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Vermisste Personen in Deutschland

Ein Kind kommt vom Spielen nicht nach Hause. Der Bewohner eines Seniorenstifts ist am frühen Morgen nicht in seinem Zimmer – wenn Menschen in Deutschland vermisst werden, muss die Polizei akribische Detektivarbeit leisten: Wo wurde die Person das letzte Mal gesehen? Welchen Grund könnte das Verschwinden haben? Hat es vielleicht einen Unfall gegeben – oder gibt es eine ganz harmlose Erklärung? All das sind Fragen, die es zu klären gilt.

Die Arbeit der Ermittler 

Wenn ein Mensch verschwindet, stellen sich viele Fragen

© bluedesign, fotolia

 

Ein Kind kommt vom Spielen nicht nach Hause. Der Bewohner eines Seniorenstifts ist am frühen Morgen nicht in seinem Zimmer – wenn Menschen in Deutschland vermisst werden, muss die Polizei akribische Detektivarbeit leisten: Wo wurde die Person das letzte Mal gesehen? Welchen Grund könnte das Verschwinden haben? Hat es vielleicht einen Unfall gegeben – oder gibt es eine ganz harmlose Erklärung? All das sind Fragen, die es zu klären gilt.

 

Wird bei der Polizei eine Vermisstenanzeige erstattet, nehmen die Beamten zunächst eine Gefahreneinschätzung vor. „Bei einer erwachsenen Person, die vermisst wird, muss zusätzlich eine Gesundheits- oder Lebensgefahr vorliegen, bevor groß angelegte Suchaktionen gestartet werden“, erklärt Patricia Brämer von der Vermisstenstelle im Landeskriminalamt Berlin. „Anders sieht es bei vermissten Kindern und Jugendlichen aus – hier können sofort Suchmaßnahmen eingeleitet werden.“ Denn im Gegensatz zu Erwachsenen dürfen sich Kinder und Jugendliche nicht aufhalten, wo sie möchten. Die Eltern haben das Aufenthaltsbestimmungsrecht, das heißt, es muss mit den Eltern abgesprochen sein, wo das Kind sich aufhält. Kommt ein Kind beispielsweise nicht zu einer verabredeten Zeit nach Hause, wird daher sofort von einer Gefahr für das Kind ausgegangen – und ggf. mit großem Personaleinsatz gesucht. Das kann vom Einsatz von Polizei-Hundertschaften und Hubschraubern bis hin zu Wärmebildkameras oder Suchhunden reichen. „Das Gleiche gilt bei Erwachsenen, von denen etwa ein Abschiedsbrief gefunden wird – hier müssen wir von einer Selbsttötungsabsicht ausgehen, also einer akuten Gefahr für das Leben des Vermissten“, erklärt Brämer. Insgesamt käme es immer auf die Umstände an, unter denen jemand verschwindet. Man müsse immer abwägen, wie groß die Gefahr für die Person sei. „Auch wenn das für die Angehörigen manchmal schwer zu verstehen ist: Jeder Erwachsene darf sich in Deutschland frei bewegen, er ist niemandem über seinen Aufenthaltsort Rechenschaft schuldig. Wenn also jemand aus freien Stücken verschwindet, dann muss man das erst einmal akzeptieren.“ Das Überprüfen von aktiven Lebenszeichen hilft dabei, zu erkennen, ob jemand vielleicht ganz freiwillig verschwunden ist. Regelmäßige Kontobewegungen oder weitere Handybenutzung können darauf hindeuten, dass die vermisste Person sich einfach abgesetzt hat: „Wenn wir feststellen, dass etwa Geld für ein One-Way-Ticket nach Thailand vom Konto abgebucht wurde, dann suchen wir in der Regel nicht weiter“, so Brämer. 

