Zwei Welten, ein Wandel
Sicherheit entsteht heute nicht mehr ausschließlich auf der Straße. Sie entsteht ebenso in Netzwerken, Rechenzentren und digitalen Infrastrukturen. Kriminelle Aktivitäten hinterlassen längst nicht mehr nur physische Spuren, sondern zunehmend digitale. Entsprechend gehören Cybercrime, digitale Forensik und Datenanalyse heute zum Alltag moderner Sicherheitsbehörden.
Auch Unternehmen stehen vor neuen Herausforderungen. Cyberangriffe können Produktionsprozesse lahmlegen, sensible Daten gefährden und erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen. Sicherheit ist daher längst zu einer gemeinsamen Aufgabe von staatlichen Institutionen und privaten Organisationen geworden. Quelle: BKA Bundeslagebild Cybercrime 2025 https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/Cybercrime/cybercrime_node.html
Mit diesen Entwicklungen verändern sich auch die Berufsbilder. Polizeiarbeit umfasst heute weit mehr als Streifendienst und Einsatzbewältigung. Gleichzeitig besteht Cybersecurity nicht nur aus Programmierung und Netzwerkadministration. In beiden Bereichen gewinnen Analysefähigkeit, Kommunikationskompetenz, strategisches Denken und interdisziplinäre Zusammenarbeit an Bedeutung.
Autor: László Porrmann
Head of Marketing
Enginsight GmbH
www.enginsight.com/de/
Das klassische Berufsbild reicht nicht mehr aus
Das Bild vom Polizeiberuf wird häufig noch von Uniform, Streifenwagen und unmittelbarer Präsenz geprägt. Diese Aufgaben bleiben unverzichtbar. Gleichzeitig bilden sie jedoch nur einen Teil der modernen Polizeiarbeit ab.
Ermittlungen im Bereich Cybercrime, IT-Forensik, digitale Spurensicherung und Datenanalyse sind heute feste Bestandteile vieler Arbeitsbereiche. Neue Technologien verändern nicht nur die Art der Kriminalität, sondern auch die Anforderungen an diejenigen, die sie bekämpfen.
Eine ähnliche Entwicklung ist in der Cybersecurity zu beobachten. Neben technischen Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten dort inzwischen ebenso Fachkräfte für Informationssicherheit, Risikomanagement, Kommunikation, Compliance und Organisation.
Je komplexer Bedrohungen werden, desto wichtiger wird die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. Sicherheit lässt sich immer seltener aus einer einzelnen fachlichen Perspektive heraus gewährleisten.
Der Wandel zeigt sich auch in den Menschen hinter den Berufen
Mit den Aufgaben verändern sich auch die Teams.
Der Frauenanteil bei den Polizeien von Bund und Ländern ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Während er im Jahr 2000 noch bei rund 20 Prozent lag, lag er 2019 bereits bei 29,3 Prozent. Für die Landespolizeien wird inzwischen ein durchschnittlicher Frauenanteil von knapp 35 Prozent ausgewiesen.
Beim Bundeskriminalamt liegt der Frauenanteil aktuell bei 41,18 Prozent. Quelle: BKA Fakten und Zahlen (Stand 01.07.2026)
https://www.bka.de/DE/DasBKA/FaktenZahlen/faktenzahlen_node.html
Diese Zahlen zeigen mehr als eine statistische Entwicklung. Sie verdeutlichen, wie vielfältig die Tätigkeitsfelder moderner Sicherheitsbehörden geworden sind. Von Einsatz und Ermittlungen über Analyse bis hin zu IT und Forensik entstehen neue Aufgabenbereiche, die unterschiedliche Kompetenzen erfordern.
Gleichzeitig weisen Studien weiterhin auf eine Unterrepräsentanz von Frauen in Sicherheitsberufen hin. Tradierte Rollenbilder und organisatorische Rahmenbedingungen spielen dabei nach wie vor eine Rolle. Der Wandel ist sichtbar, aber noch nicht abgeschlossen.
Wenn sich Organisationen weiterentwickeln
Die Gewerkschaft der Polizei begleitet diese Entwicklung aktiv. Die GdP-Frauengruppe fordert unter anderem mehr weibliche Vorbilder, transparente Karrierewege sowie Rahmenbedingungen, die berufliche Entwicklung und familiäre Verantwortung besser miteinander vereinbaren lassen. Quelle: Positionspapier der GdP-Frauengruppe
https://www.gdp-online.de/bund/de/media/positionspapiere/was-uns-voranbringt%2C-bringt-die-polizei-voran%21
Dabei geht es zunehmend nicht mehr nur um die Frage, wie mehr Frauen für bestehende Strukturen gewonnen werden können. Immer stärker rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich Organisationen selbst weiterentwickeln müssen.
Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie längst nicht mehr ausschließlich als Frauenthema verstanden. Moderne Personalentwicklung berücksichtigt die Lebensrealitäten aller Beschäftigten.
Damit entsteht eine zentrale Zukunftsfrage für Sicherheitsorganisationen:
Wie müssen Arbeitgeber aufgestellt sein, um qualifizierte Menschen zu gewinnen, zu fördern und langfristig zu binden?
