Ob das Aushalten von Beschimpfungen, der Anblick von Tod oder schlimmen Verletzungen bis hin zum „Dauerbeschuss“ verbaler Art in den sozialen Medien: Polizeibeamtinnen und -beamte sind in ihrem Berufsalltag in besonderem Maße psychischen Belastungen und sozialem Druck ausgesetzt. Auf der anderen Seite fehlen ihnen im Dienstalltag die Gelegenheiten, sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen über schwierige Erlebnisse auszutauschen. Das Projekt „Alltagsreflexionen“ schafft durch offene und vertrauenswürdige Gespräche eine Möglichkeit, die besonderen Herausforderungen des Polizeialltags zu reflektieren.
Resilienz fördern
Die Realität des polizeilichen Berufsalltags ist hart: Die Konfrontation mit Gewalt, Tod, Trauer und Lebensgefahr kann Menschen, die diesen Beruf täglich ausüben, über viele Jahre hinweg negativ verändern. Häufig sind sie in ihrer Rolle als Vertreter der Staatsmacht außerdem gezwungen, ad hoc Entscheidungen zu treffen, die sie persönlich verantworten müssen. Das Projekt „Alltagsreflexion“ stellt Polizeibeamtinnen und -beamte deshalb vor die Frage: Wie nah gehen uns die unterschiedlichen Einsätze im Berufsalltag? Wie verändern uns Einsätze, die interkulturell geprägt sind? Wie voreingenommen sind wir und wie gehen wir damit um? In Form von Teamsupervisionen wurde das Projekt in zwei Pilotphasen 2021 und 2022 in 13 Polizeibehörden sowie dem Landeskriminalamt in NRW getestet. In den bis zu vierstündigen Dienstgruppen-Workshops ging es um den Umgang mit Belastungen im Polizeialltag, aber auch um die Stärkung der demokratischen Resilienz und der eigenen Handlungs- und Entscheidungskompetenzen. In einer geschützten Atmosphäre sollte sich jeder leichter fragen können: Warum habe ich so oder so gehandelt? Wieso denke ich in bestimmte Richtungen und was kann ich möglicherweise verändern?
Polizisten sind auch nur Menschen
Polizeikommissarin Hülya Duran, die das Projekt von Beginn an begleitet hat, arbeitet selbst im Wach- und Wechseldienst. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend die vielen unterschiedlichen Extremsituationen im Polizeialltag sein können: „Herausragende Einsätze wie tödliche Verkehrsunfälle, aber auch ganz ‚gewöhnliche‘ Einsätze wie Schlägereien, können, gerade wenn man noch neu im Polizeidienst ist, sehr extrem auf einen wirken – vor allem, wenn man in dem Moment niemanden hat, mit dem man darüber sprechen kann.“ Viele würden Gespräche insbesondere mit ihren Vorgesetzen scheuen, um nicht den Eindruck zu erwecken, zu schwach oder labil für den Beruf zu sein. „Wenn solche Erlebnisse über viele Jahre hinweg hinuntergeschluckt werden, kann es passieren, dass man irgendwann nur noch wie ein Roboter agiert. Und für den ein oder anderen endet das in einer Depression oder in einem Burnout.“ Hülya Duran war geschockt, dass viele Dinge, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie regelmäßig innerhalb einer Dienstgruppe besprochen werden, erst im Rahmen des Projekts „Alltagsreflexion“ erstmals gemeinsam thematisiert wurden. Sie selbst habe in ihrer Anfangszeit als Polizeibeamtin bewusst den Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen gesucht – und festgestellt, dass sie nicht die Einzige ist, die emotional reagiert, wenn sie gerade einen tödlichen Verkehrsunfall miterlebt hat: „Ich habe gemerkt, es ist überhaupt nicht schlimm, mit jemandem darüber zu sprechen. Wir sind schließlich auch nur Menschen, und wir müssen und dürfen Emotionen zeigen.“

Polizeikommissarin Hülya Duran
