Häfen sind ein wichtiger Umschlagplatz für Drogen
Häfen sind ein wichtiger Umschlagplatz für Drogen

Ermittler am Limit

Drogenschmuggel bricht Rekorde

Der Drogenschmuggel nach Europa hat sich in den vergangenen Jahren von klassischer Schmuggelkriminalität zu einem hoch professionellen, international organisierten Logistikgeschäft entwickelt. Im Zentrum steht Kokain: Laut dem Europäischen Drogenbericht 2025 der European Union Drugs Agency (EUDA) ist es nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte illegale Droge in Europa.

In diesem Text erfahren Sie:

Der Kokain-Konsum boomt

Fast 2,7 Millionen der 15- bis 34-jährigen Menschen in der EU konsumierten im letzten Jahr Kokain. Gleichzeitig steigen Verfügbarkeit, Reinheit und gesundheitliche Folgeschäden. 2023 beschlagnahmten EU-Staaten zum siebten Mal in Folge eine Rekordmenge Kokain: 419 Tonnen, besonders in Belgien, Spanien und den Niederlanden.

Auffällig ist die Verschiebung gegenüber früher: Cannabis bleibt in Deutschland von den Fallzahlen her die wichtigste illegale Droge. Doch Kokain liegt inzwischen auf Rang zwei der Rauschgiftdelikte. 2024 registrierte das BKA 30.996 Kokain-Delikte und 24 Tonnen sichergestelltes Kokain. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von synthetischen Drogen stark zu: 37 Produktionsstätten wurden 2024 in Deutschland entdeckt und geschlossen, darunter elf Großlabore. Es wird auch deutlich mehr MDMA-, Methamphetamin und Amphetami sichergestellt. Die Bundesregierung spricht deshalb im Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität 2024 von einer hohen Verfügbarkeit nahezu aller Drogenarten.

Die Nachfrage verändert sich ebenfalls. Kokain ist nicht mehr nur eine „Partydroge“ wohlhabender Milieus, sondern breitet sich in verschiedene Konsumentengruppen aus. Die EUDA berichtet von steigenden Behandlungszahlen: Kokain war 2023 die zweithäufigste Hauptdroge bei Menschen, die erstmals eine spezialisierte Drogenbehandlung begannen. Auch der Crack-Konsum nimmt in manchen marginalisierten Gruppen zu. In Deutschland warnt der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck vor einem Boom bei Kokain, Crack und synthetischen Drogen sowie vor jüngeren und experimentierfreudigeren Konsumierenden.

Professionalisierung der Drogennetzwerke

Die Schmuggelwege folgen meist einer mehrstufigen Kette. Kokain wird in Südamerika produziert, vor allem in der Andenregion, dann über Häfen wie Guayaquil in Ecuador, Häfen in Brasilien oder andere lateinamerikanische Umschlagplätze in Richtung Europa gebracht. In Europa landen große Mengen traditionell in Containerhäfen wie Antwerpen, Rotterdam, Hamburg, Algeciras oder Valencia. Von dort übernehmen Hafenhelfer, Speditionsfirmen, Scheinfirmen, Kuriere und regionale Großhändler die Ware. Deutschland ist dabei sowohl Zielmarkt als auch Transitland für die Weiterverteilung nach Mittel-, Nord- und Osteuropa. Die EUDA betont, dass große Containerhäfen zentrale Einfallstore bleiben, Kriminelle aber zunehmend auf kleinere Häfen, Südwesteuropa und alternative Routen ausweichen.

Die Professionalisierung zeigt sich besonders in der Logistik. Drogennetzwerke gehen arbeitsteilig vor: Produzenten, maritime Transporteure, Korruptionsvermittler, Geldwäscher, Hafeninsider, IT-Spezialisten, Gewaltakteure und lokale Verteiler übernehmen jeweils eigene Rollen. Sie nutzen legale Lieferketten, Scheinunternehmen, verschlüsselte Kommunikation, Bestechung und Einschüchterung von Hafenpersonal. Europäische Behörden sehen Korruption und Gewalt in Häfen inzwischen als zentrale Begleiterscheinung des Kokainmarkts.

Neueste Technologie für den Drogentransport

Die Technik wird immer raffinierter. Europol beschreibt in einem aktuellen Bericht, dass Kokain nicht nur in Containern, Bananen, Reis oder Maschinen versteckt wird, sondern auch in Schiffsrümpfen unter Wasser, in Industrieanlagen, Kunststoffen, Textilien oder Lebensmitteln. Teils wird Kokain chemisch in Trägermaterialien eingearbeitet und später in Laboren wieder herausgelöst. Hinzu kommen Transfers auf hoher See, Speedboote, Drohnen, Halbtauchboote und nicht-kommerzielle Schiffe. Das Ziel dieser aufwändigen Logistik ist es, Scanner, Spürhunde und klassische Kontrollen zu umgehen.

