Zivilcourage ist nicht von körperlicher Stärke abhängig
Zivilcourage ist nicht von körperlicher Stärke abhängig

Selbstbewusst eingreifen und helfen

Frauen und Zivilcourage

U-Bahnhof Berlin-Mitte, in einer Nacht am Wochenende: Zwischen müden Passanten und ausgelassenen Partygängern wird ein 17-Jähriger von einer Männergruppe angegriffen. Sie treten ihn zu Boden und schlagen immer wieder auf ihn ein. Danach flüchten sie unerkannt. Vorfälle wie dieser im Februar 2017 passieren immer wieder. Es kommt zu Schlägereien und Auseinandersetzungen an öffentlichen Plätzen und U-Bahnstationen, die trotz ihrer Heftigkeit unbeachtet bleiben und den Tätern eine unerkannte Flucht ermöglichen. Doch warum greift niemand der Umstehenden ein? Psychologen haben herausgefunden, dass viele Passanten wegschauen, bevor sie eine derartige Situation überhaupt erfasst haben oder über ihr eigenes Handeln nachdenken. Außerdem tendieren Menschen dazu, die Verantwortung an andere weiterzugeben. Denn je mehr Passanten bei so einem Konflikt dabei sind, desto weniger fühlt sich der einzelne zum Handeln verpflichtet. Doch wie entwickelt man die Bereitschaft, einzugreifen und Zivilcourage zu zeigen? Was sind dabei die entscheidenden Faktoren? Spielt es eine Rolle, ob man groß oder klein, stark oder schwach, männlich oder weiblich ist?

Schreien gegen Angst und Unsicherheit

Maria Plötz, Vertreterin der Bundesfrauengruppe der GdP und Polizeibeamtin im Sachgebiet Prävention und Verbrechensbekämpfung in Niederbayern, gibt Kurse und Seminare zum Thema Zivilcourage. Gemeinsam mit den Teilnehmern ihrer Kurse spürt sie den Ursachen von Konflikten nach, um dann Möglichkeiten des Handelns aufzuzeigen. „Das Thema ist nicht frauenspezifisch, es betrifft auch Männer. Es ist aber bezeichnend, dass sich Frauen ein Eingreifen oftmals nicht zutrauen“, berichtet sie von den Erfahrungen mit ihren Teilnehmerinnen. In ihren Kursen, die auf Anfrage auch als reine Frauenveranstaltungen organisiert sind, nähert sie sich dem Thema Zivilcourage zunächst über das Gefühl der Angst an. Angst kann dabei viele Ursachen haben. Sie kommt zum Beispiel von einem Gefühl der körperlichen Unterlegenheit oder von mangelndem Selbstbewusstsein. Plötz sieht die Angst vor einem Eingreifen aber vor allem in der Unsicherheit über die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Um den Teilnehmern ihre verbalen Möglichkeiten deutlich zu machen, fordert sie sie im Kurs dazu auf, laut zu schreien. Es sei wichtig, die eigene Stimme zu hören, um diese in Notsituationen auch einzusetzen. Während der Täter normalerweise davon profitiert, dass vorbeilaufende Passanten wegsehen und weitergehen, müsse man ihm deutlich machen, dass seine Tat bemerkt wird. In einer brenzligen Situation rät Plötz zunächst dazu, sich einen Überblick zu verschaffen: Wer ist beteiligt? Wie viele Täter gibt es? Wie ist der Zustand des Opfers? Wer ist sonst noch in der Nähe? Anschließend sollte man Menschen in der Nähe durch eine direkte und laute Ansprache auf die Situation aufmerksam machen und um Mithilfe bitten. „Oft muss eine Person das Eis brechen, damit auch andere die Initiative zum Helfen ergreifen“, erklärt sie. Ist mal niemand in der Nähe und ein alleiniges Eingreifen zu gefährlich, ist es immer möglich, den Notruf zu wählen und sich von den Polizeibeamten weitere Anweisungen geben zu lassen.

Maria Plötz ist Vertreterin der Bundesfrauengruppe der GdP und Polizeibeamtin in Niederbayern

© privat

Körpersprache vs. Kampftechniken

Zivilcouragiert handeln bedeutet, dass man dem Täter gegenüber eine klare Position bezieht. Deswegen ist es wichtig, dem Täter selbstbewusst und mit einer sicheren Körpersprache entgegenzutreten: „Eine gerade und sichere Körperhaltung zeugt von Wehrhaftigkeit und der Bereitschaft zu helfen. Im Vergleich dazu erscheint jemand, der gebückt und distanziert auftritt, wehrlos und angreifbar.“ Ein selbstbewusster Helfer mit fester Stimme kann einen Täter während eines Konflikts verunsichern, was zu einem Überraschungsmoment führen kann. „Wenn der Täter überrascht wird, richtet er seine Aufmerksamkeit für einen Moment lang nicht mehr auf sein Opfer, sondern auf die umstehenden Personen. Das Opfer könnte diesen Moment nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen“, erklärt Plötz. Neben Kursen, die den Teilnehmern eine sichere Körpersprache und ein selbstbewusstes Auftreten vermitteln, gibt es auch vermehrt Kursangebote, in denen die Teilnehmer Kampftechniken zur Selbstverteidigung lernen können. Obwohl Plötz das Angebot grundsätzlich positiv sieht, findet sie, dass das Erlernen und die Anwendung von Kampftechniken nur langfristig Sinn macht: „Es ist jahrelange Übung erforderlich bis man die einzelnen Techniken verinnerlicht hat und richtig anwenden kann.“ Den Einsatz von Pfefferspray sieht sie kritisch. Sie warnt vor neuen Gefahren, die durch den Besitz einer solchen Waffe entstehen können: „Man sollte immer wissen, wie man mit einer Waffe umgeht und sich darüber im Klaren sein, dass sie auch gegen einen selbst verwendet werden kann.“ Im Zweifel rät sie dazu die eigene Stimme zu nutzen und irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung, können auch Dinge des täglichen Lebens, wie die eigene Tasche oder ein Regenschirm zur Verteidigung benutzt werden.

Der entscheidende Faktor

Man kann nicht garantieren, dass jemand nach der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Zivilcourage seine Ängste und Unsicherheiten überwindet und sich selbstbewusst und in jeden Konflikt einmischen wird. Der entscheidende Faktor ist aber, dass jemand in einer brenzligen Situation überhaupt hinguckt, sie versucht einzuschätzen und andere Menschen darauf aufmerksam macht. Der Täter muss Widerstand bemerken und dem Opfer muss geholfen werden. Wie genau der Konflikt gelöst wird, ist situationsabhängig. Wichtiger ist die innere Entschlossenheit, dass jemand in der Nähe ist, der helfen möchte und dazu jede Möglichkeit nutzt, die ihm zur Verfügung steht. Das gibt auch Maria Plötz ihren Teilnehmern am Ende eines Kurses zur Ermutigung mit auf den Weg: „Zivilcourage ist nicht von körperlicher Stärke und Größe abhängig, sondern vielmehr von der Bereitschaft und der Einstellung dazu, Hilfe leisten zu wollen.“ FL (24.02.2017)

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