Konflikte zwischen Schülern, auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern gehören zum Schulalltag. Doch bei Streitigkeiten zwischen Kindern müssen sich nicht immer gleich Erwachsene einmischen. An vielen deutschen Schulen lassen sich Schülerinnen und Schüler zu Streitschlichtern ausbilden, und dies sogar an der Grundschule. Heike Hildebrand leitet die Streitschlichter-AG an der Grundschule Köppern in Hessen. Das Konzept funktioniert deshalb so gut, sagt sie, weil die Streitschlichter die Sprache ihrer Mitschüler sprechen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. „Dadurch werden sie viel besser von den streitenden Mitschülern akzeptiert.“
Streit entsteht oft in der Pause
Mit ihren leuchtenden neongrünen Warnwesten sind sie in den Pausen auf dem Schulhof gut erkennbar. Immer in Zweierteams unterwegs, sind sie der erste Ansprechpartner für alle Schülerinnen und Schüler, um Streitsituationen neutral und auf Augenhöhe zu schlichten. Seit dem Schuljahr 2021/2022 bildet Heike Hildebrand, Kindheitspädagogin und sozialpädagogisch ausgebildete UBUS (Unterrichtsbegleitende Unterstützung durch Sozialpädagogin)-Fachkraft an der Grundschule Köppern im Hochtaunuskreis nördlich von Frankfurt, Schülerinnen und Schüler der dritten Klassen zu Streitlichterinnen und Streitschlichtern aus. „Gerade viele jüngere Schülerinnen und Schülern, die sozial-emotionale Kompetenzen erst noch erwerben müssen, können ihre Meinungsverschiedenheiten noch nicht konstruktiv lösen“, berichtet sie: „Oft fehlen ihnen einfach die richtigen Worte, um ihre Bedürfnisse zu äußern. Dann kommt es schnell zu verbalen oder auch körperlichen Auseinandersetzungen – und hin und wieder auch zu Verletzungen.“ Kommt es zu einem Streit, lösen die Streitschlichter diesen zusammen mit den Schülerinnen und Schüler in Eigenregie. Die meisten Konflikte entstehen in der Pause auf dem Schulhof. Oft gehe es dabei um alltägliche und vermeintlich banale Spielsituationen. „Die Kinder verabreden sich zum Beispiel fürs Spielen in der Pause und dann werden die Verabredungen nicht eingehalten, weil plötzlich ein anderes Kind kommt und sagt, ich will aber mit dir spielen“, erklärt Heike Hildebrand. „Dann fühlt sich ein Kind ausgeschlossen.“ In anderen Fällen gibt es Uneinigkeiten darüber, welches Spiel gespielt werden soll, oder wie die Spielregeln gestaltet sein sollen. Vor allem Jungs würden außerdem häufig ihre Kräfte und Fähigkeiten miteinander vergleichen. „Wenn man dann vielleicht nicht so gut abschneidet wie ein Mitschüler oder eine Mitschülerin, führt das zu Enttäuschung oder Frustration.“ Während manche Kinder ihre Impulse mit sieben oder acht Jahren schon sehr gut selbst regulieren können, fällt das anderen noch schwer. „Dann fallen Beschuldigungen oder Beleidigungen oder es kommt eben auch mal dazu, dass geschubst, geschlagen oder getreten wird.“
Konfliktlösung mit der Friedenstreppe
Die Ausbildung der Streitschlichter wird an der Grundschule Köppern als Arbeitsgemeinschaft (AG) für alle interessierten Drittklässler angeboten.
In der AG werden sie ein Schuljahr lang zu Mediatoren ausgebildet. „Wir treffen uns immer einmal in der Woche im Anschluss an den regulären Unterricht“, erklärt die Pädagogin. Zu Beginn der Ausbildung steht ein Sozialkompetenztraining.
Dabei lernen die zukünftigen Streitschlichter ein fünfstufige Mediationsmodell, die sogenannte „Friedensbrücke“ kennen, um später erfolgreiche Schlichtungsgespräche führen zu können. „Die erste Stufe dient dazu, die Regeln zu klären. Die zweite Stufe konzentriert sich darauf, den Sachverhalt aus beiden Perspektiven zu erzählen. In der dritten und vierten Stufe geht es um die Verständigung der Gefühle und Wünsche. Und auf der fünften Stufe wird versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden.“ Ein „Erzählstein“ hilft dabei, durch das Gespräch zu leiten und sorgt dafür, dass sich die Parteien gegenseitig zuhören und ausreden lassen. „Der Stein wandert immer vom Streitschlichter zu einem Streitenden. Wer den Stein hat, kann erzählen, was aus seiner Sicht passiert ist.“ Am Ende gehe es darum, dass sich beide Parteien auf eine Lösung einigen. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist die Schlichtungsstrategie der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. „Wir nennen das auch die Giraffensprache“, erklärt Hildebrand. „Hier geht es darum, seinem Gegenüber die eigenen Gefühle und Wünsche mitzuteilen. Zum Beispiel: ‚Was du gemacht hast, hat mich traurig gemacht. Ich möchte bitte, dass du damit aufhörst.‘“ Um Missverständnisse zu vermeiden, lernen die zukünftigen Streitschlichter unter anderem, gezielt Fragen zu stellen oder die verschiedenen Perspektiven noch einmal zusammenzufassen. Um sich später möglichst gut in die Gefühlslage der Streitenden hineinversetzen zu können, setzen sich die Streitschlichter während ihrer Ausbildung auch mit ihren eigenen Gefühlen und Gründen für diese Gefühle auseinander.
Führerschein und Urkunde
Im zweiten Halbjahr der Ausbildung geht es in die Praxis. „Hier laufen dann die Drittklässler, die noch in der Ausbildung stecken, zum ersten Mal als Beobachter mit den fertig ausgebildeten Streitschlichtern der vierten Klassen mit.“, erklärt die Pädagogin. „Dabei können sie sich schon einiges von ihnen abgucken.“ Ein paar Wochen später werden Teams mit je einem Streitschlichter aus der vierten Klasse und einem aus der dritten Klasse gebildet. Dann übernehmen die Drittklässler erstmals aktiv Aufgaben als Streitschlichter im Team, um im vierten Schuljahr bestmöglich auf ihre neue Aufgabe vorbereitet zu sein. Am Ende der Ausbildung absolvieren alle den „Streitschlichter-Führerschein“ und bekommen die lang ersehnte Urkunde, die ihnen erlaubt, in der vierten Klasse offiziell als Streitschlichter im Einsatz sein zu dürfen.
Heike Hildebrand, Kindheitspädagogin, UBUS-Fachkraft und Leiterin der Streitschlichter-AG an der Grundschule Köppern
Privat
Schüler sprechen dieselbe Sprache
Die ausgebildeten Streitschlichter treffen sich als Viertklässler alle zwei Wochen mit Heike Hildebrand zum „Mediatoren-Meeting“. Ihr ist es wichtig, sie auch nach der Ausbildung in ihrer neuen Aufgabe zu begleiten. Für Heike Hildebrand sind die Streitschlichter an der Grundschule Köppern nicht mehr wegzudenken. Seitdem die Schule das Konzept umsetzt, gibt es deutlich weniger Konflikte in den Pausen. „Bei unseren Treffen berichten mir die Streitschlichter manchmal, dass ihnen sogar öfter langweilig ist, weil so wenig passiert. Ich hingegen freue mich darüber und antworte: Seht es als Kompliment für den guten Job, den ihr macht!“
KF (Stand 30.05.2025)


