< Reisechaos vor Fußballspielen

Die Strategie hängt vom Spielplan ab

Körperverletzung, unerlaubter Einsatz von Pyrotechnik, Angriffe auf Polizeikräfte: Beim Fußball kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen – auch bei den Spielen des Erstligisten Borussia Dortmund (BVB).

Die Dortmunder Polizei im Einsatz bei Fußballspielen


Für die Strafverfolgung im Stadion ist die Polizei zuständig

© seite3/stock.adobe.com

Körperverletzung, unerlaubter Einsatz von Pyrotechnik, Angriffe auf Polizeikräfte: Beim Fußball kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen – auch bei den Spielen des Erstligisten Borussia Dortmund (BVB). An den Heim-Spieltagen ist die Dortmunder Polizei daher im Dauereinsatz, um Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Fans zu verhindern und Unbeteiligte zu schützen. Wie sich die Situation im Stadion in den vergangenen Jahren verändert hat, gegen wen sich die Gewalt richtet und wie sich die Dortmunder Polizei auf die Einsätze vorbereitet, erklärt Polizeidirektor Edzard Freyhoff. Er ist der Einsatzleiter bei den Fußballspielen im Signal-Iduna-Park.

Herr Freyhoff, wie hoch ist das Gewaltpotenzial bei den Spielen des BVB?

Die Statistik zeigt: Insgesamt ist die Anzahl der polizeilich relevanten Vorfälle rückläufig. In der Saison 2016/17 haben wir 641 Straftaten in Zusammenhang mit Fußballspielen registriert. Eine Saison später waren es 339, in der Saison 2018/19 sogar nur 275. Das ist erst einmal positiv. Allerdings muss man solche Statistiken auch immer näher betrachten und nach den Gründen fragen. Wenn Straftaten zahlenmäßig steigen oder sinken, kann das auch einfach damit zusammenhängen, dass wir in der Saison Spielbegegnungen hatten, die es in der vorherigen Saison nicht gab, etwa weil Vereine auf- und absteigen. Darüber hinaus gibt es auch Fälle, bei denen Störungen wie Landfriedensbrüche eskalieren und eine große Zahl an Einzelstraftaten nach sich ziehen, die einzeln in die Statistik eingehen. Man kann also nicht jede Saison mit einer anderen vergleichen. Dennoch spiegeln die Zahlen in unserem Fall auch die Realität wider: In den letzten drei Jahren ist das Gewaltpotenzial merklich gesunken.

Was sind die Gründe für diesen Rückgang?

Zum einen hat sich die Infrastruktur verbessert. Borussia Dortmund, also der Verein, hat beispielsweise einige bauliche Veränderungen vorgenommen, die eine bessere Trennung der Heim- und der Gastfans gewährleisten. Darüber hinaus wurde die Beleuchtungssituation optimiert, weshalb es bei Dunkelheit nicht mehr so viele Tatgelegenheiten gibt. Zum anderen sind wir in den letzten Jahren dazu übergegangen, für Personen, die Straftaten bei den Spielen oder bei der An- und Abreise begehen, konsequent Stadionverbote anzuregen. Der Verein zieht hier entsprechend mit. Dadurch wissen potenzielle Störer: Wenn sie eine Straftat begehen, kann es sein, dass sie für mehrere Jahre vom Stadionbesuch ausgeschlossen sind. Auch jede gerichtliche Verurteilung spricht sich in der Szene rum. Angenommen, jemand bekommt für eine Beleidigung eine Geldstrafe von 1.500 Euro, dann werden sich andere überlegen, ob sie das in Zukunft machen.

Wer sind die Gewalttäter und gegen wen richten sich die Angriffe?

In den meisten Fällen kommt es zu Körperverletzungsdelikten zwischen Ultra-Gruppen beider Vereine. Natürlich sind nicht alle Ultras gewalttätig. Dennoch kommen die meisten Gewalttäter aus der Szene. Hier muss man jedoch sagen: Die Anzeigebereitschaft bei Auseinandersetzungen zwischen Ultras ist gering. Die wollen einfach möglichst nichts mit der Polizei zu tun haben. Wenn allerdings Unbeteiligte zu Schaden kommen, sieht das natürlich anders aus. Solche Fälle werden in der Regel angezeigt und dann können wir gegen die Täter ermitteln. Darüber hinaus müssen wir leider beobachten, dass der Respekt gegenüber Maßnahmen der Polizei sehr zu wünschen übrig lässt. Es kommt immer wieder zu Widerstandshandlungen und tätlichen Angriffen gegen Polizeikräfte. Das ist zwar nicht bei jedem Fußballspiel der Fall, aber es ist leider auch keine Ausnahme.