International agierende Netzwerke

Wer dahintersteht, ist je nach Route unterschiedlich. Europäische Ermittlungen nennen häufig Netzwerke aus Lateinamerika, etwa Ecuador, Kolumbien oder Brasilien, die mit europäischen Gruppen kooperieren. Daneben spielen italienische Mafiaorganisationen, albanischsprachige Netzwerke, niederländische, belgische, spanische, marokkanische und türkische Gruppen sowie Rocker- und Clanstrukturen eine Rolle. Wichtig ist: Es handelt sich selten um Gruppen einer bestimmten Nationalität, sondern um flexible, transnationale Dienstleistungsnetzwerke. Europol unterstützte 2026 zum Beispiel Ermittlungen gegen ein Kokainnetzwerk mit Bezug zum ecuadorianischen Los-Lobos-Kartell.

Insgesamt bewertet Europol die Lage als außergewöhnlich ernst. Der Kokainhandel nach Europa habe „beispiellose Ausmaße“ erreicht, getrieben durch die hohe Produktion in Lateinamerika und die steigende Nachfrage in der EU. Besonders gefährlich sei, dass kriminelle Netzwerke schnell auf den Druck durch Polizeiaktionen reagieren: Wenn große Häfen stärker kontrolliert werden, verlagern sie Lieferungen auf kleinere Häfen, andere Länder oder direkte Seetransfers.

Täter passen Einfuhrwege an

In Deutschland bewerten das Bundeskriminalamt (BKA), der Zoll und das Bundesinnenministerium die Lage ähnlich. Polizeiliche Maßnahmen würden zwar laut BKA wirken. Das Amt warnt aber zugleich, dass Täter flexibel bleiben und Einfuhrwege sowie Tatbegehungsweisen anpassen. Der Zoll verweist auf große Erfolge wie die „Operation Plexus“ im Juni 2024, bei der international 35,5 Tonnen Kokain im Wert von 2,6 Milliarden Euro sichergestellt wurden, knapp 25 Tonnen davon im Hamburger Hafen. Das war der bisher größte Kokainfund in Deutschland. Die Drogen waren in Seecontainern zwischen Obstkisten und anderen legalen Waren versteckt.

Die Bundespolizei ist vor allem an den Grenzen, auf Flughäfen, Bahnhöfen, im Bahnverkehr und auf See der relevante Akteur. Bei großen Kokainverfahren in Häfen stehen jedoch meist Zoll, BKA, Landeskriminalämter, Hafenpolizei und internationale Partner im Vordergrund. Die Bundespolizei ergänzt diese Struktur durch Grenz- und Verkehrskontrollen, Seeaufgaben und internationale Zusammenarbeit. Ihre Rolle ist deshalb weniger die alleinige Bekämpfung des Containerkokains, sondern die Kontrolle von Transitwegen und der Mobilität krimineller Gruppen.

2024 gab es den bislang größten Kokainfund in Deutschland

2024 gab es den bislang größten Kokainfund in Deutschland

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Bekämpfung der Drogenband gelingt nur gemeinsam

Die europäische Zusammenarbeit läuft über Europol, Eurojust, gemeinsame Ermittlungsgruppen, Daten- und Finanzermittlungen, EMPACT und die European Ports Alliance. Diese Allianz wurde 2024 gestartet und soll Hafenbehörden, Zoll, Polizei, Reedereien und Terminalbetreiber enger vernetzen. Die EU-Kommission berichtet, dass zwischen 2019 und 2024 mehr als 1.800 Tonnen illegaler Drogen in oder auf dem Weg zu EU-Seehäfen sichergestellt wurden. Zugleich weichen die Täter auf neue Methoden und Routen aus.

Die Erfolge sind beachtlich: Rekordbeschlagnahmungen, entschlüsselte Kommunikationsdienste wie EncroChat, internationale Festnahmen, Zerschlagung einzelner Lieferketten und bessere Risikoanalysen in Häfen. Trotzdem lösen diese Sicherstellungen das Problem nicht allein, weil hohe Gewinne die Verluste für die Drogenschmuggler einkalkulierbar machen. Die Ermittler könnten ihre Erfolge steigern, wenn Finanzermittlungen konsequenter durchgeführt, Vermögensabschöpfung ermöglicht, der Schutz und das Screening von Hafenpersonal verbessert und einheitliche Sicherheitsstandards in allen EU-Häfen eingeführt würden. Insbesondere kleine Häfen müssten stärker kontrolliert, die Kooperation mit Herkunfts- und Transitländern ausgebaut, der Einsatz von Scanner- und Unterwassertechnik verbessert sowie der schnellere Datenaustausch zwischen Zoll, Polizei, Hafenwirtschaft und Justiz ermöglicht werden.

Europa ist also ein sehr attraktiver Markt für Drogenbanden. Zwar erzielen die Polizeikräfte zum Teil große Erfolge, aber sie kämpfen gegen Netzwerke, die wie globale Unternehmen agieren, technische Innovationen nutzen und jede Schwachstelle in legalen Lieferketten ausnutzen. Deshalb wird die Bekämpfung nur dann wirksamer, wenn sie nicht nur einzelne Lieferungen stoppt, sondern zugleich Logistik, Geldwäsche, Korruption, Nachfrage und internationale Produktionsketten angreift.

TE (24.04.2026)

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