Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren verunglücken im Straßenverkehr besonders häufig; bei keiner anderen Altersklasse ist das Risiko eines Verkehrsunfalls höher. Oft spielen dabei Alkohol- und Drogenkonsum, Selbstüberschätzung oder eine riskante Fahrweise eine Rolle. Um Jugendliche frühzeitig für die oft schwerwiegenden Folgen eines solchen Unfalls zu sensibilisieren, bietet die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e. V. seit dem Jahr 2012 das Unfallpräventionsprogramm „P.A.R.T.Y.“ für Schulklassen an. Über das Projekt spricht PolizeiDeinPartner.de mit dem Unfallchirurgen Dr. Christopher Spering von der Universitätsmedizin Göttingen. Dort wird „P.A.R.T.Y.“ seit vielen Jahren durchgeführt.
In diesem Text erfahren Sie:
Dr. Spering, können Sie kurz das Präventionsprogramm „P.A.R.T.Y.“ beschreiben? Was ist der Kern des Programms und an wen wendet es sich?
„P.A.R.T.Y.“ steht für Prevent Alcohol and Risk-Related Trauma in Youth. Die Idee dahinter ist, Jugendliche ohne erhobenen Zeigefinger für die Gefahren des Alkoholkonsums sowie überhöhter Risikobereitschaft im Straßenverkehr zu sensibilisieren. Dabei wollen wir erfahrbar machen, wie durch Alkohol Gefahrensituationen im Straßenverkehr entstehen und welche Auswirkungen sie haben können. Das machen wir aber nicht, indem wir den Jugendlichen Schock-Videos zeigen, sondern indem wir den Weg eines Schwerverletzten – etwa eines Unfallopfers – in einer Klinik nachverfolgen und damit erlebbar machen. Konkret heißt das, die an dem „P.A.R.T.Y.“-Projekt teilnehmenden Kliniken laden die Jugendlichen zu sich ein, damit diese dort die Situation von Schwerverletzten anschaulich vermittelt bekommen. Meist beginnt so ein Tag mit einem Vortrag, häufig auch gemeinsam mit einer Polizeikraft. Bei uns in Göttingen geht es dann anschließend zu einem Rettungshubschrauber, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie eng es dort ist; gleichzeitig aber auch, wie lebensrettend es sein kann, wenn er die Unfallstelle erreicht. Anschließend geht es weiter zur Berufsfeuerwehr. Hier lernen die Jugendlichen etwa das Innere eines Rettungswagens kennen und wie es sich anfühlt, dort auf einer Krankentrage zu liegen. Zurück im Krankenhaus steht der Schockraum in der Notaufnahme auf dem Programm. Hier findet die Erstversorgung von lebensbedrohlich verletzten Patienten statt. Auch der Intensivstation statten wir einen Besuch ab. Natürlich nur in Bereichen ohne Patienten, um deren Privatsphäre nicht zu verletzen. Im Abschlussplenum lernen die Jugendlichen einen ehemaligen Patienten kennen, der als Opfer eines Unfalls, diese ganzen Stationen durchlaufen und sich ins Leben zurückgekämpft hat. Dieser Kontakt zu einem echten Unfallopfer ist ganz wichtig. Es soll deutlich werden, dass es oft nur eine Millisekunde ist, die darüber entscheidet, ob du überlebst, ob du schwer verletzt bist oder ob gar nichts passiert. Und dass es häufig nur eine Unaufmerksamkeit oder eine zu hohe Risikobereitschaft ist, die dazu führen kann, dass sich das eigene Leben für immer ändert, beispielsweise durch den Verlust von Extremitäten oder durch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, das einen sehr stark eingeschränkt. Die Kernbotschaft soll am Ende sein: Trefft clevere Entscheidungen. Es geht also nicht darum, keine Risiken mehr einzugehen, sich in eine Vitrine einzusperren und sein Leben nicht mehr zu leben. Vielmehr sollte immer eine bewusste Risikoabwägung erfolgen, bevor man handelt. Denn manchmal können die Risiken auch verheerende Folgen haben.
Wie reagieren die Jugendlichen?
