Der Zugang zu pornografischen Inhalten erfolgt häufig über das Smartphone
Der Zugang zu pornografischen Inhalten erfolgt häufig über das Smartphone

Nutzung pornografischer Inhalte durch Jugendliche

„Hardcore“ ist keine Seltenheit mehr

Während man früher aufwändig nach Videos und Zeitschriften mit pornografischen Inhalten suchen musste, stehen heute mit nur wenigen Klicks unzählige Filme und Bilder zur Verfügung – das Internet macht es möglich. Ein großes Problem: Auch für Jugendliche ist es dadurch einfach geworden, an solche Inhalte zu kommen. Ein Großteil ist jedoch völlig ungeeignet für ihre Altersklasse. Denn nicht nur der Verbreitungsweg, auch die Art der Pornografie hat sich verändert. Sie ist deutlich härter als noch vor einigen Jahren und die Bandbreite der gezeigten „Genre“ ist größer. Doch wie viele Jugendliche kommen damit überhaupt in Berührung und wie alt sind sie dabei? In welchen Kontexten sehen sie Pornografie? Diesen Fragen sind Kommunikationswissenschaftler der Universitäten Hohenheim und Münster mithilfe einer repräsentativen Befragungsstudie nachgegangen.

Erstkontakt mit etwa 14 Jahren

Wie die Ergebnisse zeigen, hat von zehn männlichen Jungendlichen zwischen 14 und 20 Jahren etwa jeder Sechste schon einen pornografischen Inhalt gesehen. Bei den weiblichen Jugendlichen trifft das auf rund ein Drittel zu. Außerdem wurden die Jugendlichen gefragt, ob sie schon einmal mit Hardcore-Pornografie in Kontakt gekommen sind, bei der man die Geschlechtsorgane deutlich erkennen kann. „Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn es gibt natürlich einen Unterschied zwischen pornografischen Inhalten, bei denen sich Geschlechtsverkehr unter der Bettdecke andeutet und Hardcore-Pornografie. Frühere Studien haben das nicht differenziert genug abgefragt“, so der Studienleiter Prof. Dr. Jens Vogelgesang. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der Jugendlichen hat schon einmal hardcore-pornografische Bilder oder Filme gesehen. Doch die Inhalte werden nicht nur drastischer, sondern die Jugendlichen kommen damit auch früher in Berührung – im Durchschnitt mit etwa 14 Jahren. Die Reaktionen beim Erstkontakt fallen unterschiedlich aus. „Jungs berichten oft, dass sie sich erregt oder amüsiert fühlten, während Mädchen eher Ekel, Unwohlsein oder Empörung empfanden“, so Vogelgesang. Für ihn ist das nachvollziehbar: „Wir haben erwartet, dass es einen Geschlechterunterschied gibt. Dass viele Jungs sagen, dass sie es lustig fanden, kann aber auch eine Schutzreaktion sein. Manche Menschen überspielen Stress und Unsicherheit mit einem sogenannten Verlegenheitslachen.“

Befragt wurden 1048 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahre. Das Durchschnittsalter lag bei 17 Jahren. 52 Prozent waren männlich, 48 Prozent weiblich.

Zugangsweg Smartphone

Die Studie bestätigt, dass die Online-Pornografie frühere Verbreitungswege weitgehend abgelöst hat. Wer als Jugendlicher wiederholt Pornografie nutzt, tut dies in 28 Prozent der Fälle über das Smartphone oder Handy und in 21 Prozent über den Laptop oder Computer. Auch der Erstkontakt – unabhängig davon, ob die Inhalte anschließend regelmäßig konsumiert werden oder nicht – erfolgt am häufigsten über diese Endgeräte. Zeitschriften, DVDs, Videos oder das Fernsehen werden nur selten genutzt. „Was überrascht, ist, dass der Erstkontakt am häufigsten zu Hause stattfindet, obwohl das Smartphone eine so große Rolle spielt“, berichtet Vogelgesang. Für ihn bedeutet das, dass die Kontrollmöglichkeit der Eltern sehr eingeschränkt ist. Denn in Sachen Smartphone haben Jugendliche immer noch einen deutlichen Vorsprung vor Erwachsenen, was die Bedienfähigkeit betrifft. Was ebenso problematisch ist: In fast der Hälfte der Fälle haben die Jugendlichen die Inhalte beim Erstkontakt ungewollt gesehen – entweder weil sie diese von anderen gezeigt bekamen oder weil sie zufällig beim Surfen darauf gestoßen sind. Dass der erste Kontakt oft ungewollt passiert, ist für Vogelgesang ein zentrales Ergebnis. „Den einsam vor dem Rechner sitzenden, pubertierenden Jungen, der mal gucken will, was da passiert, den gibt es – aber eben nicht nur“, so der Experte. Ob der Erstkontakt gewollt stattfindet oder nicht, hängt unter anderem mit dem Nutzungskontext zusammen: Der Kontakt passiert meist ungewollt, wenn Dritte anwesend sind. Gewollt findet er häufiger alleine statt.

Prof. Dr. Jens Vogelgesang

Fachgebietsleiter Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, © Universität Hohenheim

Fehlender Austausch über das Gesehene

Nur knapp ein Drittel der Jugendlichen gab an, im Anschluss an den Erstkontakt mit Hardcore-Pornografie mit jemandem darüber gesprochen zu haben. Demnach erfolgt die Verarbeitung weitgehend alleine. Vogelgesang rät Eltern, den Dialog zu suchen. Eine Tabuisierung sei der falsche Weg. „Ein stabiles soziales Umfeld hilft, die Inhalte zu verarbeiten, die natürlich irritierend und sogar schockierend sein können. Wenn Jugendliche nicht mit den Eltern reden wollen, kann auch der Austausch mit Freunden helfen.“ Zudem müsse das Thema im Rahmen des Sexualkunde- oder Medienkompetenzunterrichts aufgegriffen werden. „Auch hier sollte man die Jugendlichen zum Dialog ermutigen – und wenn sie es ungewollt gesehen haben, muss es ihnen sowieso nicht peinlich sein.“ In dem Zusammenhang kann man auch über rechtliche Folgen aufklären. Denn werden pornografische Inhalte heruntergeladen und etwa auf dem Schulhof weiterverbreitet, kann man gegen das Urheberrecht verstoßen. Aufbauend auf den Befragungsergebnissen ist eine Folgestudie geplant. „Man sieht, dass der Kontakt früher stattfindet. Daher wollen wir gerne auch die unter 14-Jährigen einbeziehen, um die Auswirkungen besser einzuschätzen“, so der Experte.

Online-Beratungsangebote

Der Medienratgeber „Schau hin!“ bietet Eltern Informationen zum Thema Pornografie-Nutzung von Jugendlichen. Das Portal „loveline“ richtet sich an die Jugendlichen selbst und klärt über Sexualität und Pornografie auf. Die Initiative „klicksafe“ stellt Lehrkräften Unterrichtsmaterial zum Thema zur Verfügung. MW (15.12.2017)

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