< Extremismusprävention mit der „Aktion Neustart“

Aussteiger in der schulischen Prävention

Die Prävention von Rechtsextremismus hat in Deutschland seit Jahren eine große Bedeutung. An Schulen sind unter anderem Veranstaltungen von und mit Szeneaussteigern ein weit verbreiteter Ansatz. Doch aussagekräftige Evaluationen zur Wirksamkeit dieser Maßnahme liegen überwiegend nicht vor. Ein großangelegtes Forschungsprojekt setzte sich erstmals wissenschaftlich umfassend und differenziert mit dem Thema auseinander. Neben positiven Effekten werden dabei auch einige kritische Aspekte deutlich.

Ablauf des Projekts

Ein Teil des Forschungsprojekts bestand aus der Evaluationsstudie einer schulbasierten Präventionsmaßnahme eines ehemaligen Rechtsextremen, die in Kooperation mit dem Landespräventionsrat (LPR) Schleswig-Holstein durchgeführte wurde. Hierbei wurden im Schuljahr 2017/18 13 öffentliche Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein mit insgesamt 50 teilnehmenden Schulklassen in die Untersuchung eingebunden. Dazu wurde sowohl eine Experimental- als auch eine Kontrollgruppe mit jeweils 25 Schulklassen gebildet. „In der Experimentalgruppe führte der frühere Rechtsextreme seine Präventionsmaßnahme durch“, so Antje Gansewig. „Die Kontrollgruppe wiederum hat diese Maßnahme nicht erhalten.“ Die Evaluationsstudie fußt auf zwei Bausteinen. Zum einen wurde eine Wirkungsuntersuchung durchgeführt. Gansewig: „Wir haben z. B. nach der Präventionsmaßnahme beide Gruppen miteinander verglichen und dabei unter anderem rechte Einstellungen sowie Tendenzen zu Gewalt und Delinquenz der Schülerinnen und Schüler gemessen.“ Ganz wichtig war dabei auch die Frage, ob durch die Maßnahme ein Wissenszugewinn erzielt werden konnte. Insgesamt wurden im Bereich der Wirkungsuntersuchung mehr als 500 Schülerfragebögen ausgewertet. Der zweite Baustein war eine Prozessevaluation. „Dazu waren wir unter anderem mit an den Schulen und haben teilnehmende Beobachtungen gemacht, während der Aussteiger die Maßnahme durchgeführt hat. Außerdem haben wir auch hier eine Schülerbefragung durchgeführt und dieses Mal über 400 Fragebögen auswerten können.“ Ein weiterer wichtiger Teil des Forschungsprojekts war eine Bestandserhebung der Anwendungspraxis in Deutschland. „Dazu haben wir Interviews mit verschiedenen Vertretern geführt, die teilweise solche Maßnahmen anbieten. Außerdem haben wir postalisch Befragungen bei den Landespräventionsräten und den Landeskoordinierungsstellen für Extremismusprävention hinsichtlich der Verbreitung und (vermuteten) Wirksamkeit dieser Präventionsmaßnahmen durchgeführt“, so Gansewig. „Weil wir außerdem berücksichtigen wollten, wie diese Form der Präventionsarbeit nach außen hin dargestellt wird, haben wir als letzten Schritt eine Medienanalyse in unser Forschungsprojekt integriert.“

Monografie „Biografiebasierte Maßnahmen in der schulischen Präventions- und Bildungsarbeit. Eine empirische Betrachtung des Einsatzes von Aussteigern aus extremistischen Szenen unter besonderer Berücksichtigung ehemaliger Rechtsextremer“

© Nomos Verlag

Ergebnisüberblick

Viele Schüler haben die evaluierte Präventionsmaßnahme grundsätzlich positiv bewertet, was zeigt, dass sie mit dem Thema Rechtsextremismusprävention grundsätzlich erreicht werden können. Dennoch weisen die Ergebnisse – insbesondere der Wirkungsuntersuchung – nicht darauf hin, dass die intendierten Effekte hinsichtlich rechter Einstellungen, Gewalt und Delinquenz auch eintreten. Auch hat sich die Experimentalgruppe langfristig nicht häufiger mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigt als die Teilnehmer der Kontrollgruppe, was darauf hindeutet, dass möglicherweise kein nachhaltiges Interesse am Präventionsthema geweckt werden konnte. Stattdessen wurden sowohl in der Evaluationsstudie als auch in der Bestandserhebung einige kritische Aspekte identifiziert, darunter zum Beispiel:

  • Detaillierte Gewalterzählungen des evaluierten Aussteigers haben bei einigen Schülern, insbesondere Schülerinnen, Unwohlsein hervorgerufen
  • Veranstaltungen basieren häufig nicht auf Freiwilligkeit, sondern werden stattdessen als verpflichtende Schulmaßnahme durchgeführt. Teilweise wird im Vorfeld nicht das Einverständnis der Erziehungsberechtigten eingeholt. Dies kann beispielsweise bei (potenziell) von rechter Gewalt betroffenen Schülern u. U. zu (Re)traumatisierungseffekten führen.
  • Die Ausdrucksweise einiger Aussteiger ist während der Maßnahmen nicht immer jugendgerecht. Es werden Kraftausdrücke bis hin zu menschenverachtender Sprache verwendet
  • Justiz- und Sicherheitsbehörden werden teilweise negativ dargestellt und den Schülern werden unreflektierte Informationen dazu mitgegeben
  • Einige Aussteiger gehen ihrer Tätigkeit in der (schulischen) Präventionsarbeit bereits seit mehreren Jahren nach, was sich möglicherweise langfristig nur schwer mit einer Resozialisierung und Wiedereingliederung in einen regulären Arbeitsbetrieb vereinbaren lässt

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