Menschen, die aus der rechtsextremen Szene aussteigen möchten, stehen vor großen Herausforderungen. Allein ist das meist nicht zu schaffen. Seit dem Jahr 2000 unterstützt deshalb die Initiative EXIT Ausstiegswillige auf ihrem Weg raus aus dem Rechtsextremismus. Seit ihrer Gründung hat die Initiative mehr als 840 Ausstiegsprozesse begleitet. 17 Personen haben den Ausstieg nicht geschafft, die anderen konnten sich mit Hilfe von EXIT ein neues Leben aufbauen. „All diese Menschen waren militant oder politisch ultraradikal unterwegs, viele von ihnen waren Gewalttäter. Abgesehen davon, dass viele potenzielle Opfer so vor Angriffen bewahrt wurden, haben hunderte Familien durch die Arbeit von EXIT ihre Angehörigen, ihre Kinder zurückgewonnen“, erklärt Dr. Bernd Wagner, der Gründer von EXIT. In den letzten Jahren nutzt die Initiative immer stärker auch die Sozialen Medien für ihre Arbeit.
Hilfe zur Neuorientierung
EXIT hilft beim Ausstieg und bei der Entwicklung neuer Perspektiven außerhalb der rechtsextremen Szene: Die Mitarbeitenden vermitteln Kontakte, geben praktische Hilfen, unterstützen bei der Entfernung von Tattoos und gehen auf Fragen von persönlicher Sicherheit, zu sozialen Problemen und der persönlichen Aufarbeitung ein. Sie sagen auch, was nicht möglich ist. So bietet EXIT zum Beispiel keine ökonomische und soziale Absicherung an und schützt auch nicht vor strafrechtlicher Verfolgung. Die Initiative unterstützt allerdings bei der Neuorientierung für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Im Jahr 2000 war EXIT die bundesweit erste Ausstiegsinitiative für Rechtsextremisten. Das Ziel der Arbeit ist bis heute gleichgeblieben, doch im Lauf der Jahre hat sich vieles verändert, zum Beispiel durch die wachsende Bedeutung der Kommunikation über Soziale Medien. Was sich jedoch nicht verändert hat sind die Probleme, mit denen die Mitarbeiter und Aussteiger konfrontiert sind – denn diese sind nicht virtueller, sondern realer Natur mit teilweise lebensbedrohlichen Situationen.
Jeder Fall ist individuell
Fabian Wichmann ist als Ausstiegsberater bereits seit 2006 beruflich in diesem Umfeld tätig, zunächst in der Beratung von Kommunen bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Seit 2009 arbeitet er als Berater für Aussteiger. „Ich begleite im Schnitt immer acht bis zehn aktive Fälle mit einem akuten Handlungsbedarf. Dazu kommt noch eine ganze Reihe von ruhenden Fällen, zu denen noch Kontakt besteht, aber keine akute Intervention mehr notwendig ist. „Wenn im Leben dieser Menschen jedoch unerwartete neue Krisensituationen entstehen, werde ich von ihnen auch wieder kontaktiert, mitunter Jahre später“, berichtet Wichmann. Durchschnittlich begleiten die Mitarbeitenden der Initiative die Betroffenen zwei bis vier Jahre. Jeder Fall ist individuell: Manche melden sich direkt aus einer Kameradschaft heraus, andere haben schon mit der Szene gebrochen und werden von ihrer Vergangenheit eingeholt. Durch das veränderte Kommunikationsverhalten der Menschen wird auch der Zugang zu EXIT verstärkt über Soziale Medien gesucht. Wichmann: „Da ist man als Projekt gefordert, passende Ansprechmöglichkeiten zu schaffen. Man muss dort sichtbar zu sein, damit potenzielle Klienten auf EXIT aufmerksam werden.“
Kampagnen schaffen Aufmerksamkeit, damit sich Aussteiger melden
EXIT spricht Ausstiegswillige nicht direkt an, etwa über Facebook. Das wäre zu zeitintensiv und außerdem nach der Erfahrung von Wichmann auch ineffektiv. Die Initiative verbreitet ihre Inhalte in den Sozialen Medien vielmehr erfolgreicher über Kampagnen. „Damit erreichten wir oft große Aufmerksamkeit. „Hass hilft war eine solche Kampagne, Rechts gegen rechts oder das Trojaner T-Shirt.“ EXIT versucht immer wieder das Signal zu setzen, dass ein Ausstieg möglich ist. Unterstützung kommt dabei von Aussteigern, die EXIT selbst begleitet habt und die die Erfahrung aus ihrem eigenen Erleben kennen. Der Aktionskreis ehemaliger Extremisten bietet dafür die Plattform (ak-exit.de). Für Ausstiegswillige gilt das Selbstmeldeprinzip. Fabian Wichmann: „Wenn Aussteiger über unsere Social-Media-Aktionen oder auf anderem Weg von unserer Arbeit erfahren haben, müssen sie sich von sich aus bei uns melden – der klassische Weg dafür ist eine E-Mail oder ein Anruf.“ EXIT kann Zweifel erzeugen und Verstärken sowie den Prozess begleiten, aktiv werden müssen die Personen aber selbst. Eine echte Herausforderung für seine Arbeit ist der Schutz der Persönlichkeit im Zusammenhang mit dem Ausstieg. Biographien werden im Internet gewollt oder ungewollt immer sichtbarer. Wenn im Netz noch nach Jahren etwas zur rechtsextremen Vergangenheit einer Person aufzufinden ist, dann erschwert das den Aufbau eines neuen Lebens. „Wird man wegen alter Berichte im Internet immer wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, macht das die Integration in den Arbeitsmarkt schwierig“, weiß Wichmann. Hinzu kommt die Auffindbarkeit und damit Verfolgung durch die ehemaligen Kameraden.
