Begleitdelikte ist 2015 gegenüber dem Vorjahr um etwa 20 Prozent gestiegen. In 217 der 364 Ermittlungsverfahren wurden Hinweise auf 307 weitere Straftaten festgestellt. Meist handelte es sich um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (118 Fälle) oder Gewaltdelikte (94 Fälle).

Weitere Begleitdelikte waren:

  • Fälschungsdelikte (10 Fälle)
  • Eigentumsdelikte (10 Fälle)
  • Waffendelikte (13 Fälle)
  • Schleusungsdelikte (17 Fälle)
  • Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (21 Fälle)
  • Freiheitsberaubung (24 Fälle)

Internet zur Anwerbung genutzt

Wie das aktuelle Bundeslagebild zeigt, wurde etwa jedes achte Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung professionell angeworben, zum Beispiel über angebliche Model- und Künstleragenturen oder Zeitungsinserate. Immer öfter nehmen die Täter jedoch über das Internet Kontakt zu den Opfern auf. 2015 wurden rund 12 Prozent der Opfer auf diesem Wege angesprochen, beispielsweise über Datingforen und soziale Netzwerke. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Nach Einschätzung des Bundeskriminalamts birgt das Internet in diesem Zusammenhang ein hohes Gefahrenpotenzial. Denn hier besteht die Möglichkeit, einen großen Kreis potenzieller Opfer gleichzeitig zu erreichen, ohne dass eine vorherige Bekanntschaft notwendig ist. Das BKA geht davon aus, dass das Internet für die Täter weiter an Bedeutung gewinnt, sowohl zur Anwerbung von Opfern, zur Organisation von Logistik und Transport, als auch als Werbeplattform für Prostitution.

Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft ist in Paragraph 233 StGB geregelt

© Gina Sanders, fotolia

Ausbeutung der Arbeitskraft

Zusätzlich zu den Verfahren im Bereich der sexuellen Ausbeutung wurden 2015 weitere 19 Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft abgeschlossen. Im Vorjahr waren es elf Verfahren. Insgesamt konnten hier 24 Tatverdächtige und 54 Opfer ermittelt werden. Über 80 Prozent der Betroffenen waren männlich. Fast zwei Drittel stammten aus Rumänien. Bulgarische und ungarische Opfer machten nur einen geringen Anteil aus. Menschen, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird, werden insbesondere im Baugewerbe und in der Landwirtschaft eingesetzt. Dem Bundeslagebild zufolge war ein Drittel der festgestellten Opfer (18 Personen) in der Landwirtschaft und ungefähr jedes vierte Opfer (14 Personen) im Baugewerbe beschäftigt.

Einfluss der Flüchtlingssituation

Nach Aussage des BKA lassen sich mögliche Auswirkungen der derzeitigen Flüchtlingssituation auf die Lage des Menschenhandels anhand der vorliegenden Daten nicht einschätzen. Grund dafür sei die ohnehin schwierige Identifizierung von Opfern im Bereich der Zuwanderung. So werde die Sachverhaltsaufklärung in Aufnahmeeinrichtungen dadurch erschwert, dass Täter und Opfer unter Umständen in derselben Einrichtung leben und der Täter demnach zum sozialen Umfeld des Opfers gehört. Das habe einen negativen Einfluss auf die Kontaktaufnahme zum Opfer sowie auf dessen Aussagebereitschaft. Wie das BKA erklärt, komme häufig die Unkenntnis der Betroffenen hinsichtlich ihrer Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten hinzu.

MW (25.08.2017)

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