< „Das kann kein Ghetto sein!“

Die Arbeit der Frauenberatungsstellen

Die 18-jährige Sarah wacht morgens um sechs auf einer Parkbank auf. Sie weiß nicht, wo sie ist und wie sie dort hingekommen ist. Dass sie in der Disco getanzt hat, ist das Letzte, an das sie sich erinnern kann. Sarah fühlt sich schlecht, ihr tut alles weh. Die 18-Jährige kann die Lücken in ihrem Gedächtnis nicht füllen, aber langsam steigt in ihr der Verdacht auf, dass sie vergewaltigt wurde.

„Bei Gewalt geht es immer um das Demonstrieren von Macht“

Opfer von sexueller Gewalt sind häufig traumatisiert

© Müller Photodesign, MEV-Verlag

 

Die 18-jährige Sarah wacht morgens um sechs auf einer Parkbank auf. Sie weiß nicht, wo sie ist und wie sie dort hingekommen ist. Dass sie in der Disco getanzt hat, ist das Letzte, an das sie sich erinnern kann. Sarah fühlt sich schlecht, ihr tut alles weh. Die 18-Jährige kann die Lücken in ihrem Gedächtnis nicht füllen, aber langsam steigt in ihr der Verdacht auf, dass sie vergewaltigt wurde.

Dass Sarahs Geschichte kein Einzelfall ist, weiß Luzia Kleene von der Frauenberatungsstelle Düsseldorf. „Es kommt immer wieder vor, dass sich Frauen bei uns melden, die mithilfe so genannter K.-o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt und anschließend sexuell missbraucht wurden. Die Opfer können sich häufig an nichts erinnern. Für die Opfer ein absoluter Albtraum.“ Die Vorgehensweise der Täter ist in der Regel immer die gleiche: Dem Opfer werden die K.-o.-Tropfen heimlich in ein Getränk geschüttet. Danach verliert es entweder ganz das Bewusstsein oder ist nicht mehr in der Lage, Widerstand zu leisten. Anschließend vergehen sich der oder die Täter an der Frau. Dabei muss es sich bei den Tätern nicht immer um Fremde handeln, die sich ihre Opfer in einer Diskothek oder Bar aussuchen. Es kommt auch vor, dass Frauen die Tropfen auf Privatpartys verabreicht werden – zum Teil von Männern, die ihnen bekannt sind. 

Für die Opfer ist es schwer nachzuvollziehen, was überhaupt geschehen ist. Sie suchen die Schuld zunächst bei sich und schämen sich. Viele denken: „Das alles ist so schon peinlich genug. Wahrscheinlich habe ich mich so daneben benommen, dass ich am besten mit niemandem darüber spreche.“ Das Problem: Die verabreichten Drogen sind im Körper nicht sehr lange nachweisbar. „Entscheidet die Frau sich dazu, Anzeige zu erstatten, sollte so schnell wie möglich eine Beweissicherung durch die Rechtsmedizin stattfinden – damit sämtliche Spuren, die der Täter am Körper der Frau hinterlassen hat, gesichert und als Beweis genutzt werden können.“ 

Luzia Kleene

Sozialpädagogin und Juristin bei der Frauenberatungsstelle Düsseldorf, © Judith Michaelis

Häusliche Gewalt – oft ein langes Martyrium

Die Frauenberatungsstelle Düsseldorf ist Anlaufstelle für Mädchen und Frauen, die physische oder psychische Gewalt erfahren haben. Insgesamt elf 

(Sozial)-Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Juristinnen mit beraterischen oder therapeutischen Zusatzausbildungen stehen den Frauen zur Seite. Das Beratungsangebot reicht dabei vom „Frauen-Krisentelefon“ – eine Telefonhotline, die täglich von 10.00 bis 22.00 Uhr erreichbar ist – über individuelle Einzelberatungen und Gruppentherapien. Das Altersspektrum der Frauen, die bei der Einrichtung Rat suchen, ist groß und reicht von 16 bis über 80 Jahre. 

