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Sexueller Missbrauch im Kinderheim

Kinder sollten in der DDR früh zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Wer als schwererziehbar galt, musste schon in jungen Jahren das Elternhaus gegen eine Unterbringung in einem Jugendwerkhof oder Spezialkinderheim eintauschen. In vielen Fällen kam es dort zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche.

Das „verfluchtes Paradies“

Gewalt gehörte in vielen DDR-Kinderheimen zur Tagesordnung 

© reiro, fotolia

 

Kinder sollten in der DDR früh zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Wer als schwererziehbar galt, musste schon in jungen Jahren das Elternhaus gegen eine Unterbringung in einem Jugendwerkhof oder Spezialkinderheim eintauschen. In vielen Fällen kam es dort zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche. 

 

Rausdorf, ein kleiner Ort ganz in der Nähe von Stadtroda im Jahr 1975. Mitten in der idyllischen Landschaft Thüringens, dem grünen Herzen der DDR, steht märchenhaft ein Schloss. Von außen schön anzusehen, herrscht im Inneren ein erbarmungsloses Regime. Wie 32 Jugendwerkhöfe und weitere 37 Spezialkinderheime dient das Heim „Fritz Große“ auf dem Schlossgelände zur Internierung und Umerziehung von Kindern und Heranwachsenden, die den harten Erziehungs- und Glaubensidealen der Sozialistischen Diktatur nicht genügen. Die Methoden der Heimleitung und der Erzieher sind brutal. Susanne Schulz, Tochter eines im Schloss arbeitenden Lehrers, erinnert sich: „Für alle Kinder galten die vier pädagogischen „D’s“: Dampf, Druck, Drill und Dresche. Schüler, die ihre Lage nicht ertrugen, versuchten zu fliehen und lösten damit regelrechte Menschenjagden aus. Wir Kinder wussten, dass diese Jugendlichen anschließend verprügelt wurden.“

„Was habe ich getan?“

Doch nicht nur Prügel und Demütigung sind im „verfluchten Paradies“, wie Schulz das Schloss nennt, an der Tagesordnung. In ihrer Allmacht nutzen die Heimmitarbeiter die Kinder auf alle erdenklichen Arten aus. Der Erzieher H. wird besonders gefürchtet. Mehrere männliche Schüler werden von H. über Jahre hinweg sexuell missbraucht. In einem Klima der Angst und des Schweigens wird der Missbrauch weder angezeigt noch über ihn gesprochen. Für die Heimleitung gilt es, jegliches Aufsehen zu vermeiden und die Polizei aus dem Geschehen herauszuhalten. Susanne Schulz war zwar als Personalangehörige nie direkt in „Fritz Große“ untergebracht, erlebte aber die Geschehnisse dort so lange als Zeugin, bis sie selbst zum Opfer wurde. „Ich wurde vom Sohn des Hausmeisters attackiert. Später wurde ich von einem Schüler missbraucht. Vom ersten Übergriff habe ich meinem Vater sofort erzählt. Er erwischte den Täter, stellte ihn zur Rede und schlug ihm ins Gesicht. Heute kann ich sein Verhalten verstehen und nachvollziehen, als Kind war ich so entsetzt, dass ich Mitleid mit dem Täter bekam. „Was habe ich getan?“, dachte ich. Von da an erzählte ich nichts mehr.“

Missbrauchte Kinder leiden oft ein Leben lang.

© GW20 Foto, MEV-Verlag

35 Jahre später: Es hat lange gedauert, bis Susanne Schulz dazu in der Lage war, sich mit den Geschehnissen ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die heute 43-Jährige durchlief schon unterschiedlichste Behandlungen, um Wege zu finden, mit dem Erlebten umzugehen. Dazu gehörten ein stationärer Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik, eine Traumtherapie sowie eine ambulante Psychotherapie, die sie erst kürzlich beendet hat. Das alles hat ihr geholfen, die Traumata ihrer Kindheit „zu bearbeiten“, wie sie es selbst ausdrückt. Eine komplette Heilung im klassischen medizinischen Sinne gibt es für die erlittenen seelischen Verletzungen von Susanne Schulz nicht. Sie weiß: „Die Betroffenen haben lebenslang mit den Folgen der Taten zu kämpfen.“ Dennoch ist sie froh, dass sich ihr Zustand stabilisiert hat: „Mir geht es endlich besser.“

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