Falsche Nachrichten sind kein Phänomen des Internetzeitalters. Doch soziale Netzwerke und Künstliche Intelligenz haben ihre Verbreitung und Qualität grundlegend verändert. Gefälschte Nachrichtenseiten, manipulierte Videos und täuschend echte KI-Bilder können heute innerhalb kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen. Umso wichtiger ist es, Meldungen kritisch zu prüfen, bevor man sie glaubt oder weiterverbreitet.
In diesem Text erfahren Sie:
- wie sich Desinformation in Zeiten von KI verändert hat
- welche Rolle Socialmedia dabei spielt
- wer hinter den Falschmeldungen steckt
Wenn die Tagesschau plötzlich etwas meldet, das nie passiert ist
Die Bilder sehen vertraut aus, die Moderatorin ist bekannt, selbst der typische Tagesschau-Vorspann stimmt. Anfang 2025 verbreitete sich in sozialen Netzwerken ein vermeintlicher Tagesschau-Beitrag, in dem Moderatorin Susanne Holst über eine Probe für die Vereidigung der damaligen AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel zur Bundeskanzlerin zu berichten schien. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr war zu sehen und dazu erklang die Melodie von „L'amour toujours“.
Doch diesen Tagesschau-Beitrag hatte es nie gegeben. Ausgangsmaterial der Fälschung war eine echte Sendung, die mithilfe Künstlicher Intelligenz manipuliert worden war. Auch die Stimme der Moderatorin war gefälscht. „Es handelt sich um ein mit KI generiertes Video und keinen Beitrag der Tagesschau“, stellte Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-aktuell, klar. Nach Einschätzung des KI-Experten Christoph Maerz vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) werden gerade etablierte Medien für solche Manipulationen missbraucht, weil sie beim Publikum einen Vertrauensvorschuss besitzen. Das Beispiel zeigt, wie sehr sich das Problem der Falschmeldungen verändert hat. Ein Fake muss heute nicht mehr wie ein Fake aussehen.
Vom „Hoax“ zur Desinformation
Früher war häufig von „Hoaxes“ die Rede. Damit waren erfundene Warnmeldungen oder Schauergeschichten gemeint, die vor allem per E-Mail verbreitet wurden. Typisch war die Aufforderung, die Nachricht möglichst schnell an Freunde und Bekannte weiterzuleiten. Der klassische Kettenbrief funktioniert nach demselben Prinzip. Beides gibt es weiterhin. Noch im Sommer 2026 verbreitete sich beispielsweise über WhatsApp eine Warnung, wonach Meta AI „ab Samstag“ Zugriff auf sämtliche Chats, Telefonnummern und persönliche Daten erhalten würde. Die Behauptung war nur teilweise richtig: Die KI-Funktion war bereits 2025 eingeführt worden. Doch nach Angaben unter anderem des Bundesdatenschutzbeauftragten und der Verbraucherzentrale gab es keine Hinweise darauf, dass Meta AI automatisch auf sämtliche private Chats zugreift.
Der Begriff „Hoax“ spielt heute nur noch eine geringere Rolle. Stattdessen wird meist von Falschinformationen und Desinformation gesprochen. Entscheidend ist dabei die Absicht: Falsche Informationen können beispielsweise aus Unwissenheit weitergegeben werden. Von Desinformation spricht man dagegen, wenn falsche oder irreführende Informationen gezielt verbreitet werden, um Menschen zu täuschen oder zu beeinflussen.
Socialmedia als Brandbeschleuniger
Was früher über E-Mail-Verteiler und Kettenbriefe weitergegeben wurde, erreicht heute über TikTok, Instagram, Facebook, X, YouTube, Telegram oder WhatsApp innerhalb kürzester Zeit große Nutzergruppen. Die Formate haben sich ebenfalls verändert. Neben Textmeldungen werden manipulierte Fotos, Memes, kurze Videos, Screenshots vermeintlicher Nachrichtenartikel oder angebliche Aussagen prominenter Personen verbreitet.
„Es ist viel leichter geworden, vor allem über digitale und soziale Medien eine große Öffentlichkeit zu erreichen“, erklärt Lena Frischlich, Professorin am Digital Democracy Center der Universität Süddänemark in Odense im ARD- Faktenfinder. Dadurch könnten auch unbestätigte Informationen wesentlich leichter verbreitet werden. Zudem verbringen Menschen mehr Zeit online und kommen entsprechend häufiger mit Falschbehauptungen in Kontakt.
Besonders erfolgreich sind Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Angst, Wut oder Empörung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Meldung spontan kommentiert und weitergegeben wird. Besonders gut funktionieren Falschmeldungen mit politischem Hintergrund, wenn sie unmittelbar den Alltag der Menschen betreffen. 2025 kursierten beispielsweise Falschmeldungen über angeblich neue Vorschriften beim Bargeldabheben oder Autofahren.
