Die sogenannte „Loverboy-Methode“ gehört zu den perfidesten Formen von Ausbeutung: Täter täuschen Liebe vor, bauen emotionale Abhängigkeit auf und zwingen ihre meist jungen Opfer später in die Prostitution. Im Jahr 2024 erfasste das Bundeskriminalamt (BKA) 460 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Über 95 Prozent der Opfer sind weiblich und knapp 30 Prozent von ihnen unter 21 Jahren. In beinah jedem fünften Fall spielte die „Loverboy-Methode“ eine Rolle.
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Emotionale Abhängigkeit
Loverboys sind junge Männer zwischen 18 und 28 Jahren, die gezielt nach jungen, zum Teil minderjährigen Mädchen suchen, um sich ihr Vertrauen zu erschleichen und sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Die Masche funktioniert über den Aufbau einer emotionalen Abhängigkeit. Geschah früher die erste Kontaktaufnahme auf dem Schulhof oder vor dem Fastfood-Restaurant, so sind es inzwischen vor allem die sozialen Netzwerke im Internet, über die Männer die jungen Frauen ansprechen. Dazu gehören Plattformen wie Instagram oder TikTok, Messenger-Dienste sowie Dating-Apps. Die Täter haben ein Gespür für unsichere oder belastete junge Menschen und bauen systematisch Vertrauen auf. Am Anfang sind die jungen Männer echte Charmeure. Sie gehen auf die Mädchen ein, zeigen Verständnis für ihre Probleme oder sagen ihnen, wie gut sie aussehen. Sie machen teils teure Geschenke, überschütten das Mädchen mit Aufmerksamkeit und Komplimenten („Love-Bombing“). Kurze Zeit später behaupten sie schon, Gefühle für das Mädchen entwickelt zu haben und sprechen von einer gemeinsamen Zukunft. Schritt für Schritt drängt sich der Loverboy dann zwischen das Mädchen und sein soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht. Das ist die Voraussetzung für die spätere sexuelle Ausbeutung.
Zuckerbrot und Peitsche
Hat das Mädchen nach einigen Treffen Vertrauen zu dem Mann gefasst, beginnt der Loverboy damit, sein Opfer unter Druck zu setzen. Häufig gibt er vor, dass er selber in einer persönlichen Notlage sei, bei dem ihm nur das Mädchen raushelfen könnte. Er gibt beispielsweise vor, dass er Schulden hätte und umgebracht würde, wenn er das Geld nicht zurückzahlt. Doch es gäbe einen Ausweg: wenn das Mädchen sich bereit erklären würde, aus Liebe zu ihm mit einem anderen Mann zu schlafen, würden ihm die Schulden erlassen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Mädchen schon so sehr von ihrem Loverboy abhängig, dass sie ihm seine Geschichten glauben und nahezu alles tun würden, um ihm zu helfen. Oft sind zusätzlich Drogen im Spiel. Die Mädchen merken dadurch nicht, dass sie emotional erpresst werden. Sie sind der Meinung, freiwillig aus Liebe zu ihrem Freund zu handeln, damit ihm nichts passiert. Für junge Mädchen ist es oft die erste Beziehung und sie können noch nicht unterscheiden, was man aus Liebe tut bzw. nicht tun sollte. Diese Unsicherheit nutzt der Loverboy aus: Ist er an einem Tag noch stolz auf das Mädchen, dass es für ihn mit einem anderen Mann geschlafen hat, vermittelt er ihm am nächsten Tag das Gefühl, eine Schlampe zu sein. Dann verlangt er neue Liebesbeweise wie zum Beispiel, Drogen oder Waffen für ihn zu schmuggeln. Es wird ein Teufelskreis aus Zuckerbrot und Peitsche aufgebaut und die Mädchen werden immer wieder dazu gezwungen, mit anderen Männern Sex zu haben. Volljährige Mädchen werden außerdem genötigt, Handyverträge abzuschließen, Autos zu leasen oder Wohnungen anzumieten, in denen dann andere, oft minderjährige Mädchen vergewaltigt werden oder arbeiten müssen. Die Frauen werden dann zu sogenannten „Lovergirls“. Sie sollen als Köder andere junge Mädchen kontaktieren und ihnen vorspielen, eine gute Freundin zu sein. Später stellen sie dann den Kontakt zu ihren Loverboys her. Sie wissen dabei genau, dass den Mädchen das gleiche bevorsteht, was sie erdulden mussten. Auch wenn sie darunter leiden, machen sie es trotzdem, weil sie sich dadurch mehr Freiheiten und weniger Misshandlungen oder Vergewaltigungen für sich selber erhoffen.
