Fahrraddiebstahl bleibt in Deutschland trotz rückläufiger Fallzahlen ein Massenphänomen. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) wurden im Jahr 2025 bundesweit 214.264 Fahrräder gestohlen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Rückgang um 12,9 Prozent. Dennoch bleibt die Dunkelziffer hoch, da viele Diebstähle nicht angezeigt werden. Die Aufklärungsquote liegt weiterhin auf niedrigem Niveau und bewegt sich bundesweit bei rund zehn Prozent.
Besonders problematisch ist die Entwicklung bei den Schäden: Während die Zahl der Diebstähle sinkt, steigen die finanziellen Verluste. Nach Angaben der Versicherungswirtschaft mussten die Versicherer 2025 für gestohlene Fahrräder rund 150 Millionen Euro leisten. Der durchschnittliche Schaden pro Diebstahl erreichte mit 1.270 Euro einen neuen Höchststand. Ursache ist vor allem der Boom hochwertiger E-Bikes und Pedelecs, die bei Dieben besonders begehrt sind.
Experten beobachten seit Jahren, dass sich Täter zunehmend auf hochwertige Fahrräder spezialisieren. Zwar werden insgesamt weniger Räder gestohlen, der wirtschaftliche Schaden bleibt jedoch auf Rekordniveau. Gerade E-Bikes im Wert von mehreren tausend Euro sind für professionelle Diebe ein attraktives Ziel.
Ulrich Golla ist Kriminaloberkommissar bei der Polizei in Bonn und ermittelt seit vielen Jahren zu Fahrraddiebstählen. Im Interview mit PolizeiDeinPartner erzählt er von organisierten Diebesbanden, individuellen Identifikationsmerkmalen und der Rückkehr eines gestohlenen Drahtesels.
Herr Golla, wie relevant ist Fahrraddiebstahl aus Sicht der Polizei?
Laut Kriminalstatistik sind die Zahlen zum Fahrraddiebstahl innerhalb der letzten fünf Jahre leicht gesunken. Wir haben aber festgestellt, dass die Räder, die heute gestohlen werden, immer teurer sind. Zum einen, weil es sich um E-Bikes handelt und zum anderen, weil die Ausstattung hochwertiger ist. Insgesamt verzeichnen wir in Großstädten mehr Fahrraddiebstähle als auf dem Land. Gründe dafür sind die höhere Anonymität und passendere Gelegenheiten.
Erzählen Sie uns etwas über die Täter.
Auf der einen Seite gibt es immer wieder Einzeltäter. Sie gehen mitten am Tag auf öffentlichen Plätzen mit einem Bolzenschneider vor und können zum Beispiel einfache Spiralschlösser innerhalb von wenigen Sekunden knacken. Auf der anderen Seite gibt es auch organisierte Banden, die zum Beispiel nachts mit dem Lkw zehn bis zwanzig hochwertige E-Bikes stehlen. In den letzten Jahren ist auch die Ausschlachtung von teuren Einzelteilen hinzugekommen. Wir hatten vor etwa zwei Jahren eine Gruppe, die sich auf hydraulische Felgenbremsen und Scheibenbremsen spezialisiert hat. Sie haben die Bremsen von zahlreichen Fahrrädern demontiert und dann über Internetportale verkauft. Bei einer Durchsuchung konnten wir Bremsen im Wert von 10.000 Euro sicherstellen.
Wie sichere ich mein Fahrrad ausreichend?
Leider werden hochwertige Fahrräder immer noch mit leichten Spiralschlössern gesichert. Das reicht nicht. Ein gutes Fahrradschloss sollte eine hohe Schutzklasse haben und mindestens 50 Euro kosten. Am sichersten sind Bügel- oder Faltschlösser, weil sie aus gehärtetem Stahl und dadurch sehr massiv sind. Danach kommen Kettenschlösser. Optimal sind sogar zwei Schlösser. Außerdem sollte man sein Fahrrad immer an einen festen Gegenstand anschließen, beispielsweise an einem Verkehrsschild oder idealerweise einem Fahrradständer.
