Ob Callcenter-Betrug, falsche Handwerker oder angebliche Sparkassenmitarbeiter: Die Palette der Trickbetrüger und Trickdiebe ist groß; ihre Rollen und Methoden sind der Polizei seit langem bekannt. Trotzdem gelingt es den Tätern mit einer Mischung aus schauspielerischem Talent, Unverfrorenheit und Beharrlichkeit, vor allem ältere Menschen um Bargeld und Schmuck zu bringen. Dank der Hilfe von Bankangestellten und potenzieller Opfer, die Verdacht schöpfen, schafft es die Polizei jedoch immer wieder, Täter dingfest zu machen – beispielsweise in Hamburg.
Diederich Bienasch ist Sachgebietsleiter für phänomenbezogene Vermögensdelikte (LKA 431) der Hamburger Polizei. Hier werden alle eingehenden Anzeigen von Trickdiebstahl und Trickbetrug bearbeitet, die bei den Hamburgerinnen und Hamburgern zu Hause geschehen. Er weiß, welche Methoden heute in einer Großstadt beim Trickbetrug angewendet werden. Es gibt drei verschiedene Ansätze: das Vortäuschen einer Notlage, das Vortäuschen einer offiziellen Funktion und das Vortäuschen einer Verwandtschaftsbeziehung zum Opfer. Beim Trickbetrug beginnt in der Regel alles mit einem Anruf. „Mit Abstand am häufigsten treffen Bürgerinnen und Bürger auf die sogenannte Callcenter-Mafia“, weiß Bienasch. Bei dieser Masche tarnen sich gut organisierte und hochprofessionelle Betrüger als Lotterieveranstalter, Polizisten sowie Rechts- oder Staatsanwälte. Die Täter telefonieren sich aus türkischen Callcentern quer durch Deutschland und tischen ihren Opfern Lügengeschichten auf – immer mit dem Ziel, möglichst hohe Summen an Bargeld zu ergattern. Eine andere Betrugsvariante ist der Schockanruf. Hier gaukeln die Täter eine akute Notlage eines Familienmitglieds vor, wie etwa einen schweren Verkehrsunfall oder einen anderen tragischen Vorfall. Die geforderte Geldsumme werde etwa für eine angeblich dringend erforderliche Behandlung oder Operation benötigt. Diederich Bienasch: „In allen genannten Fällen werden grundsätzlich vorwiegend ältere Bürgerinnen und Bürger zum Opfer – Männer wie Frauen gleichermaßen. Die Täter suchen sich aus dem Telefonbuch gezielt älter klingende Vornamen aus und telefonieren diese anschließend wahllos ab. Auch wenn nur rund ein Prozent der Versuche zum Erfolg führt und 99 Prozent der Taten im Versuchsstadium steckenbleiben, ist diese Vorgehensweise für die Täter dennoch lukrativ. Die meisten vollendeten Taten haben wir bei Menschen, die älter als 70 Jahre sind.“
So funktioniert der Callcenter-Trick
Die Organisatoren des Callcenter-Betrugs agieren in der Regel von der Türkei aus. In eigens dafür angemieteten Räumen führen mehrere gut geschulte Callcenter-Agenten parallel pro Tag zahlreiche Telefonate. Um das Ganze zu optimieren, wird dazu häufig eine professionelle Software eingesetzt, die sich automatisch durch Excel-Tabellen oder Datenbanken telefoniert. Eine solche Software kann bis zu 500 Anrufe am Tag leisten. Wird am anderen Ende der Leitung dann der Hörer abgenommen, übernimmt ein freier Callcenter-Agent das Gespräch. Die häufigste Masche ist, die Leute zu überrumpeln und ihre Arglosigkeit auszunutzen. Dem Angerufenen wird vorgegaukelt, er hätte etwas gewonnen – zum Beispiel ein teures Auto. Die Profi-Telefonisten schwärmen von dem vermeintlichen Gewinn und reden auf ihre überforderten und von dem Anruf völlig überraschten Opfer ein, so dass diesen kaum Zeit zum Nachdenken bleibt. Am Ende des Gesprächs soll das Opfer häufig eine geringfügige Summe um die 100 Euro bezahlen, bevor es seinen vermeintlichen Gewinn in Empfang nehmen kann – angeblich für Verwaltungs-, Überführungs- oder Zollgebühren.