Rechtsextreme Szene verändert sich
Nicht nur die Arbeit von EXIT, sondern auch die rechtsextreme Szene hat sich durch die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation verändert. Neben dem klassischen Feld des Kameradschaftsmilieus, der rechtsextremen Parteien oder etwa der Identitären Bewegung gibt es verstärkt transnationale Netzwerke von Menschen, die sich nie persönlich gesehen haben, sondern nur in rechtsextremen Chaträumen zusammenfinden: „Da sitzt etwa ein Anführer in Estland, andere Mitglieder sind in England, Deutschland oder den USA. Sie treffen sich in diesem virtuellen Raum, haben ihre eigenen Symbole und planen aus der Gruppe heraus Aktionen wie zum Beispiel Anschläge. Mitglieder aus diesen Gruppen tauchen in letzter Zeit verstärkt in unserer Arbeit auf.“ berichtet Wichmann. Die Wahrnehmung von Rechtsextremen ist nach seiner Beobachtung in den ostdeutschen Bundesländern viel stärker als in anderen Teilen Deutschlands. Aber auch beispielsweise in Dortmund oder München gibt es rechtsextreme Sammlungsorte. Wichmann beobachtet Wanderungsbewegungen: „Derzeit ziehen Rechtsextreme verstärkt aus Dortmund nach Chemnitz um, weil sie meinen, sie könnten dort etwas bewegen oder aufbauen zum Nutzen der Bewegung. Sie versuchen dann, dort neue Strukturen zu entwickeln.“ Ähnliche Bewegungen von West- nach Ostdeutschland gab es seit der Wiedervereinigung immer wieder. Wichmann weiß auch von Rechtsextremen, die ins Ausland gehen wollten, um bei den dortigen rechtsextremen Gruppen in einem aktuellen Konflikt zu kämpfen, etwa in der Ukraine. Auch mit diesem Hintergrund tauchen Menschen in der Ausstiegsberatung auf.
Aussteiger erfahren Stigmatisierung
Ist der Ausstieg einmal geschafft, bietet unsere Gesellschaft nach Meinung von Fabian Wichmann nicht immer die demokratisch sinnvolle ‚Willkommenskultur‘ für ehemalige Rechtsextreme. Es gibt Menschen, die ihnen ihren politischen und mentalen Wandel abnehmen, aber andere wollen mit ehemaligen Rechtsextremen nichts zu tun haben. „Sie sagen, Menschen könnten sich nicht so stark verändern, sie würden das vortäuschen oder sich etwas davon versprechen. Ein solches Verhalten führt dann zu Stigmatisierungen“, erklärt der Ausstiegsberater, sogar Canceling wird betrieben. Soziale Medien wie Twitter und Facebook führen dazu, dass Diskussionen zur rechtsextremen Vergangenheit von Aussteigern schnell eskalieren. „Die Kompetenz im Umgang mit sozialen Medien ist eine Frage, mit der sich alle Aussteiger beschäftigen müssen, damit sie solchen Bedrohungen oder Beleidigungen über die Sozialen Medien begegnen können. Das bedeutet zugleich eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und ihre Erklärung.“
WL (Stand: 25.06.2021)


