Barbara Nägele im Interview mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

Häusliche Gewalt gegen ältere Frauen

Häusliche Gewalt gegen ältere Frauen ist noch immer ein Tabu – Expertinneninterview mit Sozialwissenschaftlerin Barbara Nägele

Häusliche Gewalt endet nicht im Alter. Sie geschieht meist im Verborgen und bleibt deshalb unentdeckt. Über Gewalt in langjährigen Misshandlungsbeziehungen bei älteren Frauen werde noch viel zu wenig gesprochen, so Diplom-Sozialwissenschaftlerin Barbara Nägele. Die Wissenschaftlerin erforscht, inwiefern Frauen über 60 in ihren Partnerschaften Gewalt erleben – und wie in solchen Fällen geholfen werden kann.

Gewalt gegen ältere Frauen – ist das in unserer Gesellschaft überhaupt ein Thema?

Leider ja. Zunächst denken viele Menschen dabei an Gewalt in der ambulanten und stationären Pflege – das ist angesichts der zunehmenden Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen auch ein wichtiges Thema. Daneben wissen wir aber auch von Gewalt in Partnerschaften, also Gewalt, die etwas mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Dieses Thema kennen wir zwar vor allem von jüngeren Frauen, es gibt da aber keine Altersgrenze. 

Wie häufig sind Frauen im Alter von Gewalt betroffen?

Wir wissen, dass körperliche und sexuelle Gewalt in Partnerschaften mit dem Alter der Frau konstant zurückgeht: Weniger als 1 Prozent der Frauen über 60, die in einer Partnerschaft leben, erfährt körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner – das zeigt eine repräsentative Erhebung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zum Vergleich: Bei den Frauen bis 34 Jahre sind es knapp 5 Prozent. Was jedoch nicht zurückgeht, ist die psychische Gewalt. Hier sind ältere Frauen in ähnlichem Maße betroffen wie die jüngeren. Dabei geht es zum Beispiel um Erniedrigungen, Zwang und Kontrollverhalten. Rund 17 Prozent der Frauen bis 75 Jahre berichten von derartiger Gewalt in ihrer Partnerschaft. 

Nur etwa fünf Prozent aller von Gewalt betroffenen Frauen über 60 Jahre nehmen Kontakt zu einer Beratungsstelle auf. Wie erklären Sie das?

Ganz unabhängig vom Alter nehmen nur wenige von Gewalt betroffene Frauen die Hilfe einer Beratungseinrichtung in Anspruch. Aber Sie haben Recht: Der Anteil bei den Älteren ist auffallend niedrig. Das liegt daran, dass ältere Frauen Beratungseinrichtungen seltener kennen als jüngere Frauen, und dass sie weniger vertraut damit sind, sich für persönliche Probleme Hilfe zu holen. Vielleicht ist die Scham in der Altersgruppe noch größer als bei den Jüngeren. Häufig handelt es sich um langjährige Gewaltbeziehungen. Viele Frauen resignieren oder haben infolge der Gewalt ein so geringes Selbstbewusstsein, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, Hilfe zu erhalten. Viele werden krank und erhalten dann über ärztliche Hilfe weitergehende Unterstützung.

Wie kann das Hilfetelefon älteren Frauen mit Gewalterfahrungen helfen?

Ich glaube, dass die telefonische Erreichbarkeit für ältere Frauen ein großer Vorteil ist. Auch die mögliche Anonymität ist für viele attraktiv. Wir wissen, dass ältere Menschen in der Not durchaus zum Telefon greifen und sich dem Gegenüber anvertrauen. Durch die Übersetzung der Gespräche in verschiedene Sprachen können auch ältere Migrantinnen angesprochen werden. Allerdings fürchte ich, dass hier die Hemmschwellen noch deutlich höher sind.

Wie sieht es mit Gewalt im Bereich der Pflege aus?

Es ist schwierig, hier zuverlässige Zahlen zu ermitteln – viele pflegebedürftige Frauen können ja krankheitsbedingt nicht selbst befragt werden. Befragt man die Pflegenden, so zeigen sich hohe Werte. 40 Prozent der ambulanten Pflegekräfte und 53 Prozent der pflegenden Familienangehörigen berichteten, dass sie sich im vergangenen Jahr mindestens einmal problematisch gegenüber Pflegebedürftigen verhalten haben; dabei handelt es sich am häufigsten um verbale Aggressionen, psychische Misshandlung sowie pflegerische und psychosoziale Vernachlässigung.

Wie können pflegebedürftige Frauen in solchen Situationen am besten unterstützt werden? 

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, was eigentlich passiert: Warum kommt es zu Gewalt? Wenn Überforderung der Pflegenden die Ursache ist, kann die Vermittlung von Hilfen und Diensten sinnvoll sein. Aber häufig hilft es auch, wenn Pflegende besser verstehen, warum sich Pflegebedürftige problematisch verhalten. Hier kann Beratung und Aufklärung über Krankheitssymptome schon weiterhelfen.
 
Schwieriger ist es, wenn eine pflegebedürftige Frau in ihrer Partnerbeziehung Gewalt erfährt. Hier können Frauenberatungsstellen und Fachzentren für häusliche Gewalt beraten und die Dynamiken erklären.

Inwieweit ist das Hilfenetzwerk – von Pflegekräften, Hausärzten bis hin zu Polizisten – für die Gewaltbetroffenheit älterer Menschen sensibilisiert?

Vielen Menschen im Pflegebereich ist klar, dass es zu gewaltförmigem Handeln in der Pflege kommt. Allerdings geht man zumeist ganz grundsätzlich davon aus, dass dies aufgrund von Überforderung und Belastungen stattfindet. Wenige Menschen können sich vorstellen, dass Frauen auch im Alter Opfer von Gewalt in Partnerschaften werden können, ohne dass die Pflegebelastung eine ursächliche Rolle spielt. Wenige übertragen das, was wir über Gewalt gegen Frauen allgemein wissen, auch auf ältere Frauen. Hier muss einiges passieren. 
 
Wir haben im Rahmen des Forschungsprojektes Intimate Partner Violence against older Woman (IPVoW) vielfältiges Material entwickelt – übrigens auch mit Hinweisen auf das Hilfetelefon. Die Materialien und alle unsere Berichte zum Thema finden sich auf www.ipvow.org.

Ist Gewalt gegen ältere Frauen ein noch größeres Tabu als das bei Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen der Fall ist?

Gewalt in Partnerschaften älterer Frauen wird nach wie vor tabuisiert. Es ist für viele Menschen schwer, sich vorzustellen, dass ältere Frauen misshandelt oder vergewaltigt werden – trotzdem ist es Realität. Zwischen den Themen Gewalt gegen (jüngere) Frauen und Misshandlung älterer Menschen in der Pflege drohen die älteren gewaltbetroffenen Frauen verloren zu gehen. Das haben wir auch als Ausgangspunkt unserer Arbeit genommen – eines unserer Projekte haben wir "Mind the Gap" genannt und wollten damit zum Ausdruck bringen, dass hier ein echtes Defizit vorliegt.

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