Ob Schildkröte, Bartagame oder Chamäleon: In Deutschland wächst seit Jahren das Interesse an exotischen Tieren. Doch ihre Haltung ist ethisch, ökologisch und rechtlich problematisch – besonders dann, wenn es um artengeschützte oder gefährliche Tiere geht. Wer dennoch ein exotisches Tier halten möchte, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, sich umfassend informieren und ausschließlich gesetzeskonform handeln.
In diesem Text erfahren Sie:
Florierender Handel
Im Jahr 2024 wurden rund 212.571 Reptilien aus Nicht‑EU‑Staaten nach Deutschland eingeführt. Der Corona‑Lockdown führte 2020 kurzfristig zu einem regelrechten „Exoten‑Trend“. Inzwischen ist der Handel wieder auf dem Stand von vor der Pandemie angekommen – aber immer noch auf einem hohen Niveau. Schätzungsweise ein Drittel der eingeführten Tiere sind Wildfänge. Sie wurden direkt aus der natürlichen Umgebung entnommen und oft unter schlechten Bedingungen nach Deutschland transportiert. Neben Reptilien werden auch exotische Säugetiere wie Affen, Stinktiere oder Igel importiert. Tierschutzorganisationen wie Peta und Pro Wildlife kritisieren die unzureichende gesetzliche Regulierung scharf und fordern ein Import- und Haltungsverbot. Denn die Privathaltung exotischer Tiere führt nicht nur zu erheblichem Tierleid, sondern fördert auch die Verbreitung invasiver Arten, die heimische Ökosysteme bedrohen. Zudem steigt die Gefahr zoonotischer Krankheiten: Reptilien tragen häufig Salmonellen und Wildtiere sind potenzielle Überträger anderer Krankheitserreger.
Illegale Wege
Rechtlich gilt: Arten unter CITES (Convention on International Trade in Endangered Species) oder der EU-Verordnung 338/97 unterliegen strengen Einfuhr-, Verkaufs- und Meldepflichten, die national über das Bundesnaturschutzgesetz bzw. die Bundesartenschutzverordnung umgesetzt werden. Doch mangels bundeseinheitlicher Vorschriften kontrollieren Landesbehörden die Haltung exotischer, nicht gefährlicher Arten oft nur unzureichend und es gelangen jedes Jahr Tausende geschützte Tierarten illegal über die Grenze. „Es ist nicht schwer, ein solches Tier illegal nach Deutschland zu holen“, sagte Florian Eiserlo von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ gegenüber ZDFheute. Die Gesetzeslage sei „miserabel“. Besonders betroffen sind Arten aus Afrika, Asien und Südamerika. Händler und Schmuggler nutzen dabei verschiedene Schlupflöcher:
- Deklaration als Nachzuchten: Viele Wildfänge werden fälschlich als gezüchtet deklariert, um Einfuhrgenehmigungen zu erhalten (z. B. Vierzehenschildkröten, die aus der Türkei oder Nordafrika stammen und mit gefälschten Papieren versehen werden).
- Schmuggel im Gepäck: Tiere werden häufig über Landesgrenzen im Kofferraum, in Socken oder Plastikflaschen transportiert – lebendig und meist unter katastrophalen Bedingungen.
- Verkauf über Internetforen und soziale Medien: Onlineplattformen machen es einfach, exotische Tiere zu kaufen, oft ohne Herkunftsnachweis oder Genehmigungen.
Einige Tiere werden absichtlich falsch deklariert und als „legal“ verkauft
KOTOPHOTO/stock.adobe.com
Risiken für Halter und Tiere
Die Haltung exotischer oder gar gefährlicher Tiere birgt ernstzunehmende Risiken. Dazu zählen für die Tiere:
- ungeeignete Haltungsbedingungen: Viele exotische Tiere haben sehr spezifische Bedürfnisse, die in Privathaushalten oft nicht erfüllt werden. Stimmen Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht und Futter nicht, führt dies zu Stress, Verhaltensstörungen und Krankheiten.
- hohe Sterblichkeitsrate: Besonders bei Wildfängen sterben viele Tiere schon beim Fang, auf dem Transportweg oder kurz nach dem Kauf.
