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„Der Bahnhof darf kein Angstraum sein!“

Im Juli 2019 wurde ein Achtjähriger am Bahnhof in Frankfurt am Main vor einen einfahrenden Zug gestoßen und tödlich verletzt. Die Anteilnahme der Bevölkerung war groß. Selbst Wochen später erinnerten noch zahlreiche Blumen, Kuscheltiere und Briefe, die in der Nähe des Tatorts niedergelegt wurden, an den Vorfall.

Richtiges Verhalten und effektive Schutzkonzepte


An Bahngleisen sollte man immer Abstand zur Bahnsteigkante halten

© B. Plank/ imBILDE.at/stock.adobe.com

 

Im Juli 2019 wurde ein Achtjähriger am Bahnhof in Frankfurt am Main vor einen einfahrenden Zug gestoßen und tödlich verletzt. Die Anteilnahme der Bevölkerung war groß. Selbst Wochen später erinnerten noch zahlreiche Blumen, Kuscheltiere und Briefe, die in der Nähe des Tatorts niedergelegt wurden, an den Vorfall. Für die Zugreisenden war die Gedenkstätte auch ein Mahnmal: Es hätte jeden treffen können. Denn der Junge war ein Zufallsopfer. Gewalttaten wie diese sorgen somit dafür, dass Bahnhöfe oder Bahnsteige von vielen Menschen als Angsträume wahrgenommen werden. Wie berechtigt ist die Sorge? Was tut die Bahn, um das Reisen sicherer zu machen? Und wie kann die Bundespolizei unterstützen?

Schreckliche Einzeltaten sind kaum zu verhindern

An wohl kaum einem anderen Ort treffen jeden Tag so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten aufeinander wie am Bahnhof – besonders in größeren Städten. Die meisten von ihnen wollen hier in einen Zug einsteigen. Andere möchten nur im Bahnhof einkaufen. „Doch egal ob man Reisender ist oder einfach nur das Angebot an Geschäften und Gastronomie in Anspruch nimmt: Am Bahnhof bewegt man sich in einem Umfeld, in dem sich auch Menschen aufhalten, die Unfrieden stiften wollen oder Straftaten begehen“, sagt Polizeihauptkommissar Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorstand und Vorsitzenden des Bezirks Bundespolizei der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Das können alkoholisierte Jugendliche sein, aggressive Bettler oder Taschendiebe. Dadurch kommt es an Bahnhöfen immer wieder zu Konflikten und Kriminalität.“ Mit Störern und Kleinkriminellen hat es die Bundespolizei, die für die Strafverfolgung an den Bahnhöfen zuständig ist, in den Großstädten so gut wie jeden Tag zu tun. Schwere Gewaltvorfälle oder Tötungsdelikte wie in Frankfurt am Main sind hingegen die Ausnahme. „Es ist kaum möglich, solche Taten vorherzusehen“, erklärt der GdP-Experte. „Hinzu kommt, dass diese Täter nicht selten psychisch labil und daher unberechenbar sind.“ Grundsätzlich hält Radek das Reisen mit der Bahn aber für sicher: „Ich fahre selber häufig mit dem Zug. Es wird viel für die Sicherheit getan, aber es ist sicherlich auch noch Luft nach oben.“

Sicherheit am Bahnhof neu denken

Im Bundesgebiet ist die Deutsche Bahn dafür verantwortlich, an Bahnhöfen des Fernverkehrs und teilweise auch des Nahverkehrs für Sicherheit zu sorgen. Dafür wurden in den vergangenen Jahren verstärkt Ordnungsdienste eingesetzt, die auch in den Verkehrsmitteln Kontrollen durchführen. Kommt es zu einer Straftat, wird die Bundespolizei hinzugezogen, die daraufhin ermittelt. „Die Strafverfolgung obliegt der Polizei“, betont Jörg Radek. Seiner Einschätzung nach müsste in Hinsicht auf das Sicherheitskonzept jedoch insgesamt ein Umdenken stattfinden: „Die Polizei hat sich in der Vergangenheit immer stärker aus dem Netzwerk der Deutschen Bahn herausziehen müssen und sich daher vor allem auf große Bahnhöfe konzentriert. Wir können aber nur mit einer präsenten Polizei Gefahren abwehren, Straftaten schnell verfolgen und somit erreichen, dass sich Reisende oder Besucher sicherer fühlen.“ Zwar werden die personellen Kapazitäten der Bundespolizei derzeit aufgestockt. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle zusätzlichen Kräfte an Bahnhöfen eingesetzt werden. Denn auch in anderen Bereichen wie dem Flugverkehr oder an den Grenzen fehlt es der Bundespolizei an Personal. Zudem sind die Bedingungen ausbaufähig, unter denen die Polizistinnen und Polizisten an Bahnhöfen arbeiten, findet Radek: „Im nächsten Schritt muss uns die Deutsche Bahn als Betreiberin der meisten Bahnhöfe akzeptable Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Da geht es keinesfalls um repräsentative Dienststellen. Es geht um Räume, in denen man sich gut aufhalten kann. Und es geht um banale Dinge wie barrierefreie Zugänge. Das ist nicht nur für Menschen mit Handicap relevant, die sich an uns wenden. Das ist auch für die Eigensicherung wichtig. Denn es besteht immer ein Risiko, eine Person, die sich wehrt, eine Treppe hoch zu transportieren. Wenn wir für Sicherheit sorgen sollen, erwarten wir von der Bahn, dass sie uns entgegenkommt.“

