Statt Jugendliche nur auf der Straße aufzusuchen, sind Streetworker heute auch im Internet präsent
Statt Jugendliche nur auf der Straße aufzusuchen, sind Streetworker heute auch im Internet präsent

Von der Straße ins Netz

Digitales Streetworking

Klassische Streetworker treffen hilfsbedürftige Jugendliche vor allem draußen auf der Straße. Doch an sozialen Brennpunkten, auf Bolzplätzen oder in Parks halten sich viele junge Menschen der Generation Z heutzutage kaum noch auf. Stattdessen verbringen sie die meiste Zeit im Internet, zocken Online-Spiele oder posten in den sozialen Medien. Vielen von ihnen fällt es dort auch leichter, über ihre Ängste und Probleme zu sprechen. Immer mehr Sozialarbeiterinnen und -arbeiter passen sich dieser Situation an und bieten jungen Menschen auch im Internet ihre Hilfe an. Ein Leuchtturmprojekt nennt sich „Digital Streetwork“ und wurde im Herbst 2021 in Bayern ins Leben gerufen.

201 Minuten täglich online

Das Internet ist ein Ort, an dem die meisten jungen Menschen heutzutage permanent anzutreffen sind. Im Jahr 2024 verbrachten Jugendliche durchschnittlich fast dreieinhalb Stunden pro Tag online. Wer beruflich mit jungen Menschen arbeitet, muss deshalb umdenken. In der Sozialen Arbeit gewinnt – neben dem klassischen Streetworking – das Digitale Streetworking an Bedeutung. Die Besonderheit steckt dabei schon im Namen: Es findet überwiegend auf Online-Plattformen statt, also an den Orten, wo viele junge Menschen einen großen Teil ihres Tages verbringen. Bei Digital Streetwork Bayern sucht ein Team des Bayerischen Jugendrings im Netz gezielt nach jungen Menschen, die Beratung und Hilfe brauchen. Jonas Lutz arbeitet dort als Projektkoordinator: „Unser Angebot richtet sich an junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren“, erklärt er. „Es ist vor dreieinhalb Jahren als Reaktion auf die Corona-Pandemie entstanden, als viele junge Menschen zuhause vollkommen isoliert waren.“ Als Baustein des Bayerischen Aktionsplans Jugend wird das Projekt seitdem durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.

Viele Jugendliche haben psychische Probleme

Um im Internet an die jungen Menschen heranzukommen, sind die Digitalen Streetworkerinnen und Streetworker auf nahezu allen jugendrelevanten Online-Plattformen präsent. Dazu zählen nicht nur Social-Media-Kanäle wie Instagram und TikTok, sondern auch Plattformen wie Reddit, Discord oder Twitch sowie Handy-, Konsolen- und Computerspiele. Dort sehen sich die Fachkräfte die Beiträge der User genauer an. Punktuell unterstützt werden sie dabei von technischen Programmen (Bots), um die große Menge an Beiträgen vorab etwas einzugrenzen. „Diese Programme erkennen bestimmte Signalwörter, die auf Probleme und sich anbahnende Krisen hindeuten können“, erklärt Jonas Lutz. Anschließend kontaktieren die Streetworker User, bei denen sie vermuten, dass sie tatsächlich Hilfe gebrauchen können. Die Themen sind vielfältig und reichen von Problemen in der Schule oder Ausbildung über Schwierigkeiten in der Familie bis hin zu Suchtproblemen. Im Bereich Gaming gehe es oft um Hate Speech, darunter unter anderem sexistische, rassistische oder antisemitische Äußerungen im Internet. Oft ist es so, dass sich nach dem Erstkontakt und mehreren Chats mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Dabei gilt in der Regel eine Schweigepflicht aufseiten der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Und sie legen Wert darauf, dass man sie selbst auch ein wenig besser kennenlernen kann: „Unsere Streetworkerinnen und Streetworker haben zum Beispiel eigene berufliche Instagram-Accounts, wo sie regelmäßig Bilder, Storys oder Reels aus ihrem Alltag posten“, so Lutz. Eine immer größer werdende Rolle spiele das Thema psychische Gesundheit. „Oft ist es so, dass junge Menschen sich einsam fühlen, dass sie einfach jemand zum Reden brauchen, weil ihnen so eine Bezugsperson im Alltag fehlt. Andere berichten davon, dass es ihnen dauerhaft schlecht geht. Dann unterstützen wir bei der Suche nach einer geeigneten Fachstelle zur Abklärung, ob vielleicht bereits eine Depression vorliegt.“ Das gehe so weit, dass manche Jugendliche sogar Suizidgedanken äußern. „In besonders akuten Fällen, etwa, wenn jemand bereits sehr konkrete Pläne und die erkennbare Absicht für einen Suizid hat, endet unsere Schweigepflicht und wir dürfen und müssen einen Notruf absetzen.“