Manipulieren und Druck aufbauen
Damit endet der Betrug jedoch meist nicht. Hat der Angerufene tatsächlich die geforderte Summe überwiesen, folgen weitere Anrufe, bei denen die Betrüger in unterschiedliche Rollen schlüpfen können. Hat man sich einmal auf die Betrüger eingelassen, ist es schwer, aus der Sache wieder herauszukommen. Die Beträge, die gezahlt werden sollen, erhöhen sich dabei mit jedem Anruf. Wenn das Opfer merkt, dass etwas schiefläuft und aussteigen will, wird gedroht: Man hätte sich strafbar gemacht, indem man an einem Glücksspiel teilgenommen hätte oder man hätte mit dem gezahlten Geld in der Türkei eine Straftat finanziert. Die Anrufer geben sich dabei als Polizei, Staatsanwalt oder Richter aus, die gegen den Angerufenen ermitteln. Nicht selten werden im Endstadium des Betrugs vierstellige Summen verlangt.
Falsche WhatsApp-Nachrichten
Neu hinzugekommen ist der WhatsApp-Betrug: Mit diesem Trick wenden sich Betrüger nicht gezielt an ältere Menschen, sondern sie haben alle Personen im Visier, deren nahe Angehörige in einem Alter sind, in dem sie Online-Banking nutzen. Die Opfer erhalten eine WhatsApp-Nachricht oder eine SMS von einer unbekannten Nummer. Der Absender gibt vor, der Sohn oder die Tochter des Opfers zu sein. Sein bzw. ihr altes Handy sei leider defekt, schreiben sie. Online-Banking und eine normale telefonische Kommunikation seien mit dem neuen Handy noch nicht möglich. Dann folgt der Hinweis, dass noch dringend Rechnungen zu überweisen wären. Mama oder Papa sollten bitte diese Überweisung übernehmen. Sind die Opfer damit einverstanden, erfolgt sogleich die Übersendung einer Kontoverbindung zwecks (Echtzeit-)Überweisung.
Jeder Vorwand ist recht, um in die Wohnung zu gelangen
Beim Trickdiebstahl an der Haustür ist es stets das Ziel der Täter, in die Wohnung ihrer Opfer einzudringen, um dort unmittelbar an Geld, Schmuck oder andere Wertsachen zu gelangen. Dabei geben sie sich zum Beispiel als Mitarbeiter des Wasserwerks, als Sparkassenmitarbeiter oder als Polizeibeamte in Zivil aus, weiß Diederich Bienasch. Sie behaupten beispielsweise, es sei im Haus eingebrochen worden und man müsse kontrollieren, ob etwas in der Wohnung fehle. Der Täter lässt sich daraufhin die Geldverstecke zeigen und schickt das Opfer unter einem Vorwand in ein anderes Zimmer. Dann nimmt er das Geld an sich und verschwindet oder er sagt, es handele sich um Falschgeld, das mitgenommen und überprüft werden muss. Eine andere Methode beginnt mit dem gezielten Ausspähen von älteren Menschen, die beispielsweise gerade vom Einkauf kommen: „Trickdiebe nehmen häufig am Supermarkt Kontakt mit ihren Opfern auf und begleiten diese nach Hause“, so Bienasch. Anders als beim Trickbetrug per Telefon seien beim Trickdiebstahl an der Haustür vermehrt ältere Frauen betroffen. Der Grund: Seniorinnen leben häufiger als Senioren alleine –und das oftmals vereinsamt. Außerdem sind sie unter der Woche tagsüber oft zu Hause. „Kommt dann noch eine leichte Sehbehinderung oder Schwerhörigkeit hinzu, sind sie für die Trickdiebe willkommene Beute, da sie ihnen in der Wohnung nicht mehr so schnell folgen können.“
Erfolgreiche Fahndungsarbeit
Trickbetrüger können nur gefasst werden, wenn die Polizei über deren Vorgehen informiert ist und weiß, wann und wo sie unterwegs sind. Deswegen appelliert Diederich Bienasch an die Opfer, auch alle versuchten Fälle von Trickbetrug und Trickdiebstahl anzuzeigen. Hier sei die Dunkelziffer sehr hoch. In Hamburg besteht für die Trickbetrüger ein vergleichsweise großes Risiko, gefasst zu werden: „Wir haben hier eine eigene Fahndungseinheit für Trickbetrug. Wenn wir von den Banken oder unserer Einsatzzentrale über einen Verdachtsfall informiert werden, schicken wir unsere Fahnder direkt zum Opfer oder zur Bank. Wenn es für eine weitere Zusammenarbeit bereit ist, begleiten wir es dann nachhause. Im besten Fall meldet sich der Täter dort erneut telefonisch, während unsere Fahnder danebenstehen und das Opfer durch das Gespräch leiten. Im Anschluss bleiben die Beamten so lange vor Ort, bis ein Abholer oder eine Abholerin kommt, das Geld entgegennimmt und eine erfolgreiche Festnahme erfolgen kann“. Um Trickdiebe auf frischer Tat zu ertappen, sind die Fahnder der Hamburger Polizei außerdem täglich im Stadtgebiet unterwegs.
