Lebenskompetenz bietet den größten Schutz vor Sucht

Vorbilder sind für Kinder und Jugendliche wichtige Instanzen bei ihrer Sozialisierung. Die ersten Vorbilder, denen Kinder begegnen, sind die eigenen Eltern. Wie wirkt es sich jedoch auf junge Menschen aus, wenn die Eltern nicht als positive Vorbilder fungieren – etwa was den Konsum von Alkohol angeht? Und welche Rolle spielen die so genannten Peergroups, also die Jugendcliquen, in denen die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen, in Bezug auf die Vorbildfunktion?

Offen kommunizieren und trotzdem Grenzen setzen

Auch beim Alkoholkonsum fungieren Erwachsene als Vorbilder

© Ramesh Amruth, CC-Verlag

 

Vorbilder sind für Kinder und Jugendliche wichtige Instanzen bei ihrer Sozialisierung. Die ersten Vorbilder, denen Kinder begegnen, sind die eigenen Eltern. Wie wirkt es sich jedoch auf junge Menschen aus, wenn die Eltern nicht als positive Vorbilder fungieren – etwa was den Konsum von Alkohol angeht? Und welche Rolle spielen die so genannten Peergroups, also die Jugendcliquen, in denen die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen, in Bezug auf die Vorbildfunktion?

Dr. Freia Hahn ist Chefärztin der Abteilung 2 der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik in Viersen. Neben zwei Akutstationen, in denen alle kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen behandelt werden, bietet ihre Abteilung Jugendlichen mit einer Suchterkrankung die Möglichkeit einer stationären qualifizierten Entzugs- mit anschließender langfristiger Entwöhnungsbehandlung.

Frau Dr. Hahn, welche Rolle spielen Vorbilder generell im Leben von Jugendlichen?

Jugendliche orientieren sich an Vorbildern. Diese können für sie gute Identifikationsobjekte darstellen. Sie verkörpern häufig Eigenschaften, die Jugendliche für sich selbst für erstrebenswert halten. Sie finden sie toll und lassen sie ein wenig träumen. Vorbilder belegen oft Positionen, die Jugendliche interessant finden. Sie übernehmen so eine Art Stellvertreterfunktion. Das ist wichtig, weil sie den Jugendlichen im guten Sinne eine Orientierung geben und eine Bemessungsgröße für ihr eigenes Verhalten darstellen können. Jugendliche können sich aber auch an Menschen orientieren, die keinen günstigen Effekt auf sie haben. Etwa an Menschen, die Gewalt verherrlichen oder bestimmte Ideologien verfolgen. Das sind für Jugendliche, die selbst Schwierigkeiten dabei haben, eine gute Position im Leben zu finden, nur über ein geringes Selbstwertgefühl verfügen und eventuell in einer gewissen Außenseiterposition sind, oft negative Vorbilder. 

Dr. Freia Hahn

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen, © privat

Worauf müssen Eltern achten, um als positive Vorbilder zu wirken?

Zunächst einmal sind für Kinder sichere und verlässliche Familienstrukturen wichtig. Außerdem sollte Offenheit in der Familienkommunikation bestehen. Gleichzeitig sind aber auch klare Grenzen zu ziehen und Verantwortlichkeiten zwischen den einzelnen Familienmitgliedern zu definieren. Eltern vermitteln in dem was sie tun eine gewisse Lebenseinstellung und moralische Grundsätze. Sie führen – im günstigsten Fall – ein stabiles Leben. Sie sorgen für eine altersgemäße Förderung und helfen den Kindern, ihre Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Dazu gehört auch, klare Erwartungen und Herausforderungen zu formulieren. Genauso wichtig ist es, eine gute Bindung zum Kind aufzubauen. Wenn diese Bindung stabil ist, bieten Eltern auch ein Übungsfeld, in denen Kinder sich mit bestimmten Überzeugungen und Einstellungen auseinandersetzen können. Dadurch können sie dann auch zu eigenen Überzeugungen kommen, die sich auch durchaus von denen der Eltern unterscheiden können. Aber es ist wichtig, dass sie einen Rahmen haben, in dem sie in Austausch und Kommunikation gehen können und eine gewisse Stabilität erfahren. Man weiß auch, dass eine geringe Bindung an die Eltern und eine deutlich höhere Bindung an die Peergroup ein Risikofaktor sein kann.

Welche Rolle spielt denn die Peergroup beim Konsum von Alkohol?

