„Ich kann nicht mehr.“ Sich das einzugestehen, ist nicht leicht. Es dürfte insbesondere Männern und Frauen im Polizeidienst umso schwerer fallen, denn eigentlich sollen sie ja „Freund und Helfer“ sein. Nicht selten trifft das „Burn-out-Syndrom“ gerade solche Menschen, die engagiert und perfektionistisch arbeiten. Menschen in „Helfer-Berufen“ wie eben dem Polizeidienst sind besonders häufig von Burn-out betroffen. Wir haben mit Hagen Husgen, Erster Polizeihauptkommissar und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands der Gewerkschaft der Polizei, über die besonderen Arbeitsbelastungen gesprochen.
Herr Husgen, wie groß ist das Burn-out-Problem bei der Polizei?
Die Situation ist nicht gut. Sie hat sich in den letzten Jahren sogar immer weiter verschlimmert. Denn Polizeibeamte wollen gern arbeiten, aber sie arbeiten zu viel, zu lange und zu intensiv. Sie wollen helfen und alles richtig machen. Dabei stehen sie unter dem Druck von ihren Vorgesetzten und der Öffentlichkeit. Irgendwann macht es dann einfach „Peng“. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Der Burn-out ist zur klassischen Berufskrankheit für den Polizeidienst geworden.
Burn-out ist ja eigentlich kein klar definiertes Krankheitsbild. Aber wenn man sich unter den Kollegen umhört und Mitarbeiterbefragungen auswertet, wird klar, dass immer mehr Polizisten Burn-out-Symptome bei sich und ihren Kollegen feststellen. Die Hälfte der Polizisten sagen, dass die Belastungen im Dienst zu hoch sind. 25 bis 30 Prozent geben sogar an, dass sie sich „ausgebrannt“ fühlen. Betroffen sind alle Polizeien deutschlandweit, in allen Altersstufen und auf allen Ebenen, egal ob im Polizeivollzugsdienst, in der Verwaltung oder bei der Kriminalpolizei. Ich habe noch nie in meiner Tätigkeit als Personalrat so viele Überlastungsanzeigen erhalten wie im letzten Jahr. Das ist erschreckend und traurig zugleich.
Hagen Husgen, Erster Polizeihauptkommissar, Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand der GdP
GdP / Hagen Immel
Woran liegt das – sind denn die Herausforderungen an die Polizisten in den letzten Jahren so enorm gestiegen?
Es gibt viele verschiedene Gründe dafür, dass es so viele Burn-out-Fälle bei der Polizei gibt. Zum einen ist es die Arbeitsbelastung, die sich in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. Beispielsweise gibt es viel mehr Demonstrationen als früher. Dazu kommen die Herausforderungen wie die illegale Migration, der Terrorismus oder die vergangene Corona-Pandemie. Auch die ansteigende Gewalt gegen Polizeibeamte spielt eine Rolle. Das zu bewältigen, ist unheimlich schwer für unsere Kolleginnen und Kollegen.
Einerseits haben die Aufgaben quantitativ deutlich zugenommen und andererseits hält die Personalentwicklung mit diesem Zuwachs überhaupt nicht mit. Diese Personalknappheit wird dann schnell zu einem Teufelskreis. Zu wenige Mitarbeiter müssen zu viele Aufgaben erledigen. Darüber werden sie krank und die Arbeit muss neu auf andere Kollegen verteilt werden, die dann ebenfalls darüber krank werden und so weiter. Es gibt keine planbaren Freizeiten, keine Wochenenden mehr.
In der Bereitschaftspolizei in Sachsen gibt es zumindest auf dem Papier ein sogenanntes „Betonwochenende“, dass wenigstens die Bereitschaftspolizisten einmal im Monat frei haben müssen, damit sie sich überhaupt mal der Familie widmen können. Aber auch das klappt nicht immer. Die geringe Freizeit hat enorme negative Auswirkungen auf die Familien, auf die Beständigkeit von Beziehungen und auf das soziale Umfeld der Polizeimitarbeiter. Dabei wäre dieser Ausgleich enorm wichtig, denn die Arbeit ist auch inhaltlich extrem fordernd.
Schließlich müssen wir uns auch mit den Schattenseiten unserer Gesellschaft auseinandersetzen, etwa mit Kinder- und Jugendpornografie, mit Sexualstraftaten oder mit Gewaltexzessen, mit schweren Verkehrsunfällen, bei denen es Tote und Verletzte gibt. Dazu kommen Auseinandersetzungen verbaler oder körperlicher Art mit Bürgern, die der Polizei immer mehr misstrauen und sie als Ordnungsmacht nicht respektieren.
