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Notfallplan bei Amokläufen an Schulen

Braucht eine Grundschule in einem 3.700-Seelen-Dorf auf dem Land einen Notfallplan? Schulleiterin Ilona Schmidt sagt: „Ja, auf jeden Fall!“ Schließlich ist die Dorfschule, an der rund 160 Kinder unterrichtet werden, ein zentraler Punkt im Ort. „Ein Amoklauf aus Rache kommt an einer Grundschule höchstwahrscheinlich nicht vor, aber es könnte ja auch jemand in einer psychischen Ausnahmesituation einen Ort suchen, an dem er einfach auf viele Menschen trifft“, erklärt die Rektorin. Für diesen und andere Notfälle hat der „Lenkungskreis Krisenprävention und Krisenintervention“ im Kreis Borken einen Leitfaden und individuelle Notfallpläne für jede der 170 Schulen im Einzugsgebiet erstellt.

Sicherheitskonzept im Kreis Borken 

Sicherheitskonzepte sollen Schulen im Fall größerer Krisen bis hin zum Amoklauf sicherer machen

© ehrenberg-bilder, fotolia

 

Braucht eine Grundschule in einem 3.700-Seelen-Dorf auf dem Land einen Notfallplan? Schulleiterin Ilona Schmidt sagt: „Ja, auf jeden Fall!“ Schließlich ist die Dorfschule, an der rund 160 Kinder unterrichtet werden, ein zentraler Punkt im Ort. „Ein Amoklauf aus Rache kommt an einer Grundschule höchstwahrscheinlich nicht vor, aber es könnte ja auch jemand in einer psychischen Ausnahmesituation einen Ort suchen, an dem er einfach auf viele Menschen trifft“, erklärt die Rektorin. Für diesen und andere Notfälle hat der „Lenkungskreis Krisenprävention und Krisenintervention“ im Kreis Borken einen Leitfaden und individuelle Notfallpläne für jede der 170 Schulen im Einzugsgebiet erstellt. 

Ilona Schmidt, Schulleiterin der Silvesterschule Erle

© Silvesterschule Erle

Polizeiberatung für Schulen 

„Ende 2007 wurde in NRW damit begonnen, den Erlass zu Notfallplänen an Schulen umzusetzen“, sagt Kriminalhauptkommissar Jörg Kerschek von der Kreispolizeibehörde Borken. Die Pläne sollen ein Kollegium auf außergewöhnliche Situationen vorbereiten und Schulleitern Handlungssicherheit geben. Der Erlass sieht vor, dass die Kreispolizeibehörden die Schulen beim Krisenmanagement unterstützen. Damit alle gut auf Problemfälle vorbereit sind, haben sich die Beteiligten der involvierten Fachbereiche an einen Tisch gesetzt: Schulamt und Schulberatungsstellen sowie Pädagogen und Schulpsychologen, das Jugendamt und die Polizei. Dieser vom Landrat des Kreises Borken ins Leben gerufene „Lenkungskreis Krisenprävention und -intervention“ erarbeitete einen Leitfaden. Die Inhalte reichen von alltäglicher Gewaltprävention über technische Prävention im Rahmen der Gebäudesicherheit bis hin zum Aufbau eines kommunikativen Frühwarnsystems. Zwar hatten die Schulen einen allgemein gültigen Notfallordner „Hinsehen und Handeln“ vom Ministerium erhalten, es fehlte aber an präzisen Plänen für die einzelnen Schulen. Schließlich ist es ein Unterschied, ob Notfallpläne für ein großes Berufskolleg oder für eine kleine Grundschule erstellt werden sollen. An Grundschulen muss konzeptionell anders gearbeitet werden: „Hier wird es sehr wahrscheinlich keinen Amoklauf mit einem Täter aus der Schülerschaft geben“, erklärt Jörg Kerschek. Gefahrenpunkte an einer Grundschule seien eher familiäre Konflikte, die bis hin zur Körperverletzung eskalieren. Der Kriminalhauptkommissar wurde zum Ansprechpartner für alle Schulen im Kreis Borken berufen. „Und ich habe jede der 170 Schulen besucht“, erzählt er. Fast vier Jahre hat es gedauert, dann waren die Beratungen und die Multiplikatorenschulung der Lehrer beendet. 

