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Bystander-Effekt
Nach der Theorie des „Bystander-(oder „Zuschauer-)Effekts“ greifen Zeugen in Ausnahmesituationen umso seltener ins Geschehen ein, je mehr Menschen anwesend sind.

Die Masse macht träge

Schreiten Menschen ein, wenn sie Zeugen eines Notfalls oder einer Straftat werden? Das hängt von der Zahl der Anwesenden ab. Denn der „Bystander-Effekt“ sorgt dafür, dass Menschen umso weniger Verantwortungsbewusstsein verspüren, je mehr andere Personen gleichzeitig präsent sind. Erstmals wurde dieser Effekt in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA beschrieben, und zwar am tragischen Fall der New Yorkerin Catherine „Kitty“ Genovese: Sie wurde in ihrem Garten über eine halbe Stunde hinweg von einem Mann körperlich angegriffen und schließlich getötet. Die Szene wurde von zumindest 38 Personen beobachtet, doch niemand griff ein. Die Sozialforscher Bibb Latane und John Darley versuchten in mehreren Experimenten, die Ursachen für dieses Verhalten zu erforschen. Sie begegneten dabei folgenden Erklärungsmustern: 

  • Wenn Zeugen merken, dass niemand anderer einschreitet, stufen sie die Situation als wenig bedrohlich ein – denn die anderen sehen ja offensichtlich auch keinen Handlungsbedarf. 
  • Es könnte sein, dass auf anderem Wege ohnehin schon Hilfe unterwegs ist oder geleistet wurde – denn sonst würden die anderen ja aktiv werden.
  • Anwesende sehen die Verantwortung für das Eingreifen bei anderen Zeugen. 
  • Ein Eingreifen wird als nicht sozial angemessen eingestuft: Da ja niemand aktiv wird, könnte man durch eigenes Einschreiten Konventionen verletzen.

In den letzten Jahren wird der Begriff des „Bystanders“ auch im Zusammenhang mit „Cybermobbing“ genannt – als Bezeichnung für jene Menschen, die Zeugen von Belästigungen und Angriffen im Internet werden und nicht einschreiten. 

Berühmte Experimente zum Bystander-Effekt

Die beiden US-amerikanischen Sozialforscher Bibb Latané und John Darley führten in den 1970er beispielsweise folgende Experimente durch: 

  • Probanden sollten Fragebögen in einem Raum ausfüllen, der plötzlich mit Rauch gefüllt wurde. Drei Viertel der Personen, die sich alleine im Raum befanden, meldeten dies sofort. Waren hingegen noch zwei weitere Teilnehmer vor Ort, so wurde nur in 38 Prozent der Fälle Bescheid gegeben. Noch geringer war die Quote in folgendem Szenario: Neben dem Probanden waren noch zwei weitere Personen anwesend, die bewusst so taten, als ob sie den Rauch bemerkten und nicht weiter bedenklich fänden. Nur 10 Prozent der Teilnehmer schlugen Alarm. 
  • In einem anderen Experiment wurden Studenten über eine Sprechanlage vermeintlich Zeugen eines epileptischen Anfalls eines Kommilitonen. Glaubten die Probanden, dass nur sie Zeuge des Anfalls wären, so eilten sie dem „Kranken“ in 85 Prozent der Fälle zu Hilfe. Diejenigen Personen, die glaubten, dass noch fünf weitere die Hilferufe mithörten, waren deutlich weniger sensibel: Nur ein Drittel griff ein, und das auch erst nach durchschnittlich eineinhalb Minuten. 

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