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Der Zoll im Kampf gegen illegale und gefälschte Arzneimittel

Illegale und gefälschte Medikamente gelangen immer häufiger über Internetbestellungen nach Deutschland. Beim Zoll werden die Sendungen oft beschlagnahmt – meist zur großen Überraschung ihrer Käufer. Christine Straß ist seit 1987 beim Hauptzollamt Frankfurt am Main - Flughafen tätig. Sie spricht über die Arbeit der Zollbehörden.

Verbotene Schlankheitsmittel, Anabolika und potenzsteigernde Mittel sind die häufigsten Funde

Illegales Gepäck: Ein Tourist aus den USA wollte in Deutschland mit diesen Potenzmitteln handeln

© Hauptzollamt Frankfurt am Main - Flughafen

 

Illegale und gefälschte Medikamente gelangen immer häufiger über Internetbestellungen nach Deutschland. Beim Zoll werden die Sendungen oft beschlagnahmt – meist zur großen Überraschung ihrer Käufer. Christine Straß ist seit 1987 beim Hauptzollamt Frankfurt am Main - Flughafen tätig. Sie spricht über die Arbeit der Zollbehörden.

Christine Straß

Pressesprecherin Zoll Frankfurt am Main - Flughafen, © Hauptzollamt Frankfurt am Main - Flughafen

Frau Straß, was wird bei den Zollkontrollen am Frankfurter Flughafen an illegalen oder gefälschten Medikamenten gefunden?

Weil Internetbestellungen zunehmen und sehr viel per Post versandt wird, werden wir hauptsächlich in unserem internationalen Postzentrum fündig. Im Jahr 2017 haben wir insgesamt 13.027 Sendungen wegen eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz (AMG) sichergestellt, darunter waren 1.389.581 Tabletten und Ampullen. Überwiegend waren es Dopingmittel, Anti-Baby-Pillen, Antidepressiva, Antibiotika sowie Schmerz- und Potenzmittel. Meistens handelte es sich bei den Potenzmitteln um Fälschungen von Viagra und Cialis mit den Wirkstoffen Sildenafil bzw. Tadalafil, die in China, Thailand, der Türkei und in Indien illegal und ohne jegliche Sicherheitsstandards produziert wurden. Die Dopingpräparate stammten überwiegend aus Osteuropa.

Nach welchen Kriterien wird kontrolliert?

Wir nutzen Erfahrungen und führen risikoorientierte Kontrollen durch. Heute werden sämtliche Waren, die nach Deutschland eingeführt werden, erfasst und von automatisierten Systemen analysiert. Dabei werden bestimmte Regeln angewendet, die es den Zollbeamten ermöglichen, so genannte Hochrisikosendungen zu erkennen. So können wir gezielte Kontrollen durchführen und die Einfuhr zum Beispiel von Drogen, nachgeahmten Waren, artgeschützten Tieren, gefährlichem Spielzeug und gesundheitsgefährdenden Nahrungsmitteln effizient bekämpfen. Viele der illegalen Medikamentensendungen stammen aus Indien, Pakistan, China oder den USA. Manchmal sind die Versender auch schon bekannt. Man hat dann oft bereits einen Verdacht, wenn man ein Paket in die Hand bekommt und häufig bestätigt sich dieser dann auch. Gerade im Postverkehr versucht der Absender häufig, den Inhalt eines Pakets zu verschleiern. So sind etwa die Hälfte der beschlagnahmten Sendungen falsch deklariert. Auf der Sendung steht dann beispielsweise „gift“ (Geschenk), „clothes“ (Kleidung) oder „goods of no commercial value“ (Waren ohne kommerziellen Wert).

Auf der Zoll-Webseite im Bereich „Fachthemen“ unter „Verbote und Beschränkungen“ gibt es mehr Informationen zum Thema Einführen von Arzneimitteln.

Wie geht der Zoll dann weiter vor?