Wir erfahren zum Teil sehr ausgeprägte Betroffenheiten. Das finde ich immer wieder beeindruckend, obwohl wir gar nicht schockieren und das auch gar nicht wollen. Manchmal sind das für uns fast belanglose Dinge, die die Jugendlich stark beschäftigen. Zum Beispiel das Ankommen im Schockraum. All diese Geräte zu sehen und sich vorzustellen, man läge hier selbst mit starken Schmerzen. Ich glaube, dass da bei den Jugendlichen ganz viele Assoziationen ablaufen. Sie merken plötzlich, was da alles dranhängt und wie es dann weitergeht. Das war denen vorher nicht so bewusst. Mich beeindrucken vor allem auch die Reaktionen bei den Gesprächen mit einem Betroffenen, einem ehemaligen Schwerverletzten. Da merkt man, wie sehr diese jungen Menschen dann ins Grübeln kommen. Ihnen wird klar, dass sie vielleicht selbst schon unüberlegt Risiken eingegangen sind und die möglichen Folgen nicht bedacht haben. Ein häufig erzähltes Beispiel ist etwa, dass man nach einem Disco-Besuch sich von jemandem, der alkoholisiert war, nach Hause hat fahren lassen. Oder dass man vielleicht sogar selbst gefahren ist, obwohl man Alkohol getrunken hat. Dabei wäre das ein leicht vermeidbares Risiko. Oder der Klassiker: aufs Handy schauen beim Autofahren. Kaum jemand macht das nicht. Wir berechnen dann gemeinsam den Blindflug, den man zurücklegt. Wir haben ein Überwachungsvideos von einem Tunnel in der Nähe von Göttingen. Dort sieht man, wie jemand ganz langsam in den Gegenverkehr reinfährt. Bei den Schock-Videos aus dem Internet sieht man, wie sowas passiert, aber man sieht nicht, was danach passiert. Und wir wollen erlebbar machen, wie es dann mit den Menschen tatsächlich weitergeht. Wir machen das Risiko und die Verletzungsfolgen erlebbar. Genau das ist Ziel des „P.A.R.T.Y.“-Projekts. Wir versuchen eine Verknüpfung herzustellen zwischen dem eigenen Lebensstil der Jugendlichen, ihrem Freizeitverhalten und den Konsequenzen, die das unter Umständen haben kann. Wir zeigen einfach mal ganz ungeschminkt die Realität. Dabei müssen wir nicht irgendwelche Geräusche mit einspielen oder mit schreienden Farben arbeiten. Es reicht, die Assoziationskraft des eigenen Gehirns zu aktivieren.
Die Jugendlichen können ja bestimmte Sachen ausprobieren, um so mögliche Unfallfolgen hautnah zu erleben. Können Sie dafür Beispiele nennen?
Wir binden zum Beispiel einen Arm zur Seite weg, um erfahrbar zu machen, was der Verlust eines Körperteils im Alltag für konkrete Auswirkungen hat. Dann gibt es die Möglichkeit, dass die Jugendlichen sich nur im Rollstuhl durch die Gegend bewegen dürfen. Hier merken sie, dass es selbst in einer barrierefreien Klinik eine echte Herausforderung ist.
Wie soll das Programm perspektivisch weiterentwickelt werden?
Natürlich beschäftigen wir uns auch mit Digitalisierung und diskutieren darüber, wie man eben Dinge noch erlebbarer machen kann. Ich glaube, das Wichtigste bei diesem Programm ist, dass wir uns wirklich auf das analoge Gefühl berufen, wie fragil man selber ist. Technik kann dazu dienen, die Inhalte, die wir vermitteln wollen, für die Jugendlichen noch eindringlicher erfahrbar zu machen. Ein Weg ist dabei zum Beispiel Augmented Reality. Aktuell testen wir 3D-Brillen, mit denen die Jugendlichen verschiedene Situationen noch realistischer erleben können. Sie sollen es quasi spüren, als ob sie beispielsweise in einem Rettungswagen auf der Trage liegen. Das könnte noch einmal eine andere Dimension eröffnen. Aber am Ende wird immer das Gleiche im Fokus bleiben: Ich möchte die Menschen sensibilisieren, etwas an ihrem eigenen Körper zu spüren. Und ich glaube, das geht nur in der realen Welt. Die Jugendlichen sollen nicht einfach ein Programm vorgesetzt bekommen und sich dann gut unterhalten fühlen. Es ist keine Reality-Show, sondern ein Programm, das die Realität erlebbar und spürbar machen soll. Ich sträube mich deswegen etwas dagegen, da jetzt irgendwie ganz viel Technik reinzubringen. Denn schlussendlich geht es einfach um nichts anderes, als den eigenen Körper und die eigene Wahrnehmung. Die Jugendlichen sollen das einfach für sich selbst spüren.
TE (24.0402026)