KI und Deepfakes verändern die Fälschung
Durch generative Künstliche Intelligenz hat das Problem eine neue Dimension erreicht. Bilder, Stimmen und Videos lassen sich mit geringem Aufwand künstlich erzeugen oder verändern. „Natürlich klingende Stimmen und authentisch wirkende Bilder bekommt man mittlerweile schon gut hin. Auch von zu Hause aus auf dem Heimrechner“, erklärt Martin Steinebach, Leiter der Abteilung Media Security und IT Forensics am Fraunhofer SIT/ATHENE, im ARD- Faktenfinder.
Wie einfach das inzwischen funktioniert, zeigen erfundene Katastrophenmeldungen. 2025 tauchten auf TikTok professionell aufgemachte Videos auf, die etwa von einem schweren Zugunglück im Schwarzwald mit zahlreichen Toten berichteten. Das Unglück hatte nie stattgefunden. Dennoch erzielten entsprechende Accounts teils fünfstellige Followerzahlen. KI-generierte Bilder, Texte und Stimmen ermöglichen es, solche vermeintlichen Nachrichten schnell und kostengünstig zu produzieren.
Gleichzeitig wird es immer schwerer, die Fälschungen zu erkennen. Zwar verraten sich manche KI-Bilder noch durch falsche Schatten, fehlerhafte Schriftzüge, unnatürliche Hände oder widersprüchliche Spiegelungen. Darauf allein sollte man sich jedoch nicht verlassen. Bei professionell produzierten Fälschungen könne es inzwischen vorkommen, dass Nutzer Bilder oder Videos nicht mehr als manipuliert erkennen, warnt Fraunhofer-Experte Steinebach.
Nicht jede erfolgreiche Falschmeldung benötigt allerdings Künstliche Intelligenz. Eine der einfachsten Methoden besteht darin, echte Bilder oder Videos aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang zu reißen und mit einer neuen Geschichte zu versehen. Das Material ist dann authentisch – nur die Behauptung dazu stimmt nicht.
Wer steckt hinter Falschmeldungen?
Die Motive sind sehr unterschiedlich. Manche Urheber wollen mit spektakulären Inhalten schlicht Aufmerksamkeit und Reichweite erzielen. Andere verfolgen finanzielle Interessen. So werden gefälschte Artikel im Design bekannter Medien eingesetzt, um mit angeblichen Empfehlungen von Prominenten für dubiose Geldanlagen oder Kryptowährungen zu werben.
Daneben gibt es politische und ideologische Motive. Desinformation kann gezielt eingesetzt werden, um politische Gegner zu diskreditieren, gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen oder das Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse zu schwächen.
So lassen sich Fakes erkennen
Ein gesundes Misstrauen ist besonders dann angebracht, wenn eine Nachricht sensationell klingt oder starke Emotionen auslöst. Zunächst sollte die Quelle geprüft werden: Wer veröffentlicht die Information? Gibt es ein Impressum? Handelt es sich tatsächlich um die Internetadresse des genannten Mediums? Existiert die Meldung dort überhaupt?
Bei angeblichen Nachrichten etablierter Medien empfiehlt es sich, nicht dem mitgeschickten Link zu vertrauen, sondern die Webseite des Mediums selbst aufzurufen und dort nach der Meldung zu suchen. Über eine Suchmaschine lässt sich zudem feststellen, ob andere seriöse Medien über das angebliche Ereignis berichten.
Auch Datum und Kontext sind wichtig. Gerade Bilder von Demonstrationen, Naturkatastrophen oder Kriegen werden häufig Jahre später erneut verbreitet und mit aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht. Eine Bilderrückwärtssuche kann zeigen, wann und in welchem Zusammenhang eine Aufnahme früher veröffentlicht wurde.
Erst prüfen, dann weiterleiten
Die wichtigste Regel im Umgang mit Falschmeldungen ist einfach: Eine Nachricht nicht deshalb weitergeben, weil sie spektakulär, beunruhigend oder vermeintlich besonders wichtig ist. Gerade die Aufforderung „Bitte unbedingt an alle weiterleiten“ sollte skeptisch machen.
Wer eine zweifelhafte Nachricht von Freunden oder Verwandten erhält, sollte sie nicht ungeprüft weiterverbreiten. Hilfreicher ist es, auf eine seriöse Quelle oder einen Faktencheck hinzuweisen. Auch vermeintliche Falschmeldungen sollten nicht einfach mit empörtem Kommentar geteilt werden: Dadurch können sie zusätzliche Reichweite erhalten.
Das Problem wird durch KI noch anspruchsvoller. Andreas Dengel, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, beschreibt einen möglichen „Schneeballeffekt“: KI-generierte Inhalte können gezielt vorhandene Einstellungen und Werte ansprechen und damit den Impuls verstärken, sie weiterzugeben.
Die technische Qualität einer Nachricht ist deshalb kein Beleg für ihren Wahrheitsgehalt. Ein professionelles Layout, eine bekannte Stimme oder scheinbar eindeutige Videoaufnahmen reichen als Beweis längst nicht mehr aus. Entscheidend bleibt, ob Quelle, Kontext und Behauptung einer Überprüfung standhalten.
TE (28.08.2026)