Wie sollte ich vorgehen, wenn mein Fahrrad gestohlen wurde?
Nach einem Diebstahl ist umgehend eine Anzeige bei der Polizei aufzugeben. Dafür müssen Sie nicht zwangsläufig zur Polizeidienststelle gehen, weil ein Diebstahl auch online angezeigt werden kann. Die Vorlage einer Strafanzeige ist wichtig, um von der Versicherung den Schaden ersetzt zu bekommen. Außerdem hat jedes Fahrrad eine Rahmennummer zur Identifizierung, die man sich beim Kauf notieren sollte. Damit kann das gestohlene Rad europaweit zur Fahndung ausgeschrieben werden. So haben auch die polnischen oder dänischen Kollegen eine Grundlage zur Überprüfung von Rahmennummern, wenn ein Lkw mit Fahrrädern die Grenze überquert. Heutzutage sind aber auch Fotos wichtig. Die Polizei hat eigene Facebook-Seiten, auf denen Bilder des gestohlenen Fahrrads veröffentlicht werden können. Die Fotos werden teilweise auch in den lokalen Medien publiziert. Damit bauen wir Fahndungsdruck auf und erschweren dem Täter die Hehlerei.
Was passiert in der Regel mit gestohlenen Fahrrädern?
Es ist möglich, dass man sein Fahrrad auf einem Flohmarkt wiederfindet. Diebesgut wird aber auch häufig über Internetportale weiterverkauft oder landet im Ausland. Wenn die Polizei etwas Auffälliges beobachtet, beispielsweise wenn die führende Person viel zu klein für das Fahrrad ist, dann stellt sie Räder mit dem Verdacht, aus einer Straftat zu stammen, sicher. Mit einem entsprechenden Nachweis, beispielsweise über die Rahmennummer oder den Fahrradpass, kann der Besitzer sein Rad zurückbekommen. Andernfalls bleiben die sichergestellten Räder bei der Polizei und die Staatsanwaltschaft entscheidet, was mit ihnen passiert. In Großstädten finden immer wieder Versteigerungen von Fahrrädern statt, die nicht zugeordnet werden konnten.
Wie kann ich mein Fahrrad kennzeichnen, um nachzuweisen, dass es sich um meins handelt?
Man kann sein Fahrrad mit kleinen farblichen Markierungen individualisieren oder etwas in den Rahmen ritzen. Eine weitere Möglichkeit ist der „Fahrradpass“ – eine kostenlose App, über die man Räder mit Bildern, Rahmennummern und Zubehör erfassen kann. Liegen diese Informationen der Polizei vor, kann sie ein sichergestelltes Fahrrad einfacher dem Besitzer zuordnen. Zusätzlich kann man sein Rad auch codieren lassen. Das macht teilweise die Polizei oder der ADFC.
Wie oft erleben Sie es, dass jemand sein Fahrrad zurückbekommt?
Das passiert nicht häufig, aber es passiert! Dadurch, dass die meisten Fahrräder versichert sind, wissen viele Besitzer, dass sie sich nach Auszahlung des Versicherungsgeldes ein neues Fahrrad kaufen können und suchen nicht mehr weiter. Dabei ist Fahrraddiebstahl eine „unendliche Geschichte“: Wir hatten einen Fall, bei dem jemand ein Fahrrad sehr günstig auf dem Flohmarkt erworben hat. Durch Recherche konnte er feststellen, dass das Rad einen viel höheren Wert hat. Er wurde misstrauisch und ist zur Polizei gegangen. Eine Überprüfung der Rahmennummer hat ergeben: Es ist gestohlen. Wir konnten den Flohmarktverkäufer ermitteln und herausfinden, von wem er das Fahrrad erworben hat. Am Ende konnten wir es dem Besitzer zurückgeben.
WL/TE (29.05.2026)