- fehlende tierärztliche Versorgung: Für viele exotische Arten gibt es kaum spezialisierte Tierärzte. Krankheiten werden oft zu spät erkannt oder falsch behandelt.
- Vernachlässigung oder Aussetzung: Viele Halter unterschätzen Aufwand, Größe oder Lebensdauer. Tiere werden ausgesetzt oder abgegeben, was zu Invasionsrisiken führt.
Für die Halter:
- Gesundheitsgefahren (Zoonosen): Exotische Tiere können gefährliche Krankheiten auf den Menschen übertragen, darunter Salmonellen, Tuberkulose, Herpesviren und Parasiten.
- Verletzungsrisiko: Einige Tiere (z. B. Schlangen, Affen, Raubkatzen) können beißen, kratzen oder ihre Halter sogar tödlich verletzen. Zudem besteht die Gefahr durch Gifte (bei Schlangen, Skorpionen oder Fröschen).
- rechtliche Konsequenzen: Unwissenheit über Meldepflichten, Artenschutzbestimmungen oder Haltungsauflagen kann zu Bußgeldern oder Tierbeschlagnahmung führen.
- langfristige Verantwortung: Viele exotische Tiere werden 30 Jahre oder älter (z. B. Papageien, Schildkröten). Die Pflege kann teuer und zeitintensiv sein – das unterschätzen viele.
Tierschützer fordern Positivliste
Derzeit gibt es in Deutschland keine verpflichtenden Vorgaben oder Regelungen zur Haltung von Reptilien und Wildtieren. Nur neun Bundesländer verbieten die Haltung bestimmter gefährlicher Tierarten. Tierschützerinnen und Tierschützer sowie Umweltverbände fordern eine sogenannte Positivliste, die genau festlegt, welche Tierarten in Privathand erlaubt sind. Noch nicht gehandelte Tierarten dürften erst dann auf den deutschen Markt kommen, wenn die Behörden sie auf die Positivliste setzen. Zoll, Polizei oder Veterinärämter könnten dann schneller einschreiten. Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund meint dazu: „Deutschland ist ein Dreh- und Angelpunkt des Wildtierimports. Eine wissenschaftlich fundierte Positivliste könnte erheblich helfen.“ Auch Rüdiger Jürgensen von „Vier Pfoten“ Deutschland appellierte im September 2024 bei einer Petition an die Bundesregierung: „Vier Pfoten fordert die Politik auf, endlich bundeseinheitliche Regelungen in Form einer sogenannten Positivliste einzuführen. Dies wäre ein effektives Mittel, um dem unkontrollierten Handel und der Privathaltung von Wildtieren angemessen entgegenzutreten.“
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter dem damaligen Minister Özdemir zeigte grundsätzlich Sympathie für das Positivlisten-Konzept, sowohl auf nationaler als auch auf EU‑Ebene. Dennoch enthält der aktuelle Entwurf zur Novelle des Tierschutzgesetzes (Stand September 2024) bislang keine entsprechende Regelung. Damit bleibt die Positivliste ein politisches Ziel ohne konkrete Umsetzung. Ob sie im weiteren Gesetzgebungsverfahren noch aufgenommen wird, ist unklar.
Tipps zur verantwortungsvollen Haltung
Wer sich trotz Risiken für die private Haltung eines exotischen Tieres entscheidet, sollte sich gründlich vorbereiten. Folgende Tipps helfen dabei:
- nur Nachzuchten von seriösen Züchtern kaufen: Wildfänge sind in der Regel mit Leid verbunden und rechtlich problematisch. Seriöse Anbieter legen entsprechende Papiere vor (z. B. CITES-Nachweise).
- Erlaubnispflichten beachten: In vielen Bundesländern gelten Meldepflichten oder Sachkundenachweise, vor allem bei gefährlichen Arten.
- artgerechte Unterbringung sicherstellen: Das Terrarium muss den Anforderungen der jeweiligen Art angepasst sein – hinsichtlich Größe, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Versteckmöglichkeiten.
- Zukunft mitdenken: Wer übernimmt das Tier bei Krankheit, Umzug oder finanziellen Engpässen?
- rechtzeitig beim Veterinäramt informieren: Die Haltung geschützter Arten muss dort angemeldet werden. Dokumentationspflichten sind einzuhalten.
KF (29.08.2025)

