< Babyklappen verhindern keine Kindstötung

Polizei-Projekt „Kurve kriegen“

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen kümmert sich mit der Initiative „Kurve kriegen“ um mehrfach straffällig gewordene Kinder und Jugendliche. Die 8- bis 15-jährigen Projektteilnehmer sollen nicht dauerhaft in die Kriminalität abrutschen und zu Intensivtätern werden. Seit dem Frühjahr 2011 wird „Kurve kriegen“ in acht Modellbehörden in Aachen, Bielefeld, Dortmund, Duisburg, Köln, Hagen im Rhein-Erft-Kreis und im Kreis Wesel umgesetzt.

Frühe Hilfe statt späte Härte

Projekt „Kurve kriegen“: Eingreifen, bevor Kinder zu Intensivtätern werden 

© MIK NRW

 

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen kümmert sich mit der Initiative „Kurve kriegen“ um mehrfach straffällig gewordene Kinder und Jugendliche. Die 8- bis 15-jährigen Projektteilnehmer sollen nicht dauerhaft in die Kriminalität abrutschen und zu Intensivtätern werden. Seit dem Frühjahr 2011 wird „Kurve kriegen“ in acht Modellbehörden in Aachen, Bielefeld, Dortmund, Duisburg, Köln, Hagen im Rhein-Erft-Kreis und im Kreis Wesel umgesetzt. 

 

So genannte „mehrfachtatverdächtige“ Kinder und Jugendliche stellen in Deutschland eine besondere Problemgruppe dar. Denn allein in NRW gab es im Jahr 2011 fast 4.000 mehrfachtatverdächtige Kinder und Jugendliche, die insgesamt rund 30.000 Straftaten begingen. Damit verübten sechs Prozent der tatverdächtigen Kinder und Jugendlichen knapp ein Drittel aller Straftaten ihrer Altersgruppe. Mit „Kurve kriegen“ versucht die Polizei, möglichst früh anzusetzen und ein weiteres Abgleiten in die Straffälligkeit zu verhindern. Dabei arbeitet sie mit Sozialpädagogen zusammen. Sie übernehmen die pädagogische Betreuung der Kinder. Mit speziell auf jedes Kind abgestimmte Maßnahmen und Angebote sollen die Teilnehmer aus der Kriminalitätsspirale ausbrechen und ihr Leben wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden. Für das Projekt kommen Kinder in Frage, die der Polizei bereits bekannt sind: entweder durch ein Gewaltdelikt oder aber drei schwere Eigentumsdelikte in einem Zeitraum von zwölf Monaten. Rainer Nehm, Jugendbeauftragter und einer der polizeilichen Ansprechpartner von „Kurve kriegen“ in Dortmund erklärt: „Wir haben zum Projektbeginn Kontakt zu allen Polizeidienststellen in Dortmund aufgenommen, die „sachberührt“ sind, das heißt mit Jugendkontaktbeamten, Jugendsachbearbeitern oder auch Bezirksbeamten, die in den verschiedenen Stadtbezirken unterwegs sind, und haben diese gebeten, uns geeignete Kandidaten für das Projekt vorzuschlagen. Denn es ist auch wichtig, die Kinder persönlich einschätzen zu können, um zu entscheiden, ob sie für das Projekt in Frage kommen.“ Im Anschluss wurden die Eltern der ausgewählten Kinder kontaktiert, denn Voraussetzung ist, dass diese ihr Einverständnis für die Teilnahme geben. „Viele der Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen, häufig sind die Eltern mit der Erziehung völlig überfordert und haben Alkohol- oder Geldprobleme. Da kann es schon einmal eine Zeitlang dauern, bis man da einen ersten Kontakt aufgebaut hat“, so Nehm. In der Regel seien die Eltern aber sehr kooperativ und würden die angebotene Hilfe gerne in Anspruch nehmen.

