Als das Cannabisgesetz Anfang April 2024 in Kraft trat, sprach die damalige Ampel-Koalition von einem Richtungswechsel in der deutschen Drogenpolitik. Cannabis sollte aus der Illegalität geholt, der Schwarzmarkt zurückgedrängt, der Jugendschutz verbessert und Polizei sowie Justiz entlastet werden. Zwei Jahre später fällt die Bilanz gemischt aus. Die einen freuen sich über die Entkriminalisierung hunderttausender Konsumenten, die anderen sprechen von einem bürokratischen Experiment mit fraglichem Nutzen.
Die Debatte über das Gesetz läuft also weiter. Während erste wissenschaftliche Untersuchungen bislang keinen dramatischen Anstieg des Konsums feststellen, kritisieren Polizei, Teile der Ärzteschaft und Oppositionspolitiker die Umsetzung des Gesetzes. Besonders die Entwicklung der Cannabis-Clubs und der Boom beim medizinischen Cannabis sorgen für Diskussionen.
In diesem Text erfahren Sie:
- wie sich der Konsum von Cannabis verändert hat
- welche Auswirkungen das Gesetz auf den Schwarzmarkt hat
- wie das Gesetz in der aktuellen Diskussion polarisiert
Das Cannabisgesetz und seine Ziele
Mit dem Cannabisgesetz wurden Besitz und Konsum bestimmter Mengen Cannabis für Erwachsene legalisiert. Außerdem dürfen Erwachsene bis zu drei Cannabispflanzen privat anbauen. Zusätzlich wurden sogenannte Cannabis-Anbauvereinigungen zugelassen, über die Mitglieder gemeinschaftlich Cannabis anbauen und beziehen können.
Im Bundesgesundheitsministerium konzentrierte man sich bei dem Gesetz auf eine klare Strategie. Der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erklärte bei der Verabschiedung des Gesetzes im Deutschen Bundestag: „Wir verfolgen zwei Ziele. Das erste Ziel ist es, den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Das zweite Ziel ist ein besserer Kinder- und Jugendschutz.“
Kaum Veränderungen beim Konsum von Cannabis
Die wichtigste Frage lautet: Hat die Legalisierung den Cannabiskonsum erhöht?
Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen zumindest nicht für einen sprunghaften Anstieg. Die gesetzlich vorgeschriebene Zwischenevaluierung des Cannabisgesetzes kam im Herbst 2025 zu dem Ergebnis, dass sich die Konsummuster bislang nur wenig verändert haben. Die Gutachter sahen daher keinen akuten Anlass für grundlegende Korrekturen des Gesetzes.
Auch Untersuchungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigen bislang keine dramatischen Veränderungen in der Gesamtbevölkerung. Cannabis bleibt zwar die am häufigsten konsumierte illegale Droge Deutschlands, ein explosionsartiger Anstieg des Konsums nach der Legalisierung ist bislang jedoch nicht nachweisbar.
Wie entwickelt sich der Konsum bei Jugendlichen?
Besonders aufmerksam beobachten Wissenschaftler die Entwicklung bei Minderjährigen. Kritiker hatten vor Inkrafttreten des Gesetzes befürchtet, die Legalisierung könne Cannabis für Jugendliche attraktiver machen.
Die aktuellen Zahlen sprechen bislang dagegen. Nach der Drogenaffinitätsstudie 2025 des BIÖG sank der Anteil der 12- bis 17-Jährigen, die innerhalb der vergangenen zwölf Monate Cannabis konsumiert haben, von 6,7 Prozent im Jahr 2023 auf 6,1 Prozent im Jahr 2025. Auch der regelmäßige Konsum ging leicht zurück. Anders sieht es bei jungen Erwachsenen aus. In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen stieg die sogenannte Zwölf-Monats-Prävalenz von 23,3 auf 25,6 Prozent. Besonders deutlich fiel der Anstieg bei jungen Männern aus.
Der kommissarische Leiter des BIÖG, Johannes Nießen, rät in der Drogenaffinitätsstudie 2025 deshalb zur Vorsicht: „Für junge Menschen ist Cannabis besonders gesundheitsschädlich.“ Die Entwicklung müsse daher weiter genau beobachtet werden.
Cannabis-Clubs: Große Erwartungen, geringe Wirkung
Ein Herzstück des Gesetzes sind die Cannabis-Anbauvereinigungen, häufig als Cannabis Social Clubs bezeichnet. Sie sollten Erwachsenen einen legalen Zugang ermöglichen, ohne einen kommerziellen Markt zu schaffen.
Nach Angaben der wissenschaftlichen Evaluation wurden jedoch bis April 2025 bundesweit lediglich 222 Vereine genehmigt. Sie decken weniger als 0,1 Prozent des geschätzten Cannabisbedarfs in Deutschland ab. Die Wissenschaftler kommen deshalb zu einem kritischen Ergebnis: „Die Rahmenbedingungen für die Genehmigung und den Betrieb von Anbauvereinigungen sollten vereinfacht werden.“ Viele Vereine beklagen lange Bearbeitungszeiten, unterschiedliche Auslegungen der Vorschriften in den Bundesländern und hohe bürokratische Anforderungen. Dadurch bleibt der legale Markt bislang deutlich hinter den Erwartungen der Bundesregierung zurück.
Der Schwarzmarkt lebt weiter
Eines der Hauptziele der Legalisierung war die Zurückdrängung des illegalen Cannabis-Handels. Ob dies gelingt, ist bislang offen.