Die Peergroup bildet einen Rahmen in dem Jugendliche ohne Kontrolle der Eltern Grenzerfahrungen sammeln können – das gilt auch für den Konsum von Alkohol. Jugendliche trinken in der Regel ja nicht allein. Wenn die Jugendlichen in der Peergroup Alkohol konsumieren, hat allein dieser Umstand schon einen gewissen Effekt auf sie. Am Anfang steht gar nicht so sehr die pharmakologische Wirkung von Alkohol im Vordergrund. Im Gegenteil: Diese wird nicht einmal unbedingt als positiv empfunden. Häufig spielen eher andere Faktoren eine Rolle: Sie erfahren durch den Konsum von Alkohol Zuwendung, Interesse und Anerkennung von der Peergroup. Die Atmosphäre ist wichtig, das Zusammensein mit den anderen. Positive Gefühle verstärken dann das Konsumverhalten. Die am Anfang eventuell als unangenehm empfundene Wirkung von Alkohol auf den Körper kann dadurch überwunden werden. Wenn dann noch andere Risikofaktoren hinzukommen wie Misserfolge, ein belastetes familiäres Klima oder andere psychische Störungen, dann steigt das Risiko, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Wobei dazu immer mehrere Faktoren zusammenkommen. Es sind nicht nur die schlechten Vorbilder oder die sich mangelhaft kümmernden Eltern allein: So leicht ist es nicht. Es gibt keine einfachen Rezepte oder Erklärungen dafür, wer eine Suchterkrankung entwickelt und wer nicht.

Die Peergroup hat einen großen Einfluss auf Kinder und Jugendliche

© Markus Bormann, fotolia

Wie kann es zu einer Alkoholabhängigkeit bei Jugendlichen kommen?

Die Gründe, die dazu führen können, alkoholabhängig zu werden, sind vielfältig. Dazu kann der Zerfall der familiären Bindungen zählen. Viele Jugendliche haben ihren Lebenssinn verloren, viele haben wenig Fähigkeiten entwickelt, Lebenskrisen zu bewältigen. Andere haben sehr früh schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Der Drogenkonsum bei Jugendlichen folgt häufig aus einer bereits bestehenden psychischen Erkrankung. Das heißt, dass fast jeder Jugendliche, der ein Suchtproblem hat, eine weitere psychische Erkrankung aufweist, die bereits vor dem Konsum da war. Das können Angsterkrankungen, Depressionen, Essstörungen, Traumata oder Störungen im Sozialverhalten sein. Bei suchtkranken Jugendlichen ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass so eine Störung vorliegt. 

Wie wichtig ist es, dass Eltern einen vernünftigen Umgang mit Alkohol vorleben?

Jugendliche müssen auch den verantwortungsbewussten Konsum von Alkohol erst lernen. Ein vernünftiger Umgang der Eltern mit Alkohol ist also wichtig. Eltern sollten darauf achten, dass der Konsum von Alkohol als Ausnahme und spezieller Genuss dargestellt wird und nicht etwas ist, das zum Alltag gehört. Es sollte auch kein Bezug bestehen zwischen Alkoholkonsum und dem Lösen von Problemen. Das heißt, es sollte nicht zu Alkohol gegriffen werden, wenn man etwa Stress im Job oder einen anderen Konflikt zu lösen hat. Ebenfalls ist es wichtig, zu vermitteln, dass man auch ohne Alkohol feiern und Spaß haben oder ein schönes Essen genießen kann. Dazu gehört auch, dass auf eigenen Feiern genug Alternativen zu Alkohol angeboten werden. Und dass man es keinesfalls als zwingende Notwendigkeit ansieht, dass dort Alkohol getrunken werden muss. Es sollte nicht als besonders erwachsen dargestellt werden, Alkohol zu konsumieren. Eltern sollten auch ihre Gäste nicht dazu anhalten, Alkohol zu trinken oder sie gar in eine Position bringen, in der sie sich für das Ablehnen von alkoholischen Getränken rechtfertigen müssen.

Weitere Infos und Tipps erhalten Eltern unter

http://www.kinderpsychiater-im-netz.de.  

Tipps für Eltern

  • Bedenken Sie: Ihr Kind orientiert sich an Ihrem eigenen Verhalten – das gilt auch für den Umgang mit Alkohol!
  • Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind und zeigen Sie echtes Interesse an seinen Freizeit- und Schulaktivitäten.
  • Sorgen Sie für eine offene Kommunikation: Haben Sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen, Ängste und Nöte Ihres Kindes.
  • Achten Sie auf Veränderungen im Verhalten Ihres Kindes: Lassen die Schulleistungen nach? Hat sich der Freundeskreis verändert? Werden Hobbys, denen immer gerne nachgegangen wurde, aufgegeben? 
  • Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind legale oder illegale Drogen konsumiert, wenden Sie sich am besten an eine Drogenberatungsstelle oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ihrer Nähe.

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