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Betrügerische Callcenter-Mafia

Sie geben sich als Lotterieveranstalter, Polizisten, Rechtsanwälte oder Staatsanwälte aus: betrügerische Callcenter-Agenten, die versuchen, ältere Menschen um ihr Erspartes zu bringen. Die Betrüger telefonieren sich aus türkischen Callcentern quer durch Deutschland und tischen ihren Opfern Lügen-Geschichten auf – immer mit dem Ziel, möglichst hohe Summen zu ergattern. Die so genannte „Callcenter-Mafia“ beschäftigt auch das Bundeskriminalamt. Holger Kriegeskorte, Leiter des Fachbereichs „Auswertung Wirtschaftskriminalität“ im BKA, erklärt, wie die Täter vorgehen.

Profi-Anrufer bringen Senioren um ihr Geld


Ältere Menschen werden gezielt als Opfer ausgewählt

© Markus Mainka, fotolia

 

Sie geben sich als Lotterieveranstalter, Polizisten, Rechtsanwälte oder Staatsanwälte aus: betrügerische Callcenter-Agenten, die versuchen, ältere Menschen um ihr Erspartes zu bringen. Die Betrüger telefonieren sich aus türkischen Callcentern quer durch Deutschland und tischen ihren Opfern Lügen-Geschichten auf – immer mit dem Ziel, möglichst hohe Summen zu ergattern. Die so genannte „Callcenter-Mafia“ beschäftigt auch das Bundeskriminalamt. Holger Kriegeskorte, Leiter des Fachbereichs „Auswertung Wirtschaftskriminalität“ im BKA, erklärt, wie die Täter vorgehen.

Gut organisiert, hoch professionell

Bei der „Callcenter-Mafia“ handelt es sich um meist sehr gut organisierte Täter. „Wir gehen davon aus, dass sich türkische oder deutsch-türkische Gruppen zusammengetan und diese Betrugsmasche soweit optimiert haben, dass sie damit in kurzer Zeit viele Menschen schädigen können“, erklärt der BKA-Experte. In eigens dafür angemieteten Räumen führen mehrere gut geschulte Callcenter-Agenten parallel pro Tag zahlreiche Telefonate. Um das Ganze zu optimieren, wird dazu häufig eine professionelle Software eingesetzt, die sich automatisch durch Excel-Tabellen oder Datenbanken telefoniert. Eine solche Software kann bis zu 500 Anrufe am Tag leisten. Wird am anderen Ende der Leitung dann der Hörer abgenommen, übernimmt ein freier Callcenter-Agent das Gespräch. „Die häufigste Masche bei den Telefonaten ist immer noch, die Leute zu überrumpeln und ihre Arglosigkeit auszunutzen. Das heißt, dem Angerufenen wird vorgegaukelt, er hätte etwas gewonnen – zum Beispiel ein teures Auto“, erklärt Kriegeskorte. Die Profi-Telefonisten schwärmen von dem vermeintlichen Gewinn und reden auf ihre überforderten und von dem Anruf völlig überraschten Opfer ein, so dass diesen kaum Zeit zum Nachdenken bleibt. „Am Ende soll das Opfer eine geringfügige Summe um die 100 Euro bezahlen, bevor es seinen vermeintlichen Gewinn in Empfang nehmen kann – angeblich für Verwaltungs-, Überführungs- oder Zollgebühren.“

Manipulieren und Druck aufbauen

Damit endet der Betrug jedoch meist nicht. Hat der Angerufene tatsächlich die geforderte Summe überwiesen, folgen weitere Anrufe, bei denen die Betrüger in unterschiedliche Rollen schlüpfen können. Hat man sich einmal auf die Betrüger eingelassen, ist es schwer, aus der Sache wieder herauszukommen. „Die Geschichte wird einfach weiter gesponnen, die Beträge, die gezahlt werden sollen, erhöhen sich dabei mit jedem Anruf“, weiß der BKA-Experte. Erst geht es um weitere Gebühren. Wenn das Opfer merkt, dass etwas schiefläuft und aussteigen will, wird gedroht: Man hätte sich strafbar gemacht, indem man an einem Glücksspiel teilgenommen hätte oder man hätte mit dem gezahlten Geld in der Türkei eine Straftat finanziert. Die Anrufer geben sich dabei als Polizei, Staatsanwalt oder Richter aus, die gegen den Angerufenen ermitteln – häufig werden in diesem Stadium vierstellige Summen verlangt. Kriegeskorte: „Das Opfer wird unter Druck gesetzt und so lange manipuliert, bis auch der letzte Cent an die Betrüger geflossen ist. Am Ende meldet sich dann häufig ein vermeintlicher Anwalt, der helfen und den Fall in Antalya vertreten will – natürlich gegen Bezahlung.“

Holger Kriegeskorte

Leiter Fachbereich „Auswertung Wirtschaftskriminalität“ im BKA, © BKA

Schäden in dreistelliger Millionenhöhe

Neben der Gewinnspiel-Masche kann es auch um den Verkauf von Zeitschriften-Abos gehen, Mitgliedschaften in wohltätigen Vereinen, Stromversorgungsverträge, Urlaubsreisen oder Kuraufenthalte – der Fantasie der Betrüger sind kaum Grenzen gesetzt. Wie viele Menschen auf diese Art und Weise in Deutschland bereits geschädigt wurden, ist schwer zu sagen, zumal es sich beim Callcenter-Betrug nicht um einen eigenen Straftatbestand handelt. In den Jahren 2014 und 2015 ist es gelungen, 59 größere Verfahren, in denen viele Einzelstraftaten zusammengeführt wurden, zentral zu ermitteln. Allein bei diesen Fällen ging es um eine Summe von insgesamt 132 Millionen Euro verteilt auf 1,1 Millionen Opfer. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch. „Wir gehen davon aus, dass nur jede achte bis zehnte Tat überhaupt angezeigt wird. Viele Opfer schämen sich, andere bemerken den Betrug relativ früh und wollen wegen der anfangs noch geringen Summe nicht extra Anzeige erstatten“, weiß Kriegeskorte. Weil sie aus dem Ausland agieren, sind die Täter nicht leicht zu ermitteln.

Sofort auflegen

Um sich vor Betrügern am Telefon zu schützen, rät der BKA-Experte dazu, sich gar nicht erst auf ein Gespräch einzulassen, sondern am besten sofort aufzulegen. „In dem Moment, wo man sich auf den Anrufer einlässt, wird es schwer. Die Person am Ende der Leitung ist gut geschult und darauf trainiert, einen bei der Stange zu halten. Sie nutzen Gesprächsleitfäden und verfügen über viel Erfahrung. Sie wissen genau, wie sie jemanden ködern können“, so Holger Kriegeskorte. Das BKA gibt auf seiner Webseite Tipps, wie man sich selbst oder ältere Angehörige vor dieser Art von Betrug schützen kann und stellt auch Flyer zu dem Thema bereit. In Präventionskampagnen wurden auch Beschäftigte von Banken sensibilisiert. „Wenn eine 80-Jährige, die noch nie zuvor Geld in die Türkei transferiert hat, an den Schalter kommt und plötzlich eine größere Summe überweisen will, sollte man einfach mal freundlich nachfragen. Man könnte zum Beispiel darauf hinwirken, dass zumindest erst einmal Angehörige hinzugezogen werden“, so Kriegeskorte. Ältere Menschen sollten sich am Telefon nicht verunsichern oder unter Druck setzen lassen – und im Zweifelsfall die Polizei informieren.

SW (28.01.2016)

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