 

Keine Suche nach einer einheitlichen Checkliste 

So individuell eine Person ist, so individuell muss auch die Suche nach ihr sein. „Wir können und dürfen dabei keine allgemeine Checkliste abarbeiten, man muss alles auf die vermisste Person abstimmen: Wie ist sie? Was sind ihre Gewohnheiten? Was ist sinnvoll und naheliegend? Natürlich spielt auch der Ort, an dem sie verschwunden ist, eine große Rolle“, erklärt Brämer. Verschwindet etwa ein Kind oder eine ältere Person in einem Hochhauskomplex, gehöre es unbedingt dazu, alle Kellerräume und Dachböden abzusuchen. Manchmal gebe es Türen, die außen eine Klinke, und innen nur einen Knauf hätten. Sperrt sich die Person aus Versehen dort ein, kommt sie nicht mehr hinaus. Auch alle Fahrstühle müssten auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft werden. „In Hochhäusern gibt es oft mehrere Fahrstühle. Funktioniert einer nicht mehr, fällt das meist erst sehr spät auf. Es kann aber sein, dass genau in diesem Fahrstuhl das vermisste Kind feststeckt – weil es noch nicht an den Notruf-Knopf kommt oder das Wort „Notruf“ noch gar nicht lesen kann“, spricht die Polizistin aus Erfahrung. Auch die Befragung von Angehörigen, Freunden, Arbeitskollegen oder Lehrern ist für die Suche wichtig, unter anderem um Anhaltspunkte über mögliche Motive des Verschwindens zu erhalten. „Die Polizei kennt die vermisste Person nicht. Wir suchen jemand uns völlig Fremdes. Deshalb müssen wir versuchen, uns ein möglichst genaues Bild von der Person zu machen – und dazu brauchen wir jede Information, die wir bekommen können“, betont Brämer. Ein häufiges Problem sei es, dass die Befragten dabei nicht die Wahrheit sagten oder Dinge verschwiegen. So würden die Beamten auf eine falsche Fährte geführt. „Kommt eine 14-Jährige nicht nach Hause, ist es für uns ganz wichtig zu wissen, ob es vielleicht vorher Streit gegeben hat. Wird dies verneint, suchen wir vielleicht eher in einer anderen Richtung weiter. Kommt dann heraus, dass der Mutter doch vor dem Verschwinden die Hand ausgerutscht ist, haben wir oft schon wertvolle Zeit verloren“, so die Expertin. 

Mit Phantasie und Kreativität 

Bei der Suche nach Vermissten kommt es sowohl auf die Erfahrung als auch auf die Kreativität und Phantasie der Ermittler an. Denn man muss versuchen, sich in die gesuchte Person hineinzuversetzen – egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener. Fährt ein Kind gerne mit der Bahn, kann es sein, dass es nach der Schule einen Ausflug mit der Straßenbahn quer durch die Stadt gemacht und dabei die Zeit vergessen hat. Hat ein Jugendlicher schlechte Zensuren und traut sich nicht nach Hause, ist es möglich, dass er bei einem Freund unterkommt – und dessen Eltern erzählt, er hätte die Erlaubnis, dort zu übernachten, während seine Eltern ihn fieberhaft suchen. Suizidgefährdete kehren oft an einen Ort zurück, an dem sie in ihrem Leben besonders glücklich waren. „Alles kann für uns eine wichtige Info sein – so checken wir auch die Einträge und Kommentare in sozialen Netzwerken oder lesen wenn nötig Tagebucheinträge“, so Brämer. 

Die meisten vermissten Kinder tauchen wieder auf 

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Akten bleiben 30 Jahre offen 

Die meisten Vermissten tauchen früher oder später wieder auf – in vielen Fällen wohlbehalten und unverletzt. Nach Angaben des Bundeskriminalamts erledigen sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche. Binnen eines Monats liegt die Findungs-Quote bereits bei über 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa 3 Prozent. Die Akten dieser so genannten Langzeitvermissten bleiben bis zu 30 Jahre offen. „Diese Fälle werden so lange aktiv bearbeitet, bis sie ausermittelt sind, das heißt, bis wirklich allen Anhaltspunkten nachgegangen wurde. Irgendwann kommt man aber an einen Punkt, wo es nichts mehr zu überprüfen gibt – ab dann ruht die Akte. So lange, bis es eine neue Spur oder einen neuen Hinweis gibt“, erklärt Patricia Brämer. Auch Georgine Krüger aus Berlin gehört zu diesen Langzeitvermissten. Die damals 14-Jährige verschwand im Herbst 2006. Bis heute weiß man nicht, was mit dem Mädchen passiert ist. „Sie war mit dem Bus auf dem Weg von der Schule nach Hause. An der Bushaltestelle, die nur etwa 200 Meter von ihrem Elternhaus entfernt liegt, wurde sie das letzte Mal gesehen. Seitdem ist Georgine spurlos verschwunden. Der Fall wird mittlerweile von der Mordkommission bearbeitet“, so Brämer. SW