Videoüberwachung ausweiten

In den vergangenen Jahren wurde die Videoüberwachung an Bahnhöfen und Bahnstationen ausgebaut. Dennoch sieht Jörg Radek Verbesserungspotenzial: „Ich habe kein Verständnis dafür, wenn die Bahnhöfe auf der einen Seite zu Erlebniswelten umgebaut werden, sich die Videoüberwachung auf der anderen Seite aber nur auf neuralgische Punkte wie die Bahnsteigkante beschränkt.“ Für den Experten ist die flächendeckende Videoüberwachung ein wichtiges Element, um für mehr Sicherheit an Bahnhöfen zu sorgen. „Kameras tragen zum einen dazu bei, Gefahren abzuwehren. Denn dadurch erhöht sich das Entdeckungsrisiko für die Täter, was sie möglicherweise von der Tat abhält. Insbesondere dient die Videoüberwachung aber der Strafverfolgung. Denn die Bilder der Kameras können als Beweismittel verwendet werden“, erklärt der Polizeihauptkommissar.

Polizeihauptkommissar Jörg Radek

Stellvertretender Bundesvorstand und Vorsitzenden des Bezirks Bundespolizei der Gewerkschaft der Polizei (GdP), © GdP-Bundespolizei

Angsträume durch Baumaßnahmen beseitigen

Eine präsentere Polizei rund um die Bahnhöfe sowie eine flächendeckende Videoüberwachung können die Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger verbessern. Darüber hinaus ist es jedoch wichtig, Angsträume durch bauliche Maßnahmen zu beseitigen, beispielsweise indem Auf- und Abgänge sowie Fußgängertunnel stärker ausgeleuchtet werden. „Das ist zum einen aus psychologischer Sicht wichtig, denn niemand geht gerne nachts durch dunkle Bereiche“, erklärt Jörg Radek. „Darüber hinaus bieten sich bei Dunkelheit natürlich Tatgelegenheiten, etwa für Drogenhandel oder körperliche Angriffe.“ Auch Anzeichen von Vandalismus wie Graffiti oder verschmutzte, vermüllte Ecken wecken bei vielen Menschen ein Unsicherheitsgefühl. Denn das suggeriert, dass sich niemand um die Ordnung und somit auch nicht um die Sicherheit kümmert. „Angsträume haben sehr viel mit baulichen Aspekten und Verschmutzung zu tun“, weiß der GdP-Experte. „Hier sehe ich einen erheblichen Nachholbedarf.“

Für Gefahren sensibilisieren

Sicherheit im Schienenverkehr beginnt jedoch schon beim eigenen Verhalten. Beispielsweise sollte man sich am Bahnsteig vor der weißen Markierung aufhalten, bis ein einfahrender Zug zum Stillstand kommt. „Das sollte eigentlich klar sein. Dennoch wird das von vielen ignoriert“, weiß Jörg Radek. Hält man sich wie empfohlen vor der Linie auf, minimiert man nicht nur die Gefahr, auf die Gleise geschubst zu werden. Auch das Risiko, von der Sogwirkung eines einfahrenden Zuges auf die Gleise gezogen zu werden, kann man dadurch ausschließen. Worauf der GdP-Experte darüber hinaus noch hinweist: Unfälle passieren nicht nur am Bahnhof, sondern überall auf dem Streckennetz der Bahn: „Das können Kinder sein, die auf den Gleisen spielen oder Jugendliche, die S-Bahn-surfen, auf Güterwagons klettern oder Selfies auf den Schienen machen. Es ist unsere Aufgabe – gemeinsam mit Schulen und Eltern – über Gefahren aufzuklären. Denn Bahnanlagen sind keine Spielplätze oder Motive für Selfies.“ MW (27.09.2019)

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