Die Medikamente werden in jedem Fall beschlagnahmt. Das deutsche Arzneimittelgesetz ist hier eindeutig, es schränkt die Einfuhr von Arzneimitteln durch Privatpersonen ganz klar ein. Überwachungsbehörde nach dem Arzneimittelgesetz sind die Regierungspräsidien. Der Bezug von Medikamenten aus Nicht-EU-Ländern ist für Privatpersonen grundsätzlich illegal. Nur Apotheken oder Pharmakonzerne, die eine spezielle Einfuhrgenehmigung haben, dürfen Medikamente nach Deutschland einführen. Beim Postverkehr gibt es auch nicht die Erlaubnis, einen Dreimonatsbedarf abzudecken, wie das im Reiseverkehr möglich ist. Der Zoll ist allerdings nur für die Erkennung, Sicherstellung und Abgabe an das zuständige Amt verantwortlich. Alles weitere, das heißt die Erhebung der Strafe, die weitere Überprüfung und ggf. die Vernichtung der Medikamente machen die Regierungspräsidien. Die Infos zum Versender des Pakets geben wir an das Zollkriminal- und Zollfahndungsamt weiter. Diese Ämter übernehmen dann die weiteren Ermittlungen, oder geben das Verfahren an die Staatsanwaltschaft ab.

Gefälschte Potenzmittel

Eine Postsendung aus Pakistan, © Hauptzollamt Frankfurt am Main - Flughafen

Gibt es den „typischen Medikamentenfund“?

Nein, das kann man nicht sagen. Es kommt wirklich alles vor – sowohl im Reise- als auch im Postverkehr. Häufig handelt es sich um kleinere Funde, manchmal aber auch um größere. Ein Reisender hatte beispielsweise knapp 2.200 Potenz- und Schlankheitsmittel im Gepäck. In der Fracht wurden einmal 54.000 Tabletten auf einen Schlag gefunden. Das waren hauptsächlich Haarwuchsmittel und Schlankheitsprodukte aus Indien. Auch die Verpackungen können variieren. Die Medikamente können lose in Plastikbeutel gefüllt oder in Blistern verpackt sein. Manchmal finden wir aber auch Arzneimittel in originalgetreuen Verpackungen inklusive Beipackzettel.

Zum Schutz der Bevölkerung unterliegen bestimmte Wirkstoffe neben den Vorschriften des AMG zusätzlich den Verbotsbestimmungen des AntiDopG. Diese sollen den gefährlichen Missbrauch von Arzneimitteln verhindern sowie die Fairness und Chancengleichheit bei Sportwettbewerben sichern. Außerdem sind gemäß § 2 Abs. 3 AntiDopG bereits der Besitz und das Verbringen nach oder durch Deutschland von bestimmten Mitteln verboten, wenn sie zum Doping im Sport bestimmt sind (z. B. Testosteron, Nandrolon).

Wie schätzen Sie die Entwicklungen in den nächsten Jahren ein?

Der Trend hin zur anonymen, schnellen Internetorder ist ungebrochen. Vielen Leuten ist aber einfach nicht klar, worauf sie sich einlassen: Auf der einen Seite setzen sie sich mit dem Konsum von diesen unbekannten Medikamenten einem hohen Gesundheitsrisiko aus. Zum anderen werden sie auf den Webseiten nach Strich und Faden belogen. Auf den Seiten wird dann etwa mit „garantiert zollfreiem Versand“ und Ähnlichem geworben. Erst wenn das Paket nicht ankommt, weil es beim Zoll ist, wachen viele auf. Ich bekomme im Schnitt 20 Anrufe pro Tag, bei denen die Leute fragen, wo ihr Paket ist. Wenn ich dann nachhake, was in der Sendung war, heißt es oft: Medikamente. Viele wissen einfach nicht, dass es verboten ist, Arzneimittel aus dem Ausland über das Internet zu bestellen. Manche wissen es, versuchen es aber trotzdem. Dabei ist es letztendlich egal, ob man darüber informiert war oder nicht – mit einer Strafe muss man trotzdem rechnen. Auch dann, wenn man Betrügern aufgesessen ist.

KL/FL (27.07.2018)

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