Wie könnte man denn als friedlicher Fan zwischen die Fronten geraten?

Die Fantrennung ist die wichtigste Maßnahme, um Gewalt zu verhindern und Unbeteiligte zu schützen. Wenn das nicht klappt und es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen aggressiven Fans beider Vereine, wird keine Rücksicht darauf genommen, ob ein Dritter dazwischensteht. Bei uns in Dortmund ist die Trennung leider relativ schwierig, auch wenn viel dafür getan wird, dass es klappt. Das hängt einfach mit den diversen Anreisewegen und den baulichen Zugangsmöglichkeiten zum Stadion des BVB zusammen. Dennoch versuchen wir natürlich unser Möglichstes, um gewaltbereite Ultra-Gruppen beider Mannschaften und andere aggressive Stadionbesucher und Störer voneinander fernzuhalten.

Was sind konkrete Maßnahmen, um Fantrennung zu gewährleisten?

Das sind zum einen Fanbegleitungsmaßnahmen. Das bedeutet, dass wir bestimmte Gruppen sozusagen eskortieren, um Begegnungen mit gegnerischen Fans zu vermeiden. Darüber hinaus sorgen wir für verstärkte Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten. Das sind Orte, an denen es häufig zu Konflikten kommt. Wir sprechen aber auch von verdeckten Maßnahmen. Wir setzen erfahrene Zivilkräfte ein, die das Fanverhalten beobachten und Vorfälle umgehend melden.

Wie kontrollieren Sie, ob Stadionverbote eingehalten werden?

Wir haben szenekundige Beamten. Die kennen die Fan- und natürlich die Ultra-Szene ganz genau. Die Kolleginnen und Kollegen beobachten den Zugang der Gast- und der Heimfans. Die erkennen auch Leute, die ein Stadionverbot von den Vereinen bekommen haben. Das kann man dann in der „Datei Gewalttäter Sport“ überprüfen und im Fall des Falles eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch stellen. So läuft das übrigens bei allen Fußballspielen ab, nicht nur in Dortmund.

Wie bereitet sich die Dortmunder Polizei strategisch auf die Einsätze vor?

Wir befassen uns das erste Mal mit einer Spielbegegnung, wenn die Deutsche Fußballiga die Feinplanung der Spieltage herausgegeben hat. Das heißt: Wenn wir wissen, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit die Begegnung stattfindet. Dann prüfen wir erst einmal, ob es notwendig ist, gegen die Gastfans oder Einzelpersonen präventive, polizeiliche Maßnahmen einzuleiten. Das bedeutet zum Beispiel: Meldeauflagen kontrollieren oder Betretungsverbote aussprechen. Dadurch wollen wir verhindern, dass Störer überhaupt nach Dortmund bzw. ins Station kommen. Das ist immer der erste Schritt. Danach wird die Gefahrenlage für das Spiel geprüft. Jeder Spieltag muss individuell betrachtet werden. Denn natürlich hängt die Gefahrenlage von der Spielbegegnung ab. Bei Derbys ist das Gewaltpotenzial naturgemäß höher. Zudem greifen wir natürlich auf unseren Erfahrungsschatz der vergangenen Jahre zurück: Gab es gewalttätige Auseinandersetzungen? Wie lief der Gesamteinsatz in der Vergangenheit ab? Wurde Pyrotechnik abgebrannt? Wie ist die Anreisesituation? Von all diesen Punkten hängt dann ab, mit wie vielen Kräften wir vor Ort sind. Das kann mal eine Hundertschaft sein. Bei Hochrisikospielen, zum Beispiel gegen Schalke 04, können das auch mal mehrere Hundertschaften sein. Sobald wir die Gefahrenlage geprüft haben, tauschen wir uns mit weiteren Partnern aus, etwa der Bundespolizei, dem Verein oder den Verkehrsbetrieben.

Wer sorgt am Spieltag selbst an den verschiedenen Schauplätzen für Sicherheit?

Wir als Polizei Dortmund sorgen für die Sicherheit außerhalb des Stadions und in der Stadt. Die An- und Abreisewege mit Zügen fällt wiederum in den Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei. Der Veranstalter, also der Verein Borussia Dortmund, ist wiederum für den Einsatz von Sicherheitskräften im Stadion verantwortlich. Es geht hier aber immer nur um gefahrenabwehrende Maßnahmen. Wenn es im Stadion zu Gewalt beziehungsweise Straftaten kommt, sind wir als Polizei natürlich dafür verantwortlich und gehen gegen die Störer vor bzw. ermitteln – das macht selbstverständlich nicht der Ordnungsdienst. MW (27.09.2019)

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