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< „Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik“

Schuld bleibt der Täter

Ältere Menschen werden zwar objektiv gesehen nicht häufiger Opfer von Gewalttaten als andere Altersgruppen, aber sie leiden länger darunter. Und auch die subjektive Angst, einer Gewalttat zum Opfer zu fallen, ist unter Älteren weiter verbreitet als unter Jüngeren.

Ältere Menschen leiden besonders stark unter Gewalterlebnissen


Handtaschenraub ist die häufigste Form von Gewalt

© martinlee, fotolia

 

Ältere Menschen werden zwar objektiv gesehen nicht häufiger Opfer von Gewalttaten als andere Altersgruppen, aber sie leiden länger darunter. Und auch die subjektive Angst, einer Gewalttat zum Opfer zu fallen, ist unter Älteren weiter verbreitet als unter Jüngeren.

 

„Jetzt habe ich ein Stück meiner Selbständigkeit verloren“, meinte vor kurzem eine 79-jährige Hannoveranerin zu Michael Berg, der als Sozialarbeiter beim Opferhilfebüro Hannover arbeitet. Ein Trickbetrüger hatte sie beim Abheben von Bargeld auf der Bank beobachtet und verfolgte sie anschließend unbemerkt über weitere Stationen zum Arzt und der Apotheke. Vor ihrer Haustür sprach der Mann die Frau dann an und gab sich als Mitarbeiter des örtlichen Energieversorgungsunternehmens aus. „Eine Masche, die in Hannover oft angewendet wird“, berichtet der Opferhelfer. Der Betrüger berichtete der Seniorin von einem Schreiben des Unternehmens, das sie angeblich erhalten habe. Als die Frau das Schreiben in ihrer Wohnung suchte, entwendete der Dieb Geld aus der im Flur abgestellten Handtasche: „Erst drängte er so furchtbar, und dann konnte er nicht schnell genug wieder draußen sein“, erinnert sie sich. Jetzt holt immer ihr Sohn für sie das Geld von der Bank. Das ist der 79-Jährigen recht, denn nach dem Trickdiebstahl traut sie sich nicht mehr, allein Geld abheben zu gehen.

Finanzielle und psychische Hilfeleistungen

Stiftung Opferhilfe Niedersachsen

© Stiftung Opferhilfe Niedersachsen

 

Die Opferhilfe Niedersachsen steht allen Opfern von Gewalttaten zur Verfügung. Der Kontakt zu den älteren Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, wird beispielsweise über das Dezernat Trickdiebstahl der Polizei hergestellt. Die Klienten der Opferhilfe – meist sind es Frauen – erhalten sowohl psychische als auch materielle Hilfe. Die Stiftung finanziert sich aus Bußgeldern, die Tätern vom Gericht auferlegt werden. „Wenn ich den Opfern erkläre, woher das Geld kommt, fällt es ihnen leichter, das Geld auch anzunehmen“, berichtet Michael Berg. Die Opferhilfe kann immer dann für ein konkretes Anliegen finanziell einspringen, wenn Versicherungen nicht zahlen; zum Beispiel, wenn bei einem Handtaschendiebstahl der Haustürschlüssel für das Mietshaus, in dem das Opfer wohnt, abhanden gekommen ist. Denn die Versicherungen zahlen nur bei Raub, nicht bei Diebstahl. Jeder einzelne Fall wird dem örtlichen Regionalvorstand der Opferhilfe vom zuständigen Sozialarbeiter vorgestellt; dann wird gemeinsam entschieden, was die Stiftung leisten kann.

Opferhilfe Niedersachsen 

Die Stiftung Opferhilfe Niedersachen wurde 2001 gegründet und hat landesweit elf Opferhilfebüros. Sie bieten für Opfer konkret folgende Hilfeleistungen: Psychosoziale Betreuung und Beratung, Vermittlung zu weitergehenden Hilfs- und Beratungsangeboten, Begleitung zu Gerichts, Behörden-, Anwalts-, und Arztterminen und die Unterstützung von Anträgen.