Einen Plan haben 

Auch die Silvesterschule Erle hat ihre eigene Notfall-Mappe. Kopien davon befinden sich bei der Polizei, bei der Feuerwehr und im Rathaus. Dort sind auch die aktuellen Stunden- und Vertretungspläne abgeheftet, damit im Notfall klar ist, welche Klasse sich wo befindet – etwa in der Turnhalle. Die Mappe enthält wichtige Informationen, zum Beispiel Ansprechpartner bei der Polizei, bei der Feuerwehr, innerhalb der Schule und beim Schulträger, der Gemeinde Raesfeld, mit passenden Telefonnummern, dazu Skizzen und Fotos des Schulgeländes und -gebäudes, Fluchtwege und eine Beschreibung des Umfelds der Schule. „Das wurde in mehrstündiger Arbeit mit Jörg Kerschek durchgesprochen und in der Mappe festgehalten, vor allem wurden schnelle Orientierungspunkte sowie eine kreiseinheitliche Raumnummerierung festgelegt“, erzählt Schulleiterin Ilona Schmidt. „Wenn ich jemandem sage, bei uns im Neubau befindet sich ein Amokläufer, dann würden zwar Lehrer, Kinder und Eltern wissen, welcher Gebäudetrakt gemeint ist, aber nicht unbedingt die Polizei.“ Auf dem Plan der Schule wurden daher unter anderem die einzelnen Gebäudetrakte mit Farben gekennzeichnet, die sich auch im Gebäude wiederfinden. Somit kann sich ein Einsatzkommando leichter orientieren. 

Kriminalhauptkommissar Jörg Kerschek, Kreispolizeibehörde Borken

© Polizei Borken

Neues Alarmsystem 

Eine der wichtigsten Fragen ist jedoch: Wie funktioniert im Fall eines Amoklaufs die Kommunikation? „Das war bei uns gar nicht so einfach, denn wir haben keine Gegensprechanlage, nicht mal eine einseitige Sprechanlage“, sagt Schulleiterin Ilona Schmidt. Von einer codierten Warnung, wie es sie auch in Winnenden gab, wird im Leitfaden des Kreises Borken sowieso abgeraten. Über die Sprechanlage ertönte dann etwa: „Achtung, Frau Koma kommt!“ (Liest man das Anagramm andersherum, entsteht Amok.) An der Silvesterschule in Erle wurde neben dem Brandalarm ein zweiter Signalton installiert. Der soll nun vor Amokläufen warnen. Schließlich müssen im Brandfall und bei einem Amoklauf ganz unterschiedliche Maßnahmen ergriffen werden: „Man stelle sich vor, es ertönt das Signal und die Lehrer denken, das sei der Feueralarm. Dann würden sie mit allen Kindern den Klassenraum verlassen und in Zweierreihen aufgestellt aus der Schule marschieren“, sagt Ilona Schmidt. In diesem Fall stünden alle wie auf dem Präsentierteller an der Sammelstelle für den Brandalarm und wären dem Amokläufer schutzlos ausgeliefert. Wichtig ist es auf jeden Fall, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass auch an Grundschulen ein schädigendes Ereignis bis hin zum Amoklauf geschehen könnte und welche Maßnahmen dann ergriffen werden müssen. 

Richtig reagieren 

Im Fall eines Amoklaufs sollten sich Lehrer und Schüler in den Klassenzimmern einschließen. An der Silvesterschule Erle gibt es nur noch Türen, die in den Klassenraum hinein öffnen. Das hat den Vorteil, dass man sie von innen verbarrikadieren kann. Sinnvoll ist diese Anschlagsrichtung der Türen auch im Brandfall. Denn wenn viele Personen durch die Flure laufen, werden dort hineinragende Türen zum gefährlichen Hindernis. Während eines Amoklaufs sollten die Türen abgeschlossen sein und die Schüler und Lehrer sollten sich an einer möglich geschützten Stelle des Raumes aufhalten. 

Keine Notfallübung 

Ein Probealarm wäre eine gute Möglichkeit, das Bewusstsein und die Wachsamkeit für einen Amoklauf zu schärfen, könnte man meinen. Allerdings wurde bei einer Fortbildung des Lenkungskreises Krisenmanagement zum Thema „Krisenbewältigung und Sicherheit an Grundschulen im Kreis Borken“ davon abgeraten. Die Begründung: Es ist wichtig, dass Kinder die Schule als sicheren Raum bertachten und durch solche Übungen nicht traumatisiert werden. Rektorin Ilona Schmidt hält es deshalb weiterhin so: „Gegenüber den Schülern wird ein Amoklauf überhaupt nicht thematisiert.“  (KS)

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