Wie lässt sich das Bewusstsein für Zivilcourage bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen über soziale Netzwerke schärfen? Dieser Frage gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen des Forschungsvorhabens PräDiSiKo nach. Dafür haben sie das Forschungs- und Präventionsprojekt „Zivile Helden“ ins Leben gerufen. Die Kommunikation mit den Zielgruppen erfolgt überwiegend über digitale Kanäle und Social Media: Auf Facebook, Twitter und Co. werden Zivilcourage und Handlungskompetenz, etwa bei Hassbotschaften im Netz, mittels interaktiver Szenarien sowohl spielerisch als auch informativ gefördert.
So wird man ein „Ziviler Held“
In kurzen interaktiven Videos können die Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Verlauf einer Geschichte wie in der beliebten Netflix-Serie „Black Mirror“ selbst bestimmen. Sie werden an mehreren Stellen dazu aufgefordert, sich innerhalb von wenigen Sekunden zwischen zwei Handlungsoptionen zu entscheiden. Im Fall einer nächtlichen Auseinandersetzung in einer Tiefgarage, bei der es zu Pöbeleien und Handgreiflichkeiten zwischen zwei Parteien kommt, bedeutet das etwa: Weglaufen oder beobachten? Hilfe holen oder weiter zusehen? Erreicht man 100 Punkte, ist man ein „Ziviler Held“ und hat alles richtig gemacht. Der inhaltliche Schwerpunkt von „Zivile Helden“ liegt auf den Themen Gewalt in der Öffentlichkeit, Hass im Netz (Hassrede) und Radikalisierung bzw. Verbreitung extremistischer Ideologien. Dazu gibt es auf der Kampagnenwebseite neben den interaktiven Videos auch Musik, Quizze und Verhaltenstipps.
Die Macher der „Zivilen Helden“ haben das Projekt in einem Forschungsverbund entwickelt (v. l.: Theodor Paxino, Geschäftsführer von Mosaiq, Verbundkoordinatorin Prof. Gabriele Kille und Kriminaloberrat Harald Schmidt)
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Emotionen, Humor und Identifikation
Der Forschungsverbund hat sich das Ziel gesetzt, neue Kommunikationswege in den sozialen Medien für die Verbreitung von kriminalpräventiven Inhalten zu nutzen und sie auf ihren Erfolg hin zu untersuchen. Die wichtigste Fragestellung: Können kriminalpräventive Inhalte so über soziale Medien verbreitet werden, dass sie bei der Zielgruppe ankommen, von dieser angenommen werden und mehr sicherheitsbewusstes Verhalten auslösen? Geleitet wird PräDiSiKo von Gabriele Kille, die an der Hochschule der Medien (HdM) als Professorin in den Bereichen Visuelle Kommunikation, Bildsprache & Fotodesign forscht und lehrt. Die Kampagne „Zivile Helden“ wird von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in der Praxis getestet. Zum Verbund gehören auch Partner aus anderen wissenschaftlichen Bereichen und der Wirtschaft. So haben beispielsweise Medienwissenschaftler vor der Entwicklung des Konzeptes erfasst, welche Inhalte (Filme oder Texte) bei der Zielgruppe besonders in Erinnerung bleiben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand nachhaltig mit einem vermittelten Inhalt, zum Beispiel Sicherheitsempfehlungen der Polizei, auseinandersetzt, erhöht sich, wenn Emotionen, Humor und Identifikation eine tragende Rolle spielen“, erklärt Prof. Gabriele Kille.
Herzstück Social Media
Die interaktiven Inhalte auf der Webseite sind als Einstieg und Anregung für eine Auseinandersetzung und Diskussion mit polizeilichen Empfehlungen zu verstehen. „Das Herzstück aber ist der Dialog mit der Zielgruppe auf den sozialen Netzwerken Facebook, Twitter, Instagram sowie über Youtube und die App „Jodel“, stellt Gabriele Kille klar. „Denn wir gehen davon aus, dass sich auch online das bewährt, was in der Kriminalprävention seit Jahrzehnten entscheidend ist: der Kontakt zu den Menschen, um Inhalte konsequent vermitteln zu können.“ Dazu werden auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen weitere emotionale Bilder und Videos gepostet, Diskussionen angeboten sowie Fragen beantwortet, die zusätzliche Aufmerksamkeit auf das Thema Zivilcourage lenken und die Kommunikation anregen. Auf diese Weise wollen die Macher herausfinden, ob die Polizei über soziale Netzwerke genauso erfolgreich kommunizieren kann wie im persönlichen Kontakt. Gabriele Kille: „Daraus leiten wir schließlich Empfehlungen für die Polizei ab, die sich insbesondere auf die Kommunikation von kriminalpräventiven Inhalten übertragen lassen und für alle zukünftigen strategischen Kommunikationskonzepte entscheidend sind.“
Was ist „PräDiSiKo“?
PräDiSiKo ist eine Abkürzung für „Präventive Digitale Sicherheitskommunikation“. Das Projekt läuft bis Ende Oktober 2019. Der aktuelle Stand ist auf der Webseite dargestellt. Auch die Ergebnisse werden nach Projektende dort veröffentlicht.
Positives Zwischenfazit
Die ersten Zwischenergebnisse deuten bislang in eine vielversprechende Richtung. „Es zeigt sich, dass die Inhalte durchaus von der Zielgruppe angenommen werden“, freut sich Gabriele Kille. Da auch die Kostenperspektive für alle Entscheidungsträger eine wichtige Grundlage für die kriminalpräventive Arbeit ist, untersucht das Institut für Wirtschaftspolitik an der Leibniz Universität Hannover als Verbundpartner „Zivilen Helden“ auch auf seine Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu klassischer Prävention. „Besonders an unserem Projekt ist, dass das Konzept nicht nur qualitativ daraufhin ausgewertet wird, ob die Inhalte auch bei der Zielgruppe verankert werden können, sondern auch in Form einer Kosten-Nutzen-Bewertung“, erklärt Kille. „Diese ökonomische Datengrundlage ist in der Kriminalprävention in Deutschland bislang einmalig.“ KF (31.05.2019)


