Weniger Autos, weniger Emissionen, weniger Parkplatznot: In ihren Anfängen vor rund zehn Jahren galten Carsharing-Dienste als große Hoffnungsträger der Verkehrswende. Besonders in den Innenstädten waren die Erwartungen an Autofahrer, auf ihren privaten Pkw zu verzichten, groß. Seitdem ist es jedoch nur wenigen Akteuren gelungen, ein profitables Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Selbst etablierte Anbieter haben mit einem hohen finanziellen Druck zu kämpfen. Um am Markt zu bestehen, entwickeln immer mehr Dienste sogenannte Super-Apps mit einem weitreichenden Service-Angebot.
Das Auto bleibt der Deutschen Liebling
Carsharing spart Geld und Zeit und ist gut für Umwelt und Klima. Trotzdem halten viele deutsche Autofahrerinnen und Autofahrer am eigenen Pkw fest. Denn offensichtlich fällt es ihnen doch nicht so leicht, auf ein eigenes Fahrzeug zu verzichten. Das belegt unter anderem die Entwicklung des Kfz-Bestands in Deutschland. Laut einer Auswertung des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) gab es 2008 landesweit 41,2 Millionen Pkw. Seither ist ihre Zahl Jahr für Jahr gestiegen. 2024 wurden 49,1 Millionen für den Verkehr zugelassene Pkw gezählt. Dabei steigt die Autodichte auch in den Städten. Dort sollte das Carsharing eigentlich für weniger Autos sorgen. Speziell in einigen Hochburgen durchgeführte Analysen zeigen, dass Carsharing als zusätzliches Angebot zwar durchaus angenommen wird, der erhoffte Autoverzicht-Effekt in der Statistik-Bilanz aber ausbleibt. Einer aktuellen Studie des TÜV zufolge will die Mehrheit der Menschen in Deutschland auch in Zukunft nicht auf ein eigenes Auto verzichten. Das Resultat: Viele Carsharing-Anbieter schaffen es nicht, die kritische Masse an Nutzern zu erreichen, die notwendig wäre, um profitabel zu werden.
Anbieter unter Kostendruck
Einer der Hauptgründe für das Scheitern vieler Carsharing-Anbieter sind die hohen Betriebskosten. Fahrzeuge müssen nicht nur gewartet und versichert werden, sondern auch regelmäßig verteilt oder im Falle von Elektrofahrzeugen geladen werden. Diese Kosten summieren sich schnell und machen die Dienste unrentabel. Zudem herrscht starker Wettbewerb: Taxi-ähnliche Fahrdienste wie Uber, private Autovermietungen und neue Mobilitätsangebote drängen auf den Markt und erschweren es den Carsharing-Anbietern, eine ausreichend große Nutzerbasis zu erreichen, um dauerhaft wirtschaftlich arbeiten zu können.
Eine weitere Herausforderung ist die Elektrifizierung. Denn die Förderung des Bundes für Ladeinfrastruktur ist einseitig auf private Pkw ausgerichtet. Die Ladeinfrastruktur für geteilte Pkw müssen die Carsharing-Anbieter selbst aufbauen. Dadurch entstehen enorme zusätzliche Kosten.
Cambio hat sich als zuverlässiger Akteur etabliert und gewinnt kontinuierlich neue Kunden
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Es gibt Lichtblicke
Trotz aller Widrigkeiten gibt es einige positive Beispiele, die zeigen, dass Carsharing erfolgreich sein kann. Der Bundesverband Carsharing e. V. (BCS) erhebt regelmäßig Daten zur deutschen Carsharing-Branche. Besonders stark gewachsen ist demnach das sogenannte „Freefloating“. Dabei steht das Leihfahrzeug an einem beliebigen Ort und kann per Smartphone geortet werden. Insgesamt waren im Jahr 2024 in diesem Segment 4,5 Millionen Kunden registriert – das sind 26,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Fahrzeuge ist um 42 Prozent auf 26.350 gestiegen. Unter den Freefloating-Anbietern hat es vor allem das deutsche Unternehmen Miles geschafft, sich am Markt zu etablieren. Es verfolgt einen nutzerfreundlichen Ansatz. Im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern setzt Miles nicht auf ein minutenbasiertes Abrechnungsmodell, sondern berechnet den Preis nach gefahrenen Kilometern. Dies sorgt für mehr Transparenz und Fairness. Das ist besonders für Kunden interessant, die im Stadtverkehr unterwegs sind und häufig im Stau stehen. Ein weiterer Erfolgsfaktor von Miles ist die Konzentration auf wenige, aber strategisch wichtige Städte. Das ermöglicht eine effizientere Nutzung der Flotte und senkt die Betriebskosten. Daneben gibt es auch konzernunabhängige kleinere Anbieter, die es geschafft haben, am Markt zu bestehen.Beim stationsbasierten Carsharing holt der Nutzer das Fahrzeug an einem festen Parkplatz ab und bringt es nach der Fahrt auch dorthin wieder zurück.In diesem Segment hat sich in den letzten Jahren vor allem die MarkeCambio durchgesetzt. Der regionale Anbieter setzt zunehmend auf Elektroautos und bietet Leihautos vor allem in Bremen, Niedersachsen und Hamburg sowie in Nordrhein-Westfalen an.
Zukunftschance „Super-Apps“
Hoffnung auf bessere Geschäfte in der Carsharing-Branche machen aktuell sogenannte Super-Apps. Diese mobilen Endanwendunge stellen ein umfangreiches Portfolio unterschiedlicher Dienstleistungen bereit. Dazu gehört auch die Abwicklung von Zahlungen und Finanztransaktionen. Damit decken diese Apps wesentliche Bereiche des persönlichen und geschäftlichen Lebens ab. Aufgrund von Komfortaspekten werden „Lock-In-Effekte“ erzielt: Dieselben Nutzer werden so oft wie möglich zur Plattform gebracht und dort so lange wie möglich aktiv gehalten. Ein gutes Beispiel dafür ist Uber. Das Unternehmen bietet neben Beförderungsdienstleistungen auch Essens-, Lebensmittel- und neuerdings sogar Paketlieferungen an. Es könnte sich also in Zukunft auch für Carsharing-Anbieter lohnen, ihr traditionelles Geschäft um alternative Erlösmodelle zu ergänzen, um noch mehr Ansprüchen und Lebenssituationen von Nutzerinnen und Nutzern gerecht zu werden. Den ersten Schritt in diese Richtung hat das Unternehmen Miles gemacht. Es bietet neben seinem flexiblen Sharing-Angebot seit 2023 auch eine Auto-Abo-Option an.
KF (31.01.2025)