Die wissenschaftliche Evaluation kommt zu dem Ergebnis, dass die legale Versorgung derzeit noch viel zu klein ist, um den Schwarzmarkt spürbar zu verdrängen. Vor allem die geringe Zahl funktionierender Anbauvereine erschwert die Versorgung legaler Konsumenten. Kritiker sehen sich dadurch bestätigt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes vor genau diesem Problem gewarnt. Der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Alexander Poitz erklärte bereits im Februar 2024: „Woher das Cannabis kommen soll, hat der Gesetzgeber allerdings nur unzureichend geregelt.“ Poitz wurde noch deutlicher: „Die Idee des Gesetzgebers, Cannabis in Zukunft selbst anzubauen oder sich über Anbauvereine damit zu versorgen, ist reines Wunschdenken.“ Nach seiner Einschätzung werde sich die organisierte Kriminalität den neuen Rahmenbedingungen anpassen und weiterhin einen erheblichen Teil des Marktes bedienen.
Medizinischer Cannabis: Neue Versorgung oder Hintertür-Legalisierung?
Parallel zur Teillegalisierung wächst ein zweiter Markt rasant: medizinischer Cannabis. Seit der Herausnahme von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz können Patienten deutlich einfacher als früher Rezepte erhalten. Zahlreiche Telemedizin-Plattformen bieten inzwischen Online-Sprechstunden an, nach denen Patienten Cannabisrezepte erhalten und die Produkte über Versandapotheken beziehen können. Die Importe von medizinischem Cannabis sind seit Inkrafttreten des Gesetzes stark gestiegen. Kritiker sprechen deshalb von einer faktischen Ausweitung des Konsums über den medizinischen Bereich. Befürworter verweisen dagegen auf die verbesserte Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen, Schlafstörungen oder anderen Erkrankungen.
Ermittlungsbehörden beobachten die Entwicklung aufmerksam. Zwar gibt es bislang keine Belege für einen flächendeckenden Missbrauch des Systems, jedoch fordern Ärzteverbände und Suchtexperten strengere Qualitätsstandards für Online-Anbieter sowie eine sorgfältigere Prüfung medizinischer Indikationen.
Der politische Streit geht weiter
Kaum ein Gesetz der vergangenen Jahre hat die Politik so polarisiert wie die Cannabis-Legalisierung. Besonders scharf äußert sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Im Herbst 2025 bezeichnete er bei ZDFheute das Cannabisgesetz öffentlich als „ein richtiges Scheiß-Gesetz“. Er machte die Legalisierung mitverantwortlich für eine aus seiner Sicht problematische Entwicklung im Drogenbereich. Widerspruch kam umgehend von Suchtforschern. Der Frankfurter Drogenexperte Prof. Bernd Werse reagierte ungewöhnlich deutlich: „Das ist eine richtige Scheiß-Aussage, weil sie überhaupt keine Hand und Fuß hat.“ Werse verweist darauf, dass die bislang vorliegenden Daten keinen deutlichen Anstieg des Cannabiskonsums infolge der Legalisierung erkennen lassen. Die Diskussion werde häufig ideologisch und nicht auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse geführt. Der Schlagabtausch verdeutlicht die Fronten, die bis heute bestehen: Während Gegner der Legalisierung vor gesundheitlichen Risiken und einem fortbestehenden Schwarzmarkt warnen, sehen Befürworter in den bisherigen Daten eher eine Bestätigung ihrer Position.
Abschaffen oder reformieren?
Die Forderung nach einer vollständigen Rücknahme des Cannabisgesetzes wird vor allem von Teilen der Union erhoben. In unionsgeführten Landesregierungen und Ministerien wurde die Reform mehrfach als Fehler bezeichnet. Gleichzeitig mehren sich auch unter Befürwortern die Stimmen, die Nachbesserungen verlangen. Die Diskussion konzentriert sich dabei weniger auf die grundsätzliche Legalisierung als auf die praktische Umsetzung.
Zu den wichtigsten Reformvorschlägen gehören:
- Vereinfachung der Genehmigungsverfahren für Cannabis-Clubs
- einheitlichere Regelungen in den Bundesländern
- bessere Präventionsangebote für Jugendliche
- strengere Qualitätskontrollen im Bereich des medizinischen Cannabis
- eine intensivere wissenschaftliche Begleitung der Legalisierung
- wirksamere Maßnahmen gegen den illegalen Handel
Selbst die wissenschaftliche Evaluation empfiehlt Erleichterungen für Anbauvereinigungen, um deren Beitrag zur Verdrängung des Schwarzmarktes zu stärken. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat ein Positionspapier erstellt, das Maßnahmen beschreibt, wie die Politik das Konsumcannabisgesetz aus polizeilicher Sicht und mit gewerkschaftspolitischer Perspektive verbessern kann.
Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes fällt die Bilanz also differenziert aus. Die befürchtete Welle neuer jugendlicher Konsumenten ist bislang ausgeblieben. Gleichzeitig ist das zentrale Ziel, den Schwarzmarkt spürbar zurückzudrängen, noch nicht erreicht. Besonders die Cannabis-Clubs leiden unter bürokratischen Hürden und können den Bedarf legaler Konsumenten bislang kaum decken. Die Forderung nach einer Reform des Gesetzes wird in der politischen Debatte daher immer lauter.
TE (26.6.2026)