Jonas Lutz, Projektkoordination Digital Streetwork beim Bayerischen Jugendring

Jonas Lutz, Projektkoordination Digital Streetwork beim Bayerischen Jugendring

bjr

Alles kann, nichts muss

Was klassische und digitale Streetworker gemeinsam haben, ist, dass sie versuchen, Jugendlichen zu helfen, die sonst durchs System fallen, weil sie zum Beispiel keine Jugendzentren oder Angebote der Schulsozialarbeit nutzen. Um als digitaler Streetworker tätig zu sein, braucht man neben einer Ausbildung im sozialen Bereich idealerweise auch ein breites Verständnis von der Mediennutzung junger Menschen. Oft haben sich die Online-Streetworker auf einzelne soziale Medien und bestimmte Themen spezialisiert. Der größte Unterschied liegt in der Art und Weise der Kommunikation. „Unter dem Schutzmantel der Anonymität fällt es vielen Jugendlichen online leichter, über gewisse Themen zu sprechen und sich zu öffnen, als in einem persönlichen Gespräch“, weiß Jonas Lutz. Ein Vorteil des digitalen Streetworking sei auch die Vielfalt unterschiedlicher Kanäle, die man für die Kommunikation nutzen kann: Während die digitalen Streetworker zunächst in der Regel per Chat Kontakt zu den Jugendlichen aufnehmen, sind später auch Videochats, Telefonate oder persönliche Treffen möglich. „Wir holen die jungen Menschen da ab, wo sie sind. So kommen wir auch mit Jugendlichen ins Gespräch, die ihre Freizeit fast ausschließlich online verbringen, zum Beispiel beim Online-Gaming“, meint Lutz. „Jeder kann so mit uns kommunizieren, wie er oder sie sich am wohlsten fühlt. Auf diese Weise erreichen wir ein breites Spektrum junger Menschen, die von etablierten Angeboten in der Offline-Welt nicht oder kaum erreicht werden können.“

Online- und Offline-Welt verschmelzen

Seit Projektbeginn haben die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter von Digital Streetwork mehr als 15.000 Kontakte zu jungen Menschen gehabt sowie mehr als 9.000 Beratungsgespräche geführt. Jonas Lutz möchte jedoch klarstellen, dass Digitales Streetworking keine Therapie ersetzen kann: „Auch wenn wir viele Jugendliche über einen längeren Zeitraum hinweg als wichtige Vertrauens- und Bezugspersonen begleiten, sind wir immer ‚nur‘ Ersthelfer. Professionelle Hilfe in Notsituationen oder schweren psychischen Krisen können wir nicht leisten.“ Ziel sei vielmehr, die jungen Menschen – wenn nötig – an passende Angebote wie Fachberatungsstellen, Selbsthilfegruppen oder Ärzte und Psychologen zu vermitteln. Um einen guten Übergang von einer Online-Beratung hin zu einer Offline-Beratung zu schaffen, wünscht sich Jonas Lutz eine bessere Verknüpfung zwischen Jugendhilfe und dem Gesundheitssystem. „Die Unterscheidung zwischen online und offline, diese Grenze zwischen analogen und digitalen Räumen verschwimmt immer mehr. Daran müssen sich Hilfsangebote in Zukunft orientieren.“

KF (28.02.2025)

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