Eine Frau, die ihren Partner verlässt, lebt in Deutschland gefährlich: Allein im Jahr 2023 starben bundesweit 155 Frauen durch Gewalt ihrer Partner oder Ex-Partner, sieben davon durch Totschlag mit Todesfolge. In vielen Fällen passieren solche Beziehungstaten jedoch nicht von heute auf morgen. Können tödliche Gewalttaten durch Warnsignale im Verhalten von Menschen bereits im Vorfeld erkannt und dadurch verhindert werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich zwischen Mai 2022 und Dezember 2024 ein Forschungsprojekt mit dem Namen „GaTe“. Die daraus entstandene Risikoanalyse, das GaTe-RAI, soll Fachkräften dabei helfen, Drohungen und Tatankündigungen zu erkennen und richtig zu bewerten.
Keine Kurzschlusshandlungen
Tötungsdelikte unter Beziehungspartnern, die wissenschaftlich als „Intimizide“ bezeichnet werden, sind in der Öffentlichkeit und in den Medien sehr präsent. Dabei taucht immer wieder die Frage auf, ob derartige Taten durch rechtzeitiges Eingreifen der Polizei verhindert werden können. Beziehungstaten und ihre mögliche Früherkennung und Verhinderung stehen im Fokus des im Mai 2022 gestarteten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts „Polizeiliche Gefährdungsanalysen zu Tötungsdelikten in Partnerschaft und Familie“ (GaTe). Ziel des Projekts war es, herauszufinden, inwiefern Tatandrohungen und -signale im Vorfeld erkannt werden können und damit Ansatzpunkte für eine verbesserte Prävention solcher Delikte sein können. Projektkoordinator war Uwe Stürmer, seit 2020 Präsident des Polizeipräsidiums Ravensburg. „Tötungen von Partnerinnen oder Partnern sind in der Regel keine Kurzschlusshandlungen“, erklärt Stürmer. „In vielen Fällen gehen diesen Taten häusliche Gewalt oder Stalking und eine Beziehung voraus, die geprägt ist von Kontrolle, starker Eifersucht, psychischer Gewalt oder einer starken Isolierung.“ Uwe Stürmer begann in den 1980er Jahren bei der Stuttgarter Polizei und hat dort als Sachbearbeiter bereits viele Fälle von Partnertötungen bearbeitet. Von 1999 bis 2001 leitete er die Mordkommission in Stuttgart, danach wechselte er zur Kriminalprävention ins Innenministerium von Baden-Württemberg.
Täter zeigen sogenanntes „Leaking“
Um zu erkennen, ob ein tödliches Gewaltpotenzial in einer Partnerschaft vorhanden ist, kann es sehr wichtig sein, bestimmte Warnsignale wahrzunehmen. Bislang schätzt die Polizei die Gefährdungen häufig lediglich nach ihrem subjektiven Gefühl ein. „Unser Projekt untersucht Hinweise auf eine möglicherweise bevorstehende Tat und greift auf Erkenntnisse aus der Forschung zu anderen schweren Gewaltformen wie Amoktaten oder terroristischen Anschlägen zurück“, so Stürmer. „Diese Daten haben uns gezeigt, dass die späteren Täter im Vorfeld fast immer ein sogenanntes ‚Leaking‘ zeigen.“ Unter Leaking versteht man in der Psychologie, dass der Täter seine Tatfantasien oder Pläne im Vorfeld unbewusst oder bewusst durchsickern lässt. Dazu gehört etwa die Androhung einer Tat gegenüber Dritten, tatbezogene Äußerungen, auffällige Verhaltensänderungen oder Rechtfertigungen von früheren Taten. Uwe Stürmer: „Wir wollten herausfinden, ob bei Intimiziden ebenfalls ein solches Leaking erkannt werden kann: Gab es in der Vergangenheit schon Situationen, in denen der Täter das Opfer bedroht oder geschlagen hat? Ist ein Täter schon mal mit dem Messer auf das Opfer losgegangen? Was waren die Auslöser?“ Konkrete Warnsignale können auch sein, wenn der Partner übertrieben eifersüchtig ist oder beginnt, die sozialen Kontakte zu kontrollieren. Auch Stalking gehöre zum Bereich Leaking. In den meisten Fällen stelle die Tötung den tragischen Schlusspunkt längerer Konflikte dar. Grundsätzlich könne man zwischen drei verschiedenen Konstellationen unterscheiden: Zum einen gibt es Fälle ohne Vorgeschichte bei der Polizei, bei denen aber im sozialen Umfeld Beziehungsprobleme bekannt sind. Dann gibt es Fälle, von denen die Polizei schon Kenntnis hatte, und die schließlich eskalieren. Und es gibt Szenarien, denen eine klare Bedrohung vorausgeht und die als „Mord mit Ansage“ bezeichnet werden können: „Wenn du mich verlässt, bringe ich dich um.“ Besonders kritisch sind für Frauen Situationen angekündigter oder vollzogener Trennungen oder Scheidungen – dann eskaliert die Gewalt oft: „In der Trennungsphase ist statistisch gesehen der gefährlichste Mensch der eigene Partner“, so Stürmer.
Polizei soll geschult werden
GaTe wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,1 Millionen Euro gefördert und endete im Dezember 2024. Die Ergebnisse sollen nun nach und nach über die Innenministerkonferenz bundesweit in die Polizeiarbeit einfließen und auch der Polizei in Österreich und der Schweiz zur Verfügung gestellt werden. Aufbauend auf den Erkenntnissen des Projekts sollen unter anderem Konzepte und Materialien ausgearbeitet werden, auf deren Grundlage Polizeibeamtinnen und -beamte im Erkennen und Beurteilen von Leaking bei Partnerschaftstötungen geschult werden können. „Wenn wir aus potenziellen Warnsignalen erstmals wirksame Schutzkonzepte ableiten können, müssen wir uns nicht länger nur auf unser Bauchgefühl verlassen“, so Stürmer. „Es ist ein unrealistisches Ziel, dass wir auf diese Weise alle Tötungsdelikte verhindern können. Unser großer Wunsch ist es aber, Frauen in häuslicher Gewalt und Trennungssituationen in Zukunft deutlich besser schützen zu können.“ Erste Schulungen und eine elektronische Lernanwendung zur Anwendung von GaTe-RAI werden bereits 2025 zur Verfügung stehen.
KF (Stand 31.01.2025)