Opfer und Täter
Es gibt kein einheitliches Opferprofil. Die Mädchen kommen sowohl aus prekären als auch behüteten Familiensituationen. Was sie verbindet, ist jedoch, dass sie häufig über ein geringes Selbstwertgefühl verfügen, es akute Konflikte in der Schule oder Familie gibt oder sie emotionalen Belastungen ausgesetzt sind, wie etwa durch den Tod eines Familienangehörigen. Für diese persönliche Verletzlichkeit haben die Täter ein Gespür. Auch über die Täter gibt es keine belastbare bundesweite Statistik. Nach Aussage von Polizei und Fachstellen haben sie unterschiedliche soziale und ethnische Hintergründe. Ihnen gemeinsam ist die Einbindung in kriminelle Netzwerke und ihr persönliches Streben nach Macht und Kontrolle. Viele Fälle dieser besonderen Form von Menschenhandel und Zwangsprostitution werden jedoch nicht strafrechtlich verfolgt, da die Opfer meist aus Scham schweigen. Das BKA geht von einem großen Dunkelfeld aus. Wenn solche Fälle vor Gericht kommen, können die Strafen jedoch hart sein. Laut Bundesgerichtshof erfüllt die Manipulation von Menschen mit der „Loverboy-Methode“ den Tatbestand der Zwangsprostitution. Gerichte bewerten die Methode als besonders perfide, weil keine offene Gewalt am Anfang nötig ist und gezielt eine psychische Abhängigkeit aufgebaut wird. So verurteilte das Landgericht Berlin im November 2025 einen Mann wegen Vergewaltigung in vier Fällen, Manipulation durch die Loverboy-Methode, Zwangsprostitution, Zuhälterei und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten sowie zur Zahlung von 24.320 EUR Schmerzensgelt.
Angebote für die Opfer:
Niedrigschwellige Ersthilfe:
- Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (116 016)
Spezialisierte Fachberatungsstellen (Auswahl)
- Die Fachberatungsstelle JADWIGA
- Der Berliner Verein „No-Loverboys.de“
- lokale Frauenberatungsstellen
Täterstrategien in der Prävention
Die Kriminalprävention im Zusammenhang mit der Loverboy-Methode setzt vor allem auf Aufklärung und Sensibilisierung. Polizei und Fachstellen führen dazu Präventionskampagnen durch, etwa in Form von Schulbesuchen oder Online-Angeboten. Ziel ist es, Jugendliche über typische Täterstrategien wie sogenanntes „Love-Bombing“, gezielte Isolation und den Aufbau emotionaler Abhängigkeit aufzuklären.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die digitale Prävention, da viele Kontakte heute über soziale Medien entstehen. Kampagnen wie „FakeLove“ des Bundeskriminalamts sollen dabei helfen, Gefahren in Chats, Dating-Apps und sozialen Netzwerken frühzeitig zu erkennen. Ergänzend dazu setzen Programme in Schulen und der Jugendhilfe auf die Stärkung von Schutzfaktoren. Dazu gehören insbesondere die Förderung des Selbstbewusstseins, das Erkennen von Warnsignalen sowie die Ermutigung, sich im Zweifel Hilfe zu holen.
Auch Fachkräfte wie Lehrer, Sozialarbeiter und Polizeibeamte werden gezielt geschult. Sie sollen Verhaltensänderungen bei Jugendlichen frühzeitig wahrnehmen und mögliche Verdachtsfälle richtig einordnen können. Insgesamt folgt die Prävention der Grundidee, Täterstrategien zu verstehen, Manipulation zu erkennen und möglichst frühzeitig einzugreifen.
TE (24.04.2026)