Ein weiterer Punkt sind Spannungen innerhalb der Polizei, etwa wenn die Führungskompetenz eines Vorgesetzten angezweifelt wird oder man sich bei Beurteilungen benachteiligt fühlt. Es gibt also viele Gründe, die Polizeibeamte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führen. Da gibt es auch keine Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Polizeibeamten.
Die Burn-out-Symptome
Betroffene fühlen sich emotional erschöpft, kraft- und antriebslos, sie sind müde, gereizt und reagieren oft gleichgültig oder zynisch. Geprägt wurde der Begriff „Burn out“ in den 1970er Jahren von Herbert Freudenberger. Der 1999 verstorbene Psychoanalytiker bezeichnete damit eine Erschöpfung, die durch Überforderungen entsteht und dem Betroffenen Energie, Bewältigungsmechanismen und innere Kraft raubt. Burn-out entsteht vor allem nach akuten Überlastungsphasen. Wer das Burn-out-Syndrom hat, leidet zudem oft unter dem Gefühl, trotz Überlastung nicht genug zu erreichen.
Burn-out ist keine eigenständige Krankheit. Es wird in der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ als „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ beschrieben, im großen Zusammenhang bei „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“.
Wie kann die Polizei als Institution gegensteuern?
Statistisch gesehen liegen die psychischen Erkrankungen inzwischen auf Platz drei der Krankheitsursachen bei Polizeibeamten, nach den Skelett- und Atemwegserkrankungen. Natürlich gibt es auch eine Reihe von Angeboten. Es gibt Handlungsempfehlungen, Polizeipsychologen und Seelsorger. Dazu kommen – wie bei uns in Sachsen – dezentrale Beratungsteams. Dann gibt es noch die Einsatz- und Nachsorgeteams, die nach belastenden Einsätzen für die Kolleginnen oder Kollegen zur Verfügung stehen. Doch Angebote allein reichen nicht aus, denn das Thema Burn-out wird von vielen tabuisiert. Die Betroffenen gestehen sich nicht ein, dass sie überfordert und ausgebrannt sind, dass sie Hilfe bräuchten. Häufig wird die Überforderung auch als Schwäche und eigenes Versagen gedeutet. Es fällt daher schwer, sich gegenüber Kollegen oder Vorgesetzten im Gespräch zu outen. Dabei ist die Früherkennung besonders wichtig. Hier kann man noch gegensteuern, in dem man etwa die Arbeitszeiten oder -aufgaben verändert, um die Belastungen zu verringern. Denn wenn sich die Burn-out-Symptome zu echten psychischen Erkrankungen entwickeln, führt das oft zu monatelangen Ausfällen der Mitarbeiter, was wiederum den Druck auf die übrigen erhöht.
Burn-out-Phasen:
- Drang nach Anerkennung und übertriebener Ehrgeiz
- Übertriebene Leistungsbereitschaft
- Ausblenden der eigenen Bedürfnisse
- Ausblenden von Warnsignalen und Überforderung
- Verzerrte Wahrnehmung der Realität
- Ausblenden von ersten Beschwerden
- Rückzugsphase
- Beratungsresistenz
- Entfremdung
- Innere Leere/Angst/Panikattacken
- Auftretende Depressionen
- Totale Erschöpfung
(nach Dr. Vinzenz Mansmann)
Was muss sich im Polizeidienst aus Sicht der GdP verbessern?
Unsere Hauptforderung seit Jahren ist, dass wir mehr Personal brauchen. Mit den Aufgaben muss auch der Personalbestand wachsen. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, werden mit dem wachsenden Arbeitsdruck immer mehr Kolleginnen und Kollegen psychisch erkranken. Doch das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich wird in Zeiten knapper Kassen darüber nachgedacht, wo Personal eingespart werden kann. Der zweite Punkt ist, dass wir die Vorgesetzten für das Thema Burn-out sensibilisieren. Dass die Führungsebenen so geschult werden, dass sie das Thema ernst nehmen und ihre Führungskultur dahingehend entsprechend ausrichten. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie wichtig die Ruhe- und Freizeiten für die Polizeibeamten sind. Das ein intaktes Privat- und Familienleben die Voraussetzung für eine gute Leistungsfähigkeit im Beruf sind. Es muss viel stärker Rücksicht auf die private Lebenssituation des Einzelnen genommen werden, etwa wenn Angehörige zu pflegen sind. Und natürlich müssen die Voraussetzungen für ein modernes Arbeiten geschaffen werden. Dazu gehört, dass die Ausrüstung und die Ausstattung, etwa in Hinblick auf die Digitalisierung, auf dem neuesten Stand sind.
TE (26.09.2025)



