An die Dosen – fertig, los! Seit 2012 gestalten die Stadtwerke Augsburg gemeinsam mit dem Graffiti-Verein „Die Bunten“ ihre Technikgebäude und verwandeln sie in individuelle Kunstwerke. Auf die Idee kam man, um dem illegalen Besprühen der rund 500 Häuschen und 2.500 Schaltkästen in der Stadt entgegenzuwirken und vorzubeugen. Im Rahmen von Workshops wird Graffiti-Begeisterten aller Altersgruppen vermittelt, dass Spraydosen nicht illegal eigesetzt werden dürfen, sondern Gestaltungswerkzeug für einzigartige Kreationen sind.
Wildem Sprayen kreativ begegnen
Alles begann mit der Beschwerde von Anwohnern. Die hatten sich darüber aufgeregt, dass ein Technikhäuschen der Stadtwerke Augsburg mit Graffiti beschmiert wurde. „Das ist eine Thematik, mit der wir ständig konfrontiert werden – zwar nicht massiv, aber immer wiederkehrend“, erzählt Thomas Hosemann, auf dessen Tisch erst die Beschwerde, dann das Projekt „Graffiti“ landete. Der PR-Referent der Stadtwerke Augsburg erinnert sich: „Meine erste Überlegung war: Wie kommt es überhaupt dazu? Wer sind da die Verursacher?“ Schließlich lag der aufgedeckte Sachschaden durch die Schmierereien auf den Grasdruckregel- und Stromstationen bei circa 20.000 Euro. Pro Jahr, wohlgemerkt. Die Dunkelziffer ist höher. Im Stadtgebiet gibt es 500 solcher Häuschen, die potenziell von Schmierereien betroffen sind. Thomas Hosemann recherchierte und fand heraus: 2009 gab es mal Auftragsarbeiten an ein paar Häuschen der Stadtwerke im Rahmen eines Jugendfestivals. Der positive Effekt dabei war: Diese Häuschen werden in Ruhe gelassen und nicht übersprüht oder wie es in der Szene heißt „gecrosst“. „Diese Erkenntnis war die Basis für das Projekt“, sagt Hosemann. Er machte sich auf die Suche nach möglichen Ansprech- und Kooperationspartnern und stieß auf die Arbeitsgruppe „Graffiti“ bei der Polizei Augsburg. Mit der tauschte er sich aus und startete schließlich 2013 in Zusammenarbeit mit dem Graffiti-Verein „Die Bunten“ das „Graffiti-Projekt“. Seitdem begegnen die Stadtwerke Augsburg wildem und illegalem Sprayen kreativ und vorbeugend mit Graffiti-Workshops und Auftragsarbeiten für Sprayer. Dabei dürfen die Technikgebäude mit Erlaubnis bemalt werden.
Auf dem Technikhäuschen am Kappeneck ist ein Marktstand mit regionalen Produkten zu sehen
© swa/Thomas Hosemann
Malen nach Zahlen
Die Profis aus dem Verein „Die Bunten“ gestalten die Häuschen gemeinsam mit verschiedenen Gruppen aus maximal zehn Teilnehmern. Ein Workshop besteht in der Regel aus zwei Teilen. Beim ersten Treffen suchen sich „die Bunten“ zusammen mit den Teilnehmern ein bestimmtes Gebäude aus und sammeln Ideen für ein mögliches Motiv. Aus allen Ideen wird dann eine Skizze herausgearbeitet. Ausgewählt werden bevorzugt Stationen, die immer wieder Ziel von illegalen Sprühereien werden. „Für die Gestaltung lassen wir den Teilnehmern weitgehend freie Hand“, so Hosemann. Der Wunsch sei jedoch, dass die Motive im weitesten Sinn etwas mit den Stadtwerken Augsburg bzw. den Themen Energie, Wasser oder Mobilität zu tun haben und in die Umgebung passen. Beim ersten Treffen sensibilisieren die Workshopleiter außerdem für die Folgen von illegalem Sprühen und erklären den Teilnehmern, welche legalen Alternativen es in Augsburg gibt. Thomas Hosemann ist es wichtig, dass die Botschaft ohne erhobenen Zeigefinger, sondern möglichst partnerschaftlich und auf Augenhöhe vermittelt wird. Besonders authentisch kommt es rüber, wenn die Sprayer persönlich berichten, welche Strafen sie selbst früher bekommen haben. Etwa, wenn ein Workshopleiter erzählt: „Lasst das mal lieber mit dem illegalen Sprühen, denn 30.000 Euro Schulden zu haben, ist jetzt echt nicht so toll.