Im Boxtraining lernen die Kinder Respekt und Disziplin

© Andreas Wolf, fotolia

Hilfe für Kinder und deren Familien

Insgesamt gibt es bei „Kurve kriegen“ in Dortmund 67 Maßnahmen und Angebote von freien Trägern der Jugendhilfe oder dem Jugendamt, aus denen für jeden Teilnehmer das Passende individuell ausgewählt werden kann. „Häufig machen Anti-Gewalt- oder Sozialkompetenztrainings Sinn. Es gibt aber auch verschiedene Sportangebote wie Boxen oder Fußball, die pädagogisch betreut werden. Es ist allerdings wichtig, sich nicht nur um die Kinder allein zu kümmern, sondern die ganze Familie ins Blickfeld zu rücken. Deshalb gibt es in unserem Maßnahmenbaukasten auch Angebote wie Erziehungskompetenztrainings, Beratungsangebote zum Thema Alkoholsucht oder Schuldnerberatungen“, betont der Jugendbeauftragte. Nachdem die Eltern ihr Einverständnis gegeben haben, dass ihr Kind am Projekt teilnehmen darf, kümmern sich die Sozialpädagogen im weiteren Verlauf um die Familien und legen die passenden Maßnahmen fest. „Die Reaktionen der Kinder auf die Angebote sind sehr unterschiedlich – manche lassen sich von vornherein gerne darauf ein, andere müssen erst einmal ein bisschen überzeugt werden. Wichtig ist, dass eine gewisse Motivation erkennbar ist, an der momentanen Situation etwas ändern zu wollen – sonst macht das Ganze wenig Sinn“, weiß Nehm. Die Probleme liegen im weiteren Verlauf dann häufig im Detail. Denn Kindern, die generell keinen geregelten Tagesablauf kennen und zu Hause vernachlässigt werden, fällt es schwer, sich an die ausgemachten Termine zu halten. „Es kann sein, dass sie zu den Trainings nicht auftauchen, weil sie nicht wissen, wie sie hinkommen sollen, weil sie die Uhrzeit vergessen oder in dem Moment einfach keine Lust haben“, weiß der Experte. „Allein dies sind alles Dinge, für die Lösungen gefunden werden müssen. Die Kinder müssen das erst einmal lernen und trainieren.“ Besonders die Sportangebote kämen bei den Kindern aber sehr gut an und würden auch nach und nach ihre Wirkung nicht verfehlen. „Wir haben zum Beispiel mittlerweile eine Fußballtruppe aus Teilnehmenden, die sich selbst die „Kurve Krieger“ nennen – bald sogar mit einheitlichen Trikots mit Logo. Das kommt bei den Kindern gut an, sie stehen da richtig hinter. Durch das gemeinsame Training lernen sie außerdem einen respektvollen und disziplinierten Umgang miteinander“, so der Jugendbeauftragte. 

 

In NRW nehmen derzeit rund 200 Kinder am „Kurve kriegen“-Projekt teil. Geplant ist, dass jedes Kind etwa zwei Jahre an den Maßnahmen teilnimmt. „Das Projekt wird aktuell wissenschaftlich evaluiert. Es ist im Moment aber noch zu früh, „Kurve kriegen“ nach dem heutigen Kenntnisstand abschließend zu bewerten. Meiner Erfahrung nach hat das Projekt aber gute Chancen, dauerhaft tatsächlich etwas zu bewirken, wenn es denn flächendeckend eingesetzt wird“, betont Nehm. Nicht jeder Teilnehmer würde das Projekt erfolgreich zu Ende bringen – Projektabbrüche kämen immer wieder einmal vor. Dafür gebe es aber auch Mädchen und Jungen, bei denen sich schon nach relativ kurzer Zeit Erfolge einstellen würden. Rainer Nehm betont: „Ich halte „Kurve kriegen“ für ein Projekt mit Zukunft. Denn auch wenn es aufwändig ist und viel Manpower benötigt: Wenn man sich die Menge an Straftaten, Opfern und Kosten vor Augen führt, die ein Intensivtäter verursacht – möglicherweise sein ganzes Leben lang – dann lohnt sich die Mühe allemal. Von „Kurve kriegen“ profitiert also am Ende die ganze Gesellschaft.“ 

Weitere Infos zum Thema Gewalt in der Familie

Trauma durch das Miterleben häuslicher Gewalt

Ein elfjähriges Mädchen ruft mitten in der Nacht bei der Polizei an....[mehr erfahren]

Wenn misshandelte Kinder ihr Schweigen brechen

Die Diplom-Pädagogin Beate Friese arbeitet seit über 30 Jahren bei...[mehr erfahren]

Gespräch mit Medienpädagogin Michaela D. Brauburger zum Thema Cybergewalt

Am Computer, auf dem Smartphone, über das Tablet: Millionen von...[mehr erfahren]

Ein Präzedenzfall unterlassener Hilfeleistung

Am frühen Morgen des 13. März 1964 fährt die junge New Yorkerin Kitty...[mehr erfahren]

Was die Polizei für sie tun kann

Hans-Joachim Blume, Kriminaldirektor vom Landeskriminalamt Berlin,...[mehr erfahren]