Nicht jedes Gewaltopfer wendet sich sofort an die Beratungsstelle. Gerade wenn es um häusliche Gewalt geht, haben viele Frauen schon ein jahrelanges Martyrium hinter sich, bevor sie den Mut fassen, sich jemandem anzuvertrauen. Luzia Kleene sind in den 22 Jahren, in denen sie schon für die Frauenberatungsstelle Düsseldorf tätig ist, viele Gewaltformen begegnet. Die Frauen würden von ihren Männern geschlagen, getreten, gebissen oder gewürgt, mit Messern angegriffen oder zum Sex gezwungen. Oftmals gebe es auch Drohungen wie „Ich bringe den Hund um“, um die Frau unter Druck zu setzen. „Generell gesehen, geht es immer um das Demonstrieren von Macht“, weiß die Sozialpädagogin. Gewalt beginnt dabei in der Regel nicht sofort am Anfang einer Beziehung, sondern wird oftmals durch eine einschneidende Veränderung im Leben ausgelöst. Beispiele hierfür können Arbeitslosigkeit, das Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung, eine Schwangerschaft oder auch der Eintritt ins Rentenalter sein.

Adressen von Frauenberatungsstellen in Ihrer Nähe erhalten Sie beim „Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe“ 

Das Schweigen zu brechen ist ein wichtiger Schritt

Die Beratung ist auf jede Frau individuell zugeschnitten, je nachdem, was ihr widerfahren ist und in welcher Situation sie sich befindet. „Das Thema ist so komplex, dass es keine einheitliche Beratung geben kann“, erklärt Luzia Kleene. „Essentiell für die Beratungsarbeit ist aber, den Frauen zu vermitteln, dass nicht nur sie alleine Gewalt erleben, sondern dass es ganz viele Frauen gibt, die ähnliches durchmachen. Dass es aber auch schon viele geschafft haben, einen Weg aus der Gewalt zu finden. Auch wenn dies oft nicht leicht ist.“ Denn es wird immer schwieriger, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu befreien, je länger diese andauert. Die Angst, dass einem nicht geglaubt wird, die Scham, alles schon so lange mitgemacht zu haben und die finanzielle Abhängigkeit vom Partner sind nur einige Gründe, warum die Opfer so lange schweigen. Dabei ist es enorm wichtig, sich jemandem anzuvertrauen und das Geschehene auszusprechen. „Jede Gewalttätigkeit, die zwischen Opfer und Täter geheim bleibt, schweißt die beiden auf unglückselige Weise zusammen“, weiß Luzia Kleene. Den Frauen muss klar werden, dass sich etwas verändern muss, damit die Gewalt aufhört. Denn dass Täter plötzlich von selbst einsichtig werden, geschieht nur äußerst selten. Wenn der Mann jedoch nicht selbst einsieht, dass er ein Problem hat, ist ein Ende der Gewalt nicht abzusehen.

Wenn sich eine Frau dazu entschlossen hat, ihren gewalttätigen Ehemann zu verlassen, besteht die Arbeit der Beratungsstelle zum einen darin, mit der Frau ganz praktische Schutzmaßnahmen zu überlegen und umzusetzen. Es wird geschaut, welche Personen aus ihrem Umfeld sie unterstützen können – und man versucht, die eigenen Ressourcen zu stärken. Viele Frauen, die jahrelang misshandelt wurden, haben ein völlig verzerrtes Bild von dem Täter. Die Sozialpädagogin erklärt: „Den Opfern erscheint der Täter dann als ein riesiges, unverletzbares, nicht zu bekämpfendes Monster. Hier versuchen wir dann, ein Gegengewicht zu setzen. Wir arbeiten dann mit Empowerment, wodurch die Frau sich erstmal ihrer eigenen Stärke wieder bewusst wird.“ Damit ist der erste wichtige Schritt aus der Gewalt getan.

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