“ Beim zweiten Treffen geht es dann ran an die Sprühdose und die vorbereitete Skizze wird auf dem Häuschen umgesetzt. Dazu brauchen die Teilnehmer keinerlei Vorkenntnisse. „Das Ganze kann man sich ein wenig wie bei ‚Malen nach Zahlen‘ vorstellen“, erklärt Hosemann. „Die Bunten sprühen zunächst die Umrisse vor. Anschließend malen die Teilnehmer diese Umrisse aus – und lernen dabei einige nützliche Tricks und Kniffe von den Profis.“ Den letzten Schliff – das sogenannte ,Finishing‘ – übernehmen dann wieder die Fachleute.
Quelle bei allen Fotos: © swa/Thomas Hosemann
Es gibt nur Gewinner
Gruppen, die selbst am swa Graffiti-Projekt teilnehmen möchten, können sich direkt an die Stadtwerke Augsburg wenden. Kontakt: Thomas Hosemann Tel.: 0821 / 6500-8038
E-Mail: [email protected]
Während das Graffiti-Team anfangs hauptsächlich mit Jugendzentren zusammengearbeitet hat, kommen mittlerweile viele verschiedene Zielgruppen auf die Stadtwerke – von Sportvereinen über Schulen bis hin zu Privatpersonen. Das habe gezeigt: Graffiti sind ein Thema, das sich quer durch die Gesellschaft zieht. „Wir haben sogar mal einen Workshop mit einem Seniorenheim durchgeführt und alle Teilnehmer waren total begeistert“, berichtet Hosemann. „Das war phänomenal.“ Mittlerweile wurden mehr als 70 Gebäude im Augsburger Stadtgebiet kreativ gestaltet. Auf der Webseite der Stadtwerke gibt es sogar Graffiti-Landkarte, auf der alle Stationen mit Infos zu den Künstlern gekennzeichnet sind. Die Häuschen sind nicht nur etwas, worauf die sie stolz sein können, sondern sie prägen auch positiv das Stadtbild. Thomas Hosemann: Die Menschen hier schaffen etwas, das bleibt und ganz viele positive Emotionen schürt.“ Viele Einwohnerinnen und Einwohner hätten ihr persönliches Lieblingshäuschen und freuen sich jedes Mal, wenn sie daran vorbeikommen. „Und genau das ist meiner Meinung nach auch das Erfolgsrezept des Projekts. Jeder hat einen Nutzen davon: die Workshopteilnehmer, die Nachbarschaft, die Bunten und die Stadtwerke. Es gibt keine Verlierer, es gibt nur Gewinner.“
Noch viel zu tun
Unautorisierte, illegale Schmierereien werden weiterhin zur Anzeige gebracht. Um illegalem Graffiti im urbanen Raum jedoch dauerhaft entgegenzuwirken, sehen sich die Stadtwerke nur als ein Player unter vielen. So gibt es in Augsburg z. B. auch eine Arbeitsgruppe Graffiti, die Polizei, Staatsanwaltschaft, die Bunten, den Staatsjugendring und weitere Gruppen zusammenbringt. „Da könnte in Zukunft noch viel mehr Knowhow gebündelt und genutzt werden, um noch viel mehr Effekte in der Szene zu schaffen“, wünscht sich Thomas Hosemann für die Zukunft. „Illegalem Graffiti zu begegnen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe.“ KF (29.07.2022)