Digitalisierung verändert die Anforderungen
Der Wandel der Sicherheitsberufe wird nicht allein durch gesellschaftliche Veränderungen bestimmt. Technologische Entwicklungen treiben ihn zusätzlich voran.
Quelle: Bundeslagebild Cybercrime 2025
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundeslagebild-cybercrime-2025-2430048
Künstliche Intelligenz, automatisierte Angriffsmethoden, verschlüsselte Kommunikation und die stetig wachsende Menge digitaler Daten erhöhen die Anforderungen an Ermittlungen und Sicherheitsarbeit. Fachkräfte müssen heute technische Zusammenhänge verstehen, große Informationsmengen bewerten und komplexe Sachverhalte verständlich kommunizieren können.
Gefragt sind deshalb zunehmend Kompetenzen wie:
- analytisches Denken
- digitale Fachkenntnisse
- interdisziplinäre Zusammenarbeit
- Kommunikationsfähigkeit
- strategisches Risikomanagement
Diese Fähigkeiten werden sowohl in Sicherheitsbehörden als auch in der privaten Cybersecurity immer wichtiger.
In der IT besteht weiterhin Nachholbedarf
Während der Frauenanteil in Polizeibehörden steigt, sind Frauen in IT- und Cybersecurity-Berufen weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Nach Angaben des Bitkom sind in der großen Mehrheit der Unternehmen IT- und Digitalbereiche weiterhin überwiegend männlich besetzt. Gleichzeitig sehen viele Unternehmen die stärkere Einbindung von Frauen als wichtigen Baustein zur Bewältigung des Fachkräftemangels.
Der Widerspruch ist offensichtlich: Einerseits besteht ein hoher Bedarf an qualifizierten Fachkräften, andererseits halten sich traditionelle Vorstellungen über typische Berufsrollen weiterhin hartnäckig.
Führung und Verantwortung als Teil des Wandels
Wie sich Rollenbilder verändern können, zeigt auch die Praxis in Unternehmen der Cybersecurity-Branche. Beim Jenaer Cybersecurity-Unternehmen Enginsight arbeiten derzeit 84 Mitarbeitende, darunter 21 Frauen. Besonders bemerkenswert ist, dass die Hälfte der Head-of-Positionen von Frauen besetzt wird.
Das Beispiel verdeutlicht einen wichtigen Aspekt moderner Organisationsentwicklung: Fortschritt zeigt sich nicht allein darin, wer eingestellt wird, sondern auch darin, wer Verantwortung übernimmt und an Entscheidungen beteiligt ist.
Sabine Rosmaiti, Head of Product Strategy & Innovation von Enginsight formuliert es so: „Cybersecurity lebt von analytischem Denken, Neugier und Teamarbeit. Diese Fähigkeiten sind nicht geschlechtsspezifisch. Entscheidend ist, dass Menschen Verantwortung übernehmen und ihre Expertise einbringen können. Wenn Verantwortung nach Kompetenz vergeben wird, verändern sich auch traditionelle Rollenbilder ganz selbstverständlich.“
Sicherheit wird zum Mannschaftssport
Die Verbindung zwischen Polizei und Cybersecurity reicht heute weit über ähnliche Personalfragen hinaus.
Ein Cyberangriff kann strafrechtliche Ermittlungen auslösen. Digitale Beweismittel müssen gesichert, analysiert und bewertet werden. Unternehmen müssen technische Gegenmaßnahmen umsetzen, während Strafverfolgungsbehörden mögliche Straftaten verfolgen.
Unterschiedliche Fachrichtungen arbeiten dabei immer häufiger an derselben Herausforderung: Angriffe erkennen, verstehen und verhindern.
Dadurch wachsen auch die Schnittstellen zwischen staatlicher und privater Sicherheitsarbeit. Der Austausch von Wissen und Erfahrungen gewinnt an Bedeutung.
Der Fachkräftemangel verändert die Spielregeln
Gleichzeitig stehen beide Bereiche vor ähnlichen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt.
Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte nimmt zu. Neben spannenden Aufgaben erwarten Bewerberinnen und Bewerber heute moderne Arbeitsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten und flexible Arbeitsmodelle.
Sowohl Unternehmen als auch öffentliche Arbeitgeber reagieren darauf mit neuen Konzepten für Arbeitsorganisation, Weiterbildung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Denn klar ist: Wer die Sicherheit von morgen gewährleisten will, muss die Fachkräfte von morgen gewinnen und langfristig halten.
Kein Standardprofil für Sicherheit
Polizei und Cybersecurity stehen beide vor vergleichbaren Herausforderungen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, steigende Komplexität und der wachsende Bedarf an Spezialwissen.
Die Polizei wird digitaler, spezialisierter und stärker vernetzt. Cybersecurity entwickelt sich zunehmend von einer rein technischen Disziplin zu einer strategischen Organisationsaufgabe.
Entscheidend ist dabei nicht, welchem traditionellen Berufsbild Menschen entsprechen. Entscheidend sind Kompetenzen, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten.
Vom Streifenwagen bis zur Firewall gilt deshalb dasselbe: Sicherheit braucht kein Standardprofil. Sie braucht Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die gemeinsam Verantwortung übernehmen.