Stärker als der finanzielle Aspekt wiegen die psychischen Folgen einer Tat. „Deshalb ist das Beratungsgespräch, das ich mit den Opfern führe, für sie so wichtig“, meint Michael Berg. Dazu besucht er die Betroffenen in der Regel zu Hause, oft auch im Beisein einer Freundin oder eines Familienmitglieds des Opfers. Zuerst stellt er sich, die Arbeit und die Möglichkeiten der Opferhilfe vor. Danach besteht für das Opfer die Möglichkeit, ausführlich von der Tat und deren Folgen zu berichten. Der juristische Aspekt ist meist klar: Die Strafanzeige ist gestellt, der Täter ist gefasst oder noch flüchtig. Es ist wichtig, dass jemand von außen die Opfer ernst nimmt, ihnen zuhört und ihnen Hilfsangebote macht, um die Folgen der Tat zu verarbeiten. 

 

Vor allem die Schuldfrage treibt die älteren Menschen um. Viele schämen sich und fragen: Wieso habe ich nicht besser aufgepasst? Wie konnte ich mich nur so leicht übertölpeln lassen? Zumindest einen Teil der Schuld suchen sie oft bei sich selbst. Das ist jedoch eine völlig falsche Einstellung, meint Michael Berg. „Ich versuche, ihnen klar zu machen, dass die Verantwortlichkeit für die Tat immer beim Täter liegt und nicht bei ihnen.“ Ein Rückzug aus dem sozialen Leben als Konsequenz ist kontraproduktiv. Eine aktive Lebensgestaltung mit regen Außenkontakten stärkt dagegen das Selbstbewusstsein und schreckt potenzielle Täter von vornherein ab. Wenn es gut verläuft, stellt sich bei den Opfern nach dem Beratungsgespräch das Gefühl der Erleichterung ein: Sie sind nicht die einzigen, denen so etwas passiert und sie sind den Folgen nicht hilflos ausgeliefert.

Die Täter gehen nach einem festen Schema vor

Wer alte Menschen oder Behinderte als Opfer auswählt, handelt nach einer perfiden Logik: Er weiß, dort ist kaum oder nur wenig Widerstand zu erwarten.

Der klassische Handtaschenraub ist in der Praxis die häufigste Form von Gewalt. Schwere körperliche Folgen tragen die wenigsten seiner Klientinnen davon, berichtet Michael Berg. „Die meisten sind so geistesgegenwärtig, die Handtasche rechtzeitig loszulassen – wenn sie dies nicht tun, kann es zu ernsten Verletzungen wie Knochenbrüchen kommen.“

Andere Täter vermeiden physische Gewalt und lenken ihre Opfer an der Haustür ab, indem sie ihnen zum Beispiel Waren zum Kauf anbieten. Diese Täter sind meist zu zweit – während die eine Person ablenkt, gelangt die andere in die Wohnung des Opfers und sucht nach Diebesgut.

 

Auch der so genannte „Enkel-Trick“ funktioniert bei älteren Menschen: Die Täter haben den Namen eines Enkels irgendwo aufgeschnappt oder ein paar Fakten zusammengetragen, die sie glaubhaft erscheinen lassen. Dann wenden sie sich an ihre Opfer. Sie geben an, der Enkel oder die Enkelin habe sie geschickt. Es liege eine Notsituation vor und der Enkel oder die Enkelin brauche sofort Bargeld. Oft kündigen die Betrüger ihren Besuch durch einen fingierten Anruf bei den alten Leuten auch noch an. „Hier geht es immer direkt um größere Geldbeträge. Die Täter begleiten die Opfer dann zum Geldautomaten und machen sich danach mit der Beute aus dem Staub“, erklärt Michael Berg. Auch in diesen Fällen ist bei den Opfern danach die Scham darüber groß, dass sie hereingelegt wurden.

 

Der Berater der Opferhilfe hört den Betroffenen nicht nur zu und organisiert im Einzelfall finanzielle Entschädigungen – er vermittelt die älteren Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind, auch an weitergehende Hilfs- und Beratungsangebote. Denn seit einiger Zeit werden von der Polizei, den Familienbildungsstätten, Seniorenvertretungen, Wohlfahrtsverbänden und anderen Organisationen Programme zur Selbstbehauptung im Alter angeboten, um das Sicherheitsgefühl älterer Menschen zu stärken. Inhalte dieser Kurse sind z. B. die Vermittlung von Selbstverteidigungstechniken, die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie Tipps für den Alltag.

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