Was kann ich selbst tun?
Auch wenn überraschende Besucher an der Haus- oder Wohnungstüre sagen, sie kämen von einem Ihrer Angehörigen und zum Beispiel den Namen Ihres Enkels kennen: Seien Sie bei aller Hilfsbereitschaft stets vorsichtig! Fragen Sie sich immer als erstes: Kann das wirklich so sein? „Wer unsicher ist, sollte Nachbarn oder einen Bekannten hinzuzuziehen und den Besucher auf einen späteren Termin vertrösten“, rät Bienasch. Wichtig sei außerdem, die Wohnungstür selbst wieder zu verschließen, wenn die Person bereits nach drinnen gelangt ist. Spätestens dann sollte man den potenziellen Täter nicht aus den Augen lassen und sich möglichst nicht ablenken lassen. „Bei potenziellen Betrügern am Telefon kann es im Zweifel hilfreich sein, zwischendurch einfach einmal aufzulegen. Wenn ein seriöser Anrufer wirklich etwas möchte, ruft er in der Regel ein zweites Mal an.“ Im Falle falscher Polizisten sollte man sich bewusst machen, dass echte Polizeibeamte weder Vermögenswerte noch Geldverstecke abfragen – und auch niemals darum bitten würden, in angeblichen Ermittlungsverfahren mitzuwirken oder Schließfächer leerzuräumen.
Weitere Verhaltenstipps hat das Kommissariat Vorbeugung der Polizei Münster mustergültig zusammengestellt:
- Vergewissern Sie sich vor dem Öffnen der Tür, wer zu Ihnen will: Schauen Sie zuvor durch den Türspion oder aus dem Fenster. Benutzen Sie die Türsprechanlage.
- Öffnen Sie Ihre Tür immer nur mit vorgelegter Türsperre (z. B. Kastenschloss mit Sperrbügel).
- Lassen Sie niemals Fremde in Ihre Wohnung.
- Versuchen Sie, bei unbekannten Besuchern einen Nachbarn hinzu zu bitten oder bestellen Sie den Besucher zu einem späteren Termin, wenn eine Vertrauensperson anwesend ist.
- Nehmen Sie für Ihre Nachbarn nur Lieferungen entgegen, die Ihnen angekündigt wurden.
- Bieten Sie bei einer angeblichen Notlage an, selbst nach Hilfe zu telefonieren oder das Gewünschte (Schreibzeug, Glas Wasser) hinauszureichen. Lassen Sie dabei stets Ihre Tür durch eine Türsperre gesichert.
- Lassen Sie nur Handwerker rein, die Sie selbst bestellt haben oder die von der Hausverwaltung angekündigt wurden.
- Fordern Sie von angeblichen Amtspersonen einen Dienstausweis, prüfen Sie ihn sorgfältig (Druck? Foto? Stempel?) bei gutem Licht. Rufen Sie im Zweifel bei der Behörde an, von der die angebliche Amtsperson kommt. Lassen Sie währenddessen Ihre Tür versperrt. Suchen Sie die Telefonnummer der Behörde selbst heraus.
WL (30.08.2024)



