Die Gründung von Familienlandsitzen ist Ziel der Anastasia-Bewegung
Die Gründung von Familienlandsitzen ist Ziel der Anastasia-Bewegung

Braune Ideologie auf grünem Grund

Die Anastasia-Bewegung in Deutschland

Sie propagieren ein Leben abseits der Gesellschaft inmitten der Natur. Ihr vermeintliches Ziel: sich als Selbstversorger aufs Land zurückzuziehen und dort frei und unabhängig zu leben. Doch die so genannte „Anastasia-Bewegung“ ist nicht so harmlos, wie sie sich auf den ersten Blick gibt. Denn unter dem Deckmantel einer esoterischen Natur-Romantik werden verschwörungstheoretische, rechtsextremistische und antisemitische Ideologien verbreitet. Dr. Matthias Pöhlmann ist der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er erklärt, wie die Anastasia-Bewegung einzuschätzen ist.

Familienlandsitze als Allheilmittel

Die Anastasia-Bewegung stützt sich auf eine zehnbändige Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre. In diesen Büchern schildert Megre die Begegnung mit einer jungen Frau aus der russischen Taiga namens Anastasia, die allein in der Natur lebt. Er beschreibt ihre übersinnlichen Fähigkeiten, sie ist etwa allwissend, kann heilen, mit Tieren kommunizieren und alle Sprachen sprechen. Außerdem offenbart sie ihm die vermeintlich wahren Hintergründe des Weltgeschehens. Die Grundidee, die dabei unter anderem vermittelt wird: Jede Familie soll auf einem eigenen Familienlandsitz leben und sich dort selbst versorgen, um „Reinheit“ zu erlangen. Basierend auf dieser Ideologie hat sich in den 1990er Jahren die Anastasia-Bewegung in Russland formiert – seit einigen Jahren versuchen die Anhänger auch in Deutschland Fuß zu fassen. „Das Problematische ist, dass die Bücher neben der Natur-Romantik auch eindeutig rechtsextremistische und antisemitische Vorstellungen enthalten. Die Anhänger sprechen etwa von der Überlegenheit der slawischen Rasse. Demokratie wird zudem als „Dämonkratie“ bezeichnet“, erklärt Dr. Matthias Pöhlmann.

Dr. Matthias Pöhlmann

Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, © ELKB McKee

Verschwörungstheorien als Grundsatz

Die Bücher geben zudem Verschwörungstheorien viel Raum: Die Welt würde beherrscht von jüdischen Priestern, die alles dafür tun, um die Gesellschaft unwissend zu halten. Dazu bedienten sie sich auch der modernen Medien. „Die Anastasia-Bewegung bietet mit ihren Theorien für viele Personen Anknüpfungspunkte – etwa für Reichsbürger, die Identitäre Bewegung oder auch Holocaust-Leugner. Es scheint für jeden etwas dabei zu sein. Und das macht die Gruppe so gefährlich“, betont Pöhlmann. Dass die Anhänger der Bewegung alles andere als harmlos sind, zeigte auch die zweijährige Undercover-Recherche zweier Reporter der rbb-Sendung „Kontraste“: Nach außen geben sich die Anhänger als harmlose Öko-Aussteiger, als naturliebende Siedler, die Singabende und Volksfeste veranstalten. Sind sie aber unter sich, zeigen sie ein anderes Gesicht: rassistisch, antisemitisch und homophob. Verdeckte Aufnahmen zeigen etwa einen der Anhänger in einem Tagungshaus eines bekannten Reichsbürgers in Bayern. Er sagt: „Homosexualität zeigt, dass im Stamm was nicht stimmt, da gehört der Stamm korrigiert. Zuerst werden kranke Kinder geboren, dazu zähle ich auch Homosexuelle, und im zweiten Schritt werden keine Kinder mehr geboren.“

Radikalisierung möglich

In Deutschland versuchen sich Anhänger der Anastasia-Bewegung vor allem in ländlichen Gebieten in Ostdeutschland niederzulassen. Das Ziel ist, dort günstig Land aufzukaufen, Familienlandsitze und letztendlich auch Schulen zu gründen. Es wird geschätzt, dass es zwischen 600 und 800 Angehörige der Bewegung in Deutschland gibt. Pöhlmann: „Die Anastasia-Bewegung tritt nicht als einheitliche und geschlossene Bewegung auf. Daher sind Aussagen zu genauen Zahlen nicht einfach. Sie erscheinen zudem als unorganisiert. Das ist aber Teil der Strategie. Sie sind durchaus gut vernetzt, auch in die rechte Szene.“ Seiner Einschätzung nach darf man die Bewegung weder verharmlosen noch unterschätzen. „Die Mitglieder ziehen sich aus dem demokratischen Diskurs zurück und errichten eine Parallelwelt. Das kann möglicherweise zu einem Magneten für Menschen werden, die völlig frustriert und enttäuscht sind. Es könnte zu Radikalisierungsprozessen kommen, in dem Hass auch in Gewalt umschlagen könnte“, so Pöhlmann.

Anlaufstellen bei Fragen

Neben der Anastasia-Bewegung gibt es auch immer wieder andere Vereinigungen, die auf den ersten Blick schwer einzuschätzen sind. Ist man sich nicht sicher, wie eine Gruppe oder Institution einzuordnen ist, kann man sich beispielsweise an Beratungsstellen wenden, die sich mit den Themen Sekten, neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften oder Psychogruppen auskennen, wie etwa Sekteninfo NRW. Sie können bei der Einschätzung helfen. „Gerade mit Blick auf die moderne Esoterik beobachten wir, dass sie inzwischen gerne als trojanisches Pferd für rechtsextremes Denken dient. Auch, weil die Anhänger von der Gesellschaft und der Politik gerne belächelt werden und man sie nicht ernst nimmt. Das sollte man aber“, betont Pöhlmann. SBa (26.07.2019)

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