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Das eigene Verhalten überdenken
Ursprünglich ist das Projekt „Alltagsreflexion“ aus einem interdisziplinären Workshop an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW) entstanden und wurde anschließend im Zusammenhang mit der Stabsstelle „Rechtsextremistische Tendenzen in der Polizei NRW“ vom Innenministerium NRW übernommen. Minister Herbert Reul beauftragte 2021 die Polizeiabteilung des Ministeriums, ein entsprechendes Format in mehre-
ren Polizeibehörden zu erproben – darunter in Dortmund, Duisburg, Köln, Mönchengladbach und Wuppertal. Hülya Duran hat das Projekt gemeinsam mit Landespolizeipfarrer Stephan Draheim in Münster umgesetzt. „Aus der psychotraumatologischen Sicht ist mir im Laufe meiner Berufslaufbahn immer wieder aufgefallen, dass junge Beamtinnen und -beamte, die frisch zur Polizei kommen, in der Regel aus einem gut behüteten Elternhaus stammen und größtenteils keinerlei aktive oder passive Gewalterfahrungen gemacht haben“, berichtet der Polizeiseelsorger. „Wenn diese jungen Menschen dann von null auf hundert mit dem Gesicht in der Realität aufschlagen und keine Möglichkeit haben, das Erlebte reflektieren, verändert sie das auf Dauer in ihrer Wahrnehmung, ihrer Haltung und in ihrem Verhalten.“ Türmen sich Belastungen im Laufe der Jahre aufeinander auf, ohne verarbeitet zu werden, seien dienstältere Beamtinnen und Beamte von jetzt auf gleich nicht mehr in der Lage, zu funktionieren – weil ein kleiner Triggerpunkt eine ganze Kettenreaktion ausgelöst hat und Einsätze, die 25 oder 30 Jahre her sind, wieder hochkommen. Aus diesem Grund sei es wichtig, das eigene Verhalten regelmäßig zu überdenken und sich zu fragen: Was geht eigentlich in meinem Kopf vor? Kann ich mich noch mit den Werten der Polizei identifizieren? Wie reagiere ich auf Menschen, die anders sind – und wieviel interkulturelle Kompetenz habe ich überhaupt (noch)? „Das Unterstützungsinstrument ‚Alltagsreflexion‘ schafft einen Raum, in dem jede und jeder seine persönlichen Erfahrungen reflektieren kann, ohne Angst haben zu müssen, dafür beschämt zu werden“, so Stephan Draheim. „Es dürfen zu keinem Zeitpunkt Vorverurteilungen oder Verdächtigungen entstehen.“

Landespolizeipfarrer Stephan Draheim
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Führungskräfte tragen Verantwortung
Hülya Duran und Stephan Draheim ist es im Rahmen des Projekts ein großes Anliegen, dass sich insbesondere Führungskräfte, darunter Dienstgruppenleiter und Zugführer, ihrer Fürsorgepflicht ihren Kolleginnen und Kollegen gegenüber bewusst sind. „Das Funktionieren einer Gruppe steht und fällt immer mit dem beziehungsweise der Vorgesetzten“, so Duran. „Wenn diese Person nicht richtig reagiert und agiert, spiegelt sich das irgendwann in einer jungen Dienstgruppe wider.“ Die Pilotphase des Projekts ist mittlerweile abgeschlossen: 2022 wurden insgesamt 20 neue Fachstellen für den neuen Arbeitsbereich „Alltagsreflexion“ in NRW geschaffen – 2023 kommen eventuell weitere 20 Stellen dazu. Das Team aus psychosozialen Fachkräften wird an die regionalen Trainingszentren der Polizei NRW angebunden und soll die Alltagsreflexion gemeinsam mit der Polizeiseelsorge zu einem fest installierten Baustein der Stärkung und Weiterbildung von Polizeibeamtinnen und -beamten ausbauen. Auf diesem Weg kann die Alltagsreflexion in Zukunft eine wertvolle Stütze für mehr Selbstfürsorge und Gesundheit der einzelnen Polizistinnen und Polizisten werden. KF (Stand